Highlight des Jahres

Die emotionale Kälte einer Familie:  «Favolacce», das düstere Film-Märchen aus Italien

Italienische Geselligkeit? Die Zusammenkünfte der Familien in «Favolacce» sind eher geprägt von Zwängen. Im Bild müssen die Kinder ihre Bestnoten vorlesen.

Italienische Geselligkeit? Die Zusammenkünfte der Familien in «Favolacce» sind eher geprägt von Zwängen. Im Bild müssen die Kinder ihre Bestnoten vorlesen.

«Favolacce», das düstere Märchen aus Italien, ist ein Highlight des Filmjahres. Nach dem Zurich Film Festival kommt es in die Kinos.

Bringt das Gastland Frankreich die besten Nachwuchstalente in die Filmwelt? Am Zurich Film Festival, das am Sonntag zu Ende geht, wurden Regiedebüts aus der Grande Nation des Films gleich zuhauf gezeigt. Da war Wunderbares darunter. Die ganz grosse Bühne gebührt aber nicht den Franzosen, sondern zwei jungen Italienern. Richtig, ausgerechnet das Land, das cineastisch aktuell weit hinter seiner grossen Tradition liegt, tritt dieses Jahr mit einem Film ganz besonders aus dem Schatten.

«Favolacce», der zweite Film der 32-jährigen Zwillingsbrüder Fabio und Damiano D’Innocenzo, hatte an der Berlinale Anfang Jahr Premiere. Das war vor dem Lockdown. Aber jetzt, pünktlich auf den Kinostart von nächster Woche hin, zeigte das Filmfestival in Zürich das düstere Märchen als Schweizer Premiere.

Unschuldig, wie der Name der beiden Regisseure vermuten liesse, ist der Stoff von «Favo­lacce» aber ganz und gar nicht. Dafür richtig böse, ja, hinterhältig. So werden die Zuschauer zuerst mit rabenschwarzem Humor auf die eine Fährte gelotst. Da ist diese italienische Mittelstandsfamilie, Einfamilienhaus, Vorgarten, Gartenzaun. Bruno und Dalila (gespielt von Elio Germano und Barbara Chichiarelli, bestens bekannt als Mafiamatriarchin in der Netflix-Hitserie «Suburra»), haben zwei Kinder, Dennis und Alessia.

Im Gespräch mit dieser Zeitung nennt es Regisseur Fabio D’Innocenzo eine Art Puppenhausspiel. Die Zuschauer werden Zeugen einer schwierig zu fassenden emotionalen Kälte in dieser Familie. Von italienischer Warmherzigkeit ist nichts, aber auch gar nichts zu spüren. Mutter und Vater lassen sich lähmen von den Konventionen, dem Schein, den es zu wahren gilt.

Bruno ist in erbärmlicher Verfassung, steckt in einer Krise, und sein Mangel an Selbstvertrauen mündet in Raserei und einem Gehabe, wie es frauenfeindlicher nicht sein könnte. Aus dem italienischen Film und vor allem Fernsehen ist man sich Sexismus gewohnt, der Wettlauf der Scheusslichkeiten, mit denen sich Bruno und sein Nachbar aber an einem Grillabend überbieten, übersteigt jegliche Vorstellungskraft.

Emotionen, die ausbrechen, werden erstickt

Bruno hat seinen Job verloren, die Angst des sozialen Abstiegs ist allgegenwärtig. Aber eben, die Fassade, sie gilt es zu bewahren. Statt des Strandurlaubs gibt es im Sommer nur noch einen aufblasbaren Pool im Garten. Dieser Urlaub wird platzen.

Da ist diese eine Szene, eine der besten im Film: Bruno am Grill. Es gibt Steak. Wie in einem Puppenspiel, um ihren Gartentisch drapiert, sieht man die vierköpfige Familie zu Abend essen. Betretenes Schweigen. Gegessen wird mit Plastikbesteck. Das Fleisch ist so trocken, dass sich Sohn Dennis verschluckt. Und beinahe daran erstickt. Die Eltern, wie gelähmt. Da packt Vater Bruno den Sohn, schüttelt ihn kopfüber, das blockierte Fleischstück löst sich. «Essen wir weiter», sagt der Vater. Setzt sich an den Tisch. Haltung bewahren. Dann bricht er selbst in Tränen aus, flüchtet sich in den Schoss der Gattin. Heult wie ein Schlosshund. Nachdem er sich beruhigt hat, setzt er sich wieder an den Tisch. «Alles gut gegangen. Esst. Essen wir».

Als die Tochter zu weinen beginnt, halten das die Eltern nicht aus. «Nicht weinen, ist nichts passiert», sagt Bruno. «Verdammt noch einmal, nicht einmal Steaks essen kann man», Bruno räumt den Tisch ab, verlässt wütend den Tisch. Die Mutter schaut strafend zu Dennis. «Das haben wir davon. Nun ist dein Vater böse. Alles wegen dir», sagt sie und kneift ihn heftig in den Arm. Dennis schreit auf, seine Schwester kriegt vor lauter Schadenfreude einen Lachanfall. Ihr Gesicht verzieht sich zu einer Fratze, als Zuschauer wähnt man sich augenblicklich in einem Albtraum.

Das Erwachen ist im wörtlichsten Sinne ein böses. Die Tragödie nimmt ihren Lauf, die Lacher werden immer seltener. Bis die Kinder das Heft selbst in die Hand nehmen.

Ein Film über die Kindheit

Die Regisseure wollten einen Film machen über die Kindheit, sagt Fabio D’Innocenzo im Gespräch. Ihr Film steht aber auch für einen Traum. «Den geplatzten Traum der Jungen, die voller Hoffnung für ihre Zukunft arbeiteten. Doch es ist nicht die Mühe wert.» Während die Eltern die Fassade wahren, bleiben die Kinder dahinter nicht untätig. «Sie wollen nicht einmal mehr auch nur in die Nähe ihrer Zukunft», sagt Fabio D’Innocenzo.

Favolacce (I/CH 2020; 1h38m); R: Fabio und Damiano D’Innocenzo. Kinostart am 8. Oktober.

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