Fachliteratur

Die Gegenwart der Geschichte

Der Esel ist dem Tempo der Moderne nicht gewachsen, er erschrickt vor dem Auto und bleibt störrisch stehen – er behindert den Fortschritt. akg-images / arkivi

Der Esel ist dem Tempo der Moderne nicht gewachsen, er erschrickt vor dem Auto und bleibt störrisch stehen – er behindert den Fortschritt. akg-images / arkivi

Vier Historiker zeichnen den Weg von der Industrialisierung zur Globalisierung.

China war vor etwa 300 Jahren «vermutlich die grösste Wirtschaftsmacht der Welt». Das kann man lesen im Band 4 der «Geschichte der Welt», der dieses Jahr erschienen ist, und der sich beschäftigt mit der Zeit von «1750–1870. Wege zur modernen Welt». Es ist ein Ausblick auf die Gegenwart.

Das chinesische Territorium war damals grösser als heute, die Bevölkerung verdoppelte sich innert kurzer Zeit auf 300 Millionen Menschen, und das Reich genügte sich selbst. Die Geschenke des britischen Gesandten galten dem Kaiser als Tribut des fernen Königs, und als die Briten auf liberalere Handelsbeziehungen drängten, erklärte er: «Meine Dynastie bringt Produkten aus dem Ausland keinerlei Wertschätzung entgegen.»

Die Briten hingegen, die zu viel Tee einkauften (und Seide und Keramik), mochten das wachsende Handelsbilanzdefizit aber nicht leiden und betrieben zum Ausgleich einen schwunghaften Export von indischem Opium nach China. Als die Chinesen den Opiumhandel verboten, zwangen die Briten, Franzosen und Amerikaner mit dem ersten und zweiten Opiumkrieg in zwei «Ungleichen Verträgen» China zur Öffnung der Häfen und des chinesischen Marktes.

Zur Kolonie degradiert

China wurde damit innert kürzester Zeit von Asiens Vormacht zu einer Art Kolonie, dominiert von den euro-amerikanischen Wirtschaftsmächten und bedrängt von den Nachbarn Japan und Russland, die ebenfalls ihre Stellung in der Welt ausbauen wollten. Es war zweifellos eine traumatische Erfahrung. Man kann nach diesem Blick auf die Geschichte die Beweggründe der heutigen chinesischen Führung für ihre gegenwärtige Sicherheitspolitik nachvollziehen. Es ist nicht so sehr der Kalte Krieg – eine kurze Episode in der Geschichte –, der Chinas Führung antreibt. Es sind die grossen historischen Erfahrungen, die häufig das Verhalten von Völkern und Staaten prägen. Das bedeutet nicht Rechtfertigung einer rücksichtslosen Sicherheitspolitik, aber es bringt Verständnis auch für unsere Zeit. Geschichte bestimmt die Gegenwart.

Die Reihe über die «Geschichte der Welt» hat sich schon in früher erschienenen Bänden das Verdienst erworben, dass sie die grossen Bögen und Entwicklungen darstellt, die quer durch die Völkerschaften, Länder, Staaten verlaufen: transnationale Strömungen. Mit der Zeit von 1750 – 1870 fasst sie die «Wege zur modernen Welt» ins Auge, und damit ist sie von schlagender Aktualität.

Die vier Autoren schildern wie im Brennglas, wie sich Geschichte bündelt und wie sich Verbindungen zwischen den Kontinenten geradezu explosiv entwickeln. Die Verschleppung von Sklaven aus Afrika über den Atlantik in das südliche und nördliche Amerika war eine Triebkraft der wirtschaftlichen Entwicklung – billige Arbeitskräfte –, die andere war der wachsende Handel der europäischen Staaten mit Asien. 1788 begann die systematische Besiedlung Australiens mit britischen Häftlingen – man wollte die Unterschicht in England ausdünnen –, 1789 begann die Französische Revolution mit all den folgenden Revolutionskriegen, und im gleichen Jahr wurde George Washington der erste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika – es war der Beginn der Staatlichkeit der USA. Frankreich, England, Russland, Österreich und Preussen handelten damals als europäische Grossmächte mit globaler Reichweite – Frankreich und England haben diesen Anspruch immer noch, Russland sowieso.

Vier Interessensphären in Asien

In Asien hatten sich vier Imperien eingerichtet: das britische (in Indien), russische, chinesische und osmanische. China hatte sich tibetische, mongolische und islamisch besiedelte Gebiete unterworfen, das russische Zarenreich erforschte und kolonisierte Sibirien, dehnte sich aus zum Schwarzen Meer. – Die Krim war als strategischer Ort für Handel und Militär über die Jahrhunderte immer umkämpft; sie war taurisch (ein antikes Hirtenvolk), griechisch, skandinavisch, mongolisch, tatarisch, und russisch erst im 18. Jahrhundert.

Die Autoren – allesamt hoch angesehene Historiker – garantieren für einen Blick auf Querbeziehungen zwischen Kontinenten und Kulturen und auf Merkmale, die wir heute als Teil der Globalisierung erleben und verstehen. Die beiden Herausgeber Sebastian Conrad (Freie Universität Berlin) und Jürgen Osterhammel (Konstanz) verweisen auf Merkmale heutiger Globalisierung, die schon zwischen 1750 und 1870 erkennbar waren: interkontinentaler Handel mit Rohstoffen und Agrarprodukten in grossen Mengen, Auslandsinvestitionen, Ferntourismus, grenzüberschreitende Standardisierungen, aber auch «politische Ordnungsvorstellungen wie der Verfassungsgedanke, Expansion von Weltreligionen» – Merkmale, die auch heute noch politisch-ökonomischen und ideologischen Sprengstoff enthalten. Dazu die kühle Feststellung des Welthistorikers: «Im 19. Jahrhundert liess die Industrialisierung der Verkehrsmittel die Migration erstmals zu einem Massenphänomen werden.»

Alles ging auf einmal schneller

Es war eine neue Geschwindigkeit und tief greifende Veränderung zugleich. Die neuen Kommunikationsmittel – Telefon, Telegraf – haben Information und Kommunikation nicht nur zu einem wirklich weltweiten Netz verwoben, sie haben sie auch enorm beschleunigt. Die neuen Transportmittel Eisenbahn und Dampfschiff haben die Verbindungen auf den Flüssen und Strömen und über die Meere zu enorm leistungsfähigen Transportwegen gemacht und grosse Mengen von Waren und von Menschen in überschaubarer Zeit bewegen können.

Roy Bin Wong, Asienspezialist an der Universität Los Angeles, zieht den Vergleich weiter bis in die Gegenwart: «Die Dampfkraft war das, was Technikhistoriker als ‹Allzwecktechnologie› bezeichnen» und: «Der Siliziumchip war die Allzwecktechnologie des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts.» Beide, Dampfkraft wie Silizium, waren Technologien, die eine Revolution der Produktionsweise und der ganzen Gesellschaft herbeiführten. Die Dampfkraft führte zur industriellen Revolution mit ihrer Verstädterung, mit der Herausbildung der neuen Arbeiterklasse und einer heftigen Phase des Klassenkampfs. Aber, so Bin Wong, sie führte auch zu einer neuen politischen Praxis, zum Beispiel in den USA. Sie produzierte eine politisch-ökonomische Schicht, der es durch alle Krisen hindurch gelang, ihre politische Macht mit der Produktion von bezahlbarem Überfluss so zu verbinden, dass ein ausreichend grosser Teil der Bevölkerung ruhiggestellt werden konnte.

Das scheint heute, wie der Wahlsieg von Donald Trump signalisiert, nicht mehr der Fall zu sein. Das alte Establishment wurde abgewählt, und für die Epoche des Silicium-Zeitalters ist die bekömmliche politische Form noch nicht gefunden. Alte Probleme brechen wieder auf.

Aufklärung und Religion

Die Aufklärung brachte ein Verständnis des Menschen mit individueller Eigenverantwortung, sie forderte die Herrschaft der Vernunft in Gesellschaft und Staat und damit auch die Trennung von Kirche und Staat, die in mehr oder minder heftigen Kulturkämpfen durchgesetzt werden musste. Mit der politischen Forderung, das «christliche Abendland» als Leitkultur zu definieren, wird diese Errungenschaft heute wieder infrage gestellt, nach dem Motto: Wer herrscht, bestimmt auch Religion und Kultur. Das wäre wohl doch ein Rückfall in die Zeit vor der Aufklärung und der vernunftbestimmten freiheitlichen Demokratie.

Aber auch die Aufklärung selbst wurde von den euro-amerikanischen Kolonisatoren häufig verstanden als Ausdruck der Überlegenheit der westlichen Kultur über die Kultur der Kolonisierten. Es scheint, dass in der Krise der industrialisierten Welt dieser eigentümliche Wunsch der weissen Rasse nach Überlegenheit wieder durchbricht..

Die «Geschichte der Welt» macht aber klar, dass die euro-amerikanische weisse Vorherrschaft nur eine zeitlich klar begrenzte Epoche ist.

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