Vor einer Woche ging ein mittleres Beben durch die Museumswelt. Der französische Präsident Emmanuel Macron will an Afrika zurückgeben, was dem Schwarzen Kontinent gehört. Die Kunstschätze, die im Zuge kolonialer Raubzüge nach Paris kamen, sollen wieder in die Herkunftsländer zurück. Dass dies Museumsdirektoren nervös macht, ist klar. Ebenso klar jedoch ist, dass es längst an der Zeit war für diesen präsidialen Beschluss.

Es geht bei der Rückgabe nicht nur um den juristischen Tatbestand der Raubkunst. Es geht um die Identität der afrikanischen Bevölkerung. Es geht um Kunst. Das heisst um Symbole, Figuren und Geschichten, die einst, vor der Kolonisierung, den ideellen Rahmen dieser Gesellschaften gebildet haben.

Im Gespräch mit Künstlern vom afrikanischen Kontinent wird klar, dass es der Black Community nicht bloss um wirtschaftliche Entwicklung geht, wenn ihre Zukunft verhandelt wird. «Wir müssen unsere Identität, unsere Kultur und Kunst wieder komplett neu erschaffen. Sie liegt unter den Trümmern der Geschichte», sagte beispielsweise der südafrikanische Choreograf Boyzie Cekwana unlängst bei einem Besuch in Basel.

Der schwarze Superheld

Geht es in der Kulturwelt um die Zukunft Afrikas und der weltweiten Black Community, so fällt unweigerlich das Wort «Afrofuturismus». Der Begriff beschreibt «eine kulturelle Ästhetik, welche Elemente aus Science-Fiction, Romanen, Fantasy und magischem Realismus mit nicht westlichen Kosmologien kombiniert». So weit das Lexikon. Aber was genau ist damit gemeint?

Jüngstes Beispiel für diese künstlerische Praxis ist der afroamerikanische Science-Fiction-Film «Black Panther», der im Februar in die Kinos gekommen ist. Mit einem Einspielergebnis von mehr als 700 Millionen US-Dollar befindet sich der Film in den USA auf Platz 3 der umsatzstärksten Filme aller Zeiten. Im Zentrum steht der Superheld Black Panther. Er basiert auf der gleichnamigen Comicfigur, die Mitte der Sechzigerjahre als Gegenentwurf zu weissen Superhelden wie Batman oder Superman die Bühne der Comicwelt betrat, kurz bevor die gleichnamige Bürgerrechtsbewegung gegründet wurde.

Der actionreiche Streifen ist die populäre Variante von Afrofuturismus. Black Panther ist der König des utopischen Staates Wakanda. Eine von der Aussenwelt verborgene Metropole, die dank dem Wundermetall Vibranium dem Rest der Welt technologisch weit überlegen ist. Der Film träumt den Traum eines Afrikas, das nie kolonisiert wurde, wo Frauen den Männern ebenbürtig sind und der Kontakt zu den Ahnen noch besteht. Dass die Black Community ihre Zukunft als futuristisches und gesellschaftskritisches Märchen entwirft, ist nicht neu – und hat einen düsteren Hintergrund.

Der Hohepriester des «Space»

«The truth about the planet earth is a bad truth», sang der afroamerikanische Jazzmusiker Sun Ra 1972. Um dieser «schlechten Wahrheit» zu entkommen, empfahl er die Reise in den «Space». «Space is the Place» heisst denn auch sein zwei Jahre später veröffentlichter Film. Darin träumt Herman Poole Blount, der sich selbst nach dem ägyptischen Sonnengott Ra benannte, den Traum von einer besseren Zukunft für die schwarze Bevölkerung der USA. Sein Rezept ist jedoch nicht der politische Widerstand eines Malcom X.

Der Hohepriester der intergalaktischen Töne will nach einer Odyssee durchs Weltall seine Gemeinde durch die Kraft der Musik befreien. Da sie, die ehemaligen Sklaven, in den USA noch immer nicht «wie Menschen, sondern wie Aliens behandelt werden» (Zitat Sun Ra) bleibt als ironische Konsequenz nur die Flucht in den «Space».

Ein Jahr nach Sun Ra zündete George Clinton mit seiner Band Parliament die Triebwerke für ein anderes «Mother- ship» der Black Community. Der Begründer des P-Funk drehte die Verhältnisse kurzerhand um und besetzte, zumindest imaginär, das Weisse Haus mit schwarzem Personal. James Brown, Muhammad Ali und Aretha Franklin hatten das ehrwürdige Gebäude 33 Jahre vor Barack Obama erobert.

Der afroamerikanische Free-Jazzer Sun Ra ist einer der Pioniere der weltweiten Bewegung Afrofuturismus.

Der afroamerikanische Free-Jazzer Sun Ra ist einer der Pioniere der weltweiten Bewegung Afrofuturismus.

Afrofuturismus meint also die Suche nach kultureller Heimat, nach Identität und Selbstbestimmung. Gemeint ist aber auch die Befreiung von weisser Herrschaft. Die Geschichte der Schwarzen wurde lange Zeit von Weissen geschrieben. In den meisten Schulbüchern der USA ist sie kaum präsent.

«Wir müssen uns unserer eigenen Geschichte vergewissern», sagt Jamila Woods. Die amerikanische Soulsängerin ist ebenso eine Vertreterin des Afrofuturismus wie Janelle Monáe. Deren Alter Ego Cindi Mayweather ist die Protagonistin einer fantastischen Erzählung in der Androidenstadt Metropolis. Sie singt: «I’m an Alien from outer space.»

Die Liste der Künstler, die versuchen, durch den klugen Remix kultureller Versatzstücke neue Identitätsmodelle zu kreieren, ist lang. Die Hip-Hopper Grand Master Flash und Afrika Bambaataa gehören ebenso dazu wie Kendrick Lamar, der erste afroamerikanische Pulitzer-Preis-Träger und Schöpfer der Filmmusik zu «Black Panther».

Nicht von ungefähr rangiert der Film zuoberst auf der Playliste von Michelle Obama. Als First Lady fasste sie den schwierigen Konflikt um die eigene Geschichte und Identität in einem lapidaren Satz zusammen: «Ich wache jeden Morgen in einem Haus auf, das von schwarzen Sklaven erbaut worden ist.»

In Europa angekommen

Afrofuturismus ist nicht nur im Film und in der Musik eine tonangebende Stilrichtung. Auch in der bildenden Kunst taucht der Begriff zunehmend auf. Mit der Ausstellung «Boom for real» thematisierte die Kunsthalle Schirn in Frankfurt die Strömung anfang Jahr. Im Medien-Kunst-Verein Dortmund lief fast zeitgleich die Ausstellung «Afro-Tech and the Future of Re-Invention». Das Kunsthaus Graz zeigt «Congo Stars» noch bis Ende Januar.

In der Schweiz beschäftigen sich zurzeit zwei Theaterproduktionen mit dem Afrofuturismus. Der Basler Regisseur Patrick Gusset setzt die Suche nach einer neuen Sprache in der Produktion «Rehearsing Afrofuturism» radikal um. Er lässt das Publikum an den Proben zu seiner Variante dieser Kunstrichtung teilhaben (Roxy Birsfelden, bis Montag, 3. Dezember.)

Im Schlachthaus Theater Bern bringen der Autor Raphael Urweider und die Performerin Ntando Cele das Leben des sambischen Wissenschafters Edward Mukuka Nkoloso auf die Bühne. Dieser gründete 1960 die «Zambia National Academy of Science, Space Research and Philosophy». Sein Ziel war es, die beiden Supermächte USA und UdSSR im sogenannten «space race» zu besiegen (Schlachthaus Bern, ab 22. Dezember).

Bekanntlich hat ein weisser Amerikaner dann als erster Mensch den realen Mond betreten. In der Eroberung des imaginären Planeten Zukunft haben derzeit die Black Artists die Nase vorn.