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Der Sommerhit ist in Quarantäne – zum Glück: Diese zehn Songs bringen die gute Musik zurück

Die deutsche Rapperin Haiytin bringt den Sommer am schönsten auf den Punkt.

Die deutsche Rapperin Haiytin bringt den Sommer am schönsten auf den Punkt.

Corona hat «Chihuahua» und Co. in diesem Jahr gestoppt. Umso mehr Zeit hat man, um gute Musik zu hören. Eine Auswahl.

Das Virus hat den Pausenknopf gedrückt. Und für den üblichen Sommerhit auch gleich den Stoppknopf. Er findet dieses Jahr nicht statt. Wieso auch? Sein natürlicher Lebensraum wurde durch das Virus mit einer Einreisesperre belegt. Die Superspreader-Events für den Sommerhit waren Grossraumdiscos in Pauschalreisennähe. Von da aus verfolgten ihn Contact-Tracer dann bis zur Ausbreitung ins Radiotagesprogramm und konnten doch nicht verhindern, dass die Nummer schliesslich als finale Darbietung bei der Mini-Playback-Show am Bunten Abend im Pfadilager endete.

Und all die Latino-Einflüsse, die den letztjährigen Sommerhits stets untermischt wurden, um den Gestank von Eimersaufen durch etwas Fernweh-Duft zu übertünchen, funktionieren angesichts der besorgniserregenden Coronazahlen in Südamerika nicht mehr. Es ist jetzt nicht Zeit, um Nase an Nase Salsa zu tanzen, und auch nicht, um einen Mojito zu teilen. Anders formuliert: Maskenpflicht und Veranstaltungsverbote sorgen dafür, dass man neben dem Mund- nicht auch noch einen Ohrenschutz tragen muss.

Wohin fahren wir eigentlich, wenn das Navi ausfällt?

Wenn der Sommer dann unbedingt nach etwas klingen muss, dann klingt er vielleicht wie «Audrey» von Haiyti. Die Bässe der letzten Party pumpen im Kopf dumpf weiter, der Kater flasht härter als der Rausch der Nacht, und die Euphorie weicht den Zweifeln. Man ahnt das Flirren der Nächte und weiss trotzdem nicht, ob man feiern oder weinen soll. Auch auf ihrem neuen Album «Sui Sui» bedient sich Haiyti all der Elemente der momentan so angesagten Trap-Welle.

Das Autotune scheppert, thematisch dreht es sich um Drogen, Drogen, Geld und Drogen, und die Beats zucken mal ruhiger, mal heftiger. Doch Haiyti ist ein bisschen cleverer. Sehr viel cleverer. «Staub im Gesicht und die Kippe erlischt. Ich fahre ins Nichts, denn das Navi verspricht sich», rappt Haiyti und trifft damit die Orientierungslosigkeit einer kontrollsüchtigen Generation, der gerade die Kontrolle abhandengekommen ist.

Atemlos durch die Coronazeit

Ähnlich auf Blindflug war der Versuch einer grossen deutschen Tageszeitung, «Blinding Lights» von The Weeknd kurzerhand zum Sommerhit zu erklären. Mit seinem fiebrigen Disco-Groove kann man aber keine Lockdown-Dokumentation untermalen. Viel eher geht das mit dvsn. Die Kanadier haben auf dem Höhepunkt des Stillstands im April eine sehr schöne Platte veröffentlicht. Gefühlvoller R’n’B, der die allermeisten Seichtheitsfallen umschifft und eine unfassbare Wärme ausstrahlt. Der Sound hat auch eine Atemlosigkeit in sich, wie es der Weeknd-Hit hat, aber es ist eine andere Atemlosigkeit. Während der Weekndsche Song wie Sauerstoffmangel nach einem Sprint klingt, ist es bei dvsn die Intensität, die einem das Schnaufen manchmal vergessen lässt.

Aus einem Brummeln entstehen Gitarrenwände

Wie eine Autofahrt durch eine ausgestorbene Grossstadt klingt auch «Push/Pull» von bdrmm. Der Song aus dem Album «Bedroom» der jungen Briten hat alles, was es dafür braucht. Dramatische Drum, schwelgerische Gitarren und sehnsüchtiger Gesang. Es wirkt selbst in seinem steten Preschen nach vorne immer entspannt und klar. Aus einem anfänglichen Brummeln entstehen hier locker mächtige Gitarrenwände, welche die Band dann aber nicht knallig einstürzen lässt, sondern immer mehr und mehr Wirkung entfalten lässt. Das ist keine plumpe Effekthascherei, sondern treibend-rockiger Sound, der viel Aufbruch in sich trägt.

Gewiss, das sind alles keine Sommerhits für den Ballermann. Aber ganz ehrlich: Den vermissen wir ja auch wirklich nicht.

Haiyti: Sui Sui dvsn: A Muse In Her Feelings The Weeknd: After Hours.

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