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«Die Mächtigen skalpieren mit Blicken» – ein Regierungsberater über den Zirkus der Mächtigen

Aufgewachsen in Israel und Afrika, kurz vor der Aushebung eingebürgert in der Schweiz, mit Kanzlei in New York, jetzt Autor: Daniel Levin in Zürich. Severin Bigler

Aufgewachsen in Israel und Afrika, kurz vor der Aushebung eingebürgert in der Schweiz, mit Kanzlei in New York, jetzt Autor: Daniel Levin in Zürich. Severin Bigler

Ein weltweit tätiger Regierungsberater schildert die Globalisierung von innen her, als Zirkus von Eitelkeit und Gier.

So viel die Rede auch ist vom «globalisierten Menschen», dem angeblichen Gewinner der letzten zwanzig Jahre: Sind wir je einem solchen Exemplar begegnet? Ist das nicht bloss ein Nebelbild aus Vorurteilen? Wo schwirrt der klassische Globalisierungs-Typ denn rum? Der muss hie und da ja auch wieder mal landen auf dem harten Boden. Gäbe es gar einen Prototyp davon?

Kein Mann des «Panels» (engl. für Schwatzbude), sondern ein Mann der Tat, mit Synthese nach Analyse, mit anwendbaren Lösungen. Also nicht zu verwechseln mit dem «Davos-Mann», jenem WEF-Pilger, der so tut, als sei er besorgt um «globale Probleme», vorwiegend aber Meuteverhalten von Davos frönt, dem Aberglauben ans «Networking». Im Unterschied zu ihnen wäre eine Begegnung mit einem pionierhaft «Globalisierten» wirklich spannend, einem starken eigenständigen Kopf.

Ein solcher Mann ist Daniel Levin (54). Erstens von der Herkunft her. Zweitens aufgrund seiner Tätigkeit. Drittens gibt es aktuell Anlass, ihn zu treffen. Levin schrieb, was selten ist in seiner Sphäre, ein Buch über seine Erfahrung. Deren Quintessenz nennt schon der Titel: «Alles nur ein Zirkus – Fehltritte unter Mächtigen». Geschrieben hat es Levin auf Englisch; in deutscher Übersetzung erscheint es jetzt in Zürich.

Zehn Kapitel über «Machtaxiome»

Daniel Levin verbrachte seine Kindheit als Sohn eines israelischen Diplomaten und einer Schweizer Mutter im Mittleren Osten und in Afrika. In Zürich besuchte er das Gymnasium; eine Woche vor der Aushebung sei er eingebürgert worden und konnte gleich mal dienen unter der Fahne – «eine meiner Fahnen», lächelt er. Seit über zwanzig Jahren arbeitet Levin weltweit für Regierungen und Institutionen, als Berater für wirtschaftliche Entwicklung und politische Reformen. Unter anderem in Arabien, in Südafrika (mit Mandela), in Zentralamerika.

Viele Wirtschaftskanzleien, sagt er, folgten beim «Globalisieren» eher den Banken, seine Kanzlei den Ländern. Gegenwärtig ist er Mitglied des Stiftungsrates der Liechtenstein Foundation for State Governance. Die Stiftung hat sein Aufbausystem übernommen, um in Afrika eine neue Wirtschaftsstruktur mit allen zugehörigen Rechtssektoren aufzubauen. Levin ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt nahe New York City.

Unsere Begegnung findet statt, auf Levins Vorschlag, im Zürcher Hotel «Baur au Lac». In solcher Ambiance sei er doch ständig unterwegs, sagen wir und bemühen uns gar nicht ums Verhehlen eines mokanten Anflugs. Airports, Luxus-Hotels, Stretchlimos – so stellt sich der wie Efeu an der immer gleichen Wand gekrallte Zeitgenosse doch den «globalisierten» Hansdampf vor.

Wie «Globalisierer» Geschäfte einfädeln – darüber zeichnete Levin jetzt ein Bild bzw. zehn Bilder in zehn Kapiteln zwischen einem Prolog und einem Epilog. Zehn «Axiome der Macht», nennt es Levin: ein Bild über Gier, eins über Manipulation, ein weiteres über Selbstbetrug und so weiter.

Im Kapitel über einen Hochstapler, den Levin in Washington kennen lernt und ihm dann nach Dubai folgt, beschreibt er ihren typischen «DC-Skalp-Blick». Das Hotel in Washington DC, wo sich Leute mit Einfluss treffen, aber auch «great Pretenders», die nur so wirken, ist das «Four Seasons». Jeder, der da eintrete, «skalpiert» mit einem Blick die Anwesenden, «die Augen nur wenig über dem Haaransatz der nächsten Person», schreibt Daniel Levin: «Im Grunde ist es die Suche nach der vielversprechendsten Gelegenheit, sich bei jemandem von noch grösserer Wichtigkeit anzubiedern».

Nun muss man keineswegs nach Washington reisen und sich im «Four Seasons» dieser an und für sich läppischen Beobachtung wegen ruinieren. Den «Skalp-Blick» haben auch lokale Habitués drauf beim Betreten des «Kindli» in Zürich (da sass am Dienstagabend etwa der frühere Nationalbank-Chef Philipp Hildebrand) oder des «Rössli» in Gipf-Oberfrick. Wer wäre so naiv und nähme allen Ernstes an, dass solche Muster nicht vergleichbar wären?

In einer Besprechung des Buchs merkte der «Guardian» an, Levins Insiderbericht komme entweder zu spät oder renne offene Türen ein. Tatsächlich: Wie viele Bücher und Filme ploppten nach der Finanzkrise nicht auf zum Thema und malten ein Panorama der Zockerepoche, das an Zynismus und Verkommenheit tiefer gar nicht einzuschwärzen ist. Und jetzt schildert uns Levin seine Fassungslosigkeit, wenn der Chef einer New Yorker Grosskanzlei erst sein Business in Europa unter Dach und Fach bringt, ehe er zurückfliegt in die USA, ans Spitalbett seiner schwer verunfallten Frau.

Anders als wirklich «tote Seelen»

Genau das spricht in gewisser Weise für Levin. Er verzweigt oder verlängert den Zynismus der Mischpoke nicht auch noch publizistisch – als Romancier solchen Zuschnitts wäre etwa der grauenhafte Bret Easton Ellis zu nennen, im Film der nicht weniger schreckliche Quentin Tarantino. Levin, anders als die wirklich «toten Seelen», steht noch diesseits des Schwarzen Lochs. Das spürt man beim Gespräch mit ihm zu jeder Minute. Levin ist charmant, freundlich, umgänglich, auch furchtlos im Urteil, deutlich im Wort, wo es sein muss, unsentimental, gescheit, anekdotenreich und analytisch.

Seit er dreizehn Jahre alt sei, sagt Levin, schreibe er Tagebuch. Er müsse rapportieren, was er erlebe. Das täte jeder vernünftige Mensch an seiner Stelle auch. Am vorliegenden Buch habe er erst in Syrien zu schreiben begonnen, sozusagen als Therapie, während Vorkommnissen, die an Entsetzlichkeit unvorstellbar sind: Entführungen minderjähriger Mädchen, die abgerichtet werden zu Prostitution, Drogen- und Waffenschmuggel. Auch da war er nah dabei – und eben nicht nur in teppichgedämpften Five-Star-Lobbys unterwegs.

Ob er danach weiterschreibe, sei ungewiss: «Ich habe noch viel Vernünftiges vorher zu tun.» Das ist nicht die Aussage eines aus dem Knochenmark heraus schreibenden Menschen. Vielleicht darum ist Levins Sachbuch sub-literarisch. Heute würde er sicher die Erzählperspektive ändern von «Alles nur ein Zirkus». Das wurde dem Buch da und dort als Mangel ausgelegt: Der Autor knüpfe seine Beobachtungen zu stark an die eigene Person. Gewisse Passagen sind nicht frei von einem Anflug an Selbstgerechtigkeit, böse Leser wittern womöglich gar Selbstmitleid. Das wären in Bezug auf Levin völlig falsche Rückschlüsse. Man kann sich angesichts seiner Klarsicht in so vielen Dingen sicher sein: Mängel solcher Art finden sich bei Levin im nächsten Buch nicht.

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