Die Familie als Fremde; der Alltag als Abgrund, die Fantasie als Fluchtpunkt – und oft auch als einziges Koordinatensystem für das eigene Handeln. Entspannt oder gar glücklich geht es nicht zu und her im soeben erschienenen Erzählband «Malinois» von Lukas Bärfuss.

In einem Zeitraum von über 20 Jahren sind die darin versammelten 13 Erzählungen entstanden und nun, in Folge – und als Folge – des Büchner-Preises, mit dem Bärfuss im Sommer ausgezeichnet wurde, erschienen.

Adel verpflichtet – dasselbe gilt auch für Auszeichnungen

Man sagt, Adel verpflichte, und vielleicht gilt dasselbe auch für Auszeichnungen. Zumal für Auszeichnungen vom Gewicht des Büchner-Preises, dem bedeutendsten Literaturpreis im deutschen Sprachraum. Denn so kurz die Erzählungen sind, so schwer wiegen sie. Nicht, dass Lukas Bärfuss je ein Autor der schnellen Schmöker oder gar des leichten Vergnügens gewesen wäre.

Seine Themen lenkten den Blick schon immer dorthin, wo das Leben oder die Gesellschaft aus dem Lot war: Angefangen bei der Verlogenheit Schweizer Entwicklungshilfe (im Roman «Hundert Tage»)über aktuelle Schweizer Politik (im Essay «Die Schweiz ist des Wahnsinns») bis hin zum Ausstieg aus dem Leistungszwang mittels Suizid (im Roman «Koala»).

Wege aus der Sprachlosigkeit und der Hoffnungslosigkeit

Vielleicht, weil Lukas Bärfuss bereits als junger Mann entdeckt hatte, dass Bildung und Schreiben Wege sind – hinaus aus der Sprachlosigkeit und der Hoffnungslosigkeit, ob diese nun jene seiner persönlichen Kindheit und Jugend in der Thuner Provinz waren, oder jene einer ganzen Gesellschaft.

«Eine der berühmtesten Lügen der Germanisten (...) ist jene, dass man, um das Werk eines Dichters zu beurteilen, nichts über seine Person zu wissen brauche», wettert im Erzählband der fiktive Dramatiker Martin Babian.

Und obwohl Babian alles andere als ein Sympathieträger ist, scheint darin ein Funke Wahrheit zu stecken. Denn die Erzählungen in «Malinois» wirken in ihrer selbstverständlichen unaufgeregten Drastik und Trostlosigkeit, als erzähle sie jemand aus erlebter Erfahrung oder eingehender Beschäftigung damit.

Die Erzählung «Los Angeles» handelt vom Ausflug eines jungen Mannes mit der Mutter, die ihre Füsse an Diabetes verloren hat und ihre Tochter an den Alkohol. In «Haschisch» geht es um Lehrlinge, die ihr Leben an die gleichnamige Droge verlieren und in «Ein Engel in Erding», um einen Mann, der seine Gegenwart an eine vergangene Beziehung.

Wenn der Nachbar heimlich in den Garten kackt

Verlust, manchmal auch Verzweiflung sind wiederkehrende Themen in diesem Kaleidoskop von Bärfuss’ Schaffen. Etwa bei jenem Familienvater, der in seinem Garten voller Liebe einen bepflanzen Alfa Romeo Giulia eingräbt – allerdings unter Zuhilfenahme eines Schraubschlüssels des Nachbarn, worauf der Nachbar ihm Nacht für Nacht heimlich in den Garten neben die Giulia kackt.

Seltsamerweise fehlt den Figuren die Aggression, sich zu wehren. Statt aufzubegehren, ziehen sie sich zurück in die eigene Gefühls- und Gedankenwelt. «La solitude est une belle chose, mais il faut quelqu’un pour vous dire, que la solitude est une belle chose», erklärt Ernesto, einer von Bärfuss’ schillerndsten Figuren in «Malinois».

Und vielleicht bringt er die Essenz der 13 Erzählungen in diesem Satz zusammen. Denn tatsächlich sind diese trotz der Schwere ihres Inhalts ausgesprochen schön in ihrer fein auskomponierten Sprache, dem Einsatz gewählter Terminologie («In der Anlage standen alte Menschen zwischen Zwergkoniferen») und ihrem dramaturgischen Sog.