Literatur

Der nächste Grosserfolg? Autor Jonas Jonasson bringt den Nachfolger vom «Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg»

Der schwedische Bestsellerautor Jonas Jonasson.

Der schwedische Bestsellerautor Jonas Jonasson.

Im neuen Roman geht es um einen aus Afrika, der sich rächen will.

Jonas Jonassons neuer Roman «Der Massai, der in Schweden noch eine Rechnung offen hatte» ist ein typischer Jonasson: temporeich, mit groteskem, menschenfreundlichem Humor. Ein Lesespass. Gleichzeitig ist er eine schelmische Würdigung der Malerin Irma Stern. «Mir fallen Bilder in den Schoss – wie im Herbst die reifen Birnen ins Gras fallen», schrieb die 1966 verstorbene Expressionistin in einem ihrer überlieferten Briefe.

Tatsächlich platzen ihre Ölgemälde schier vor gesättigten Farben und der Lust an exotischen Motiven. Als deutsche Jüdin in Kapstadt geboren, wurde Stern zwar in Berlin geschult, fand aber erst später im südafrikanischen Exil sowie auf zahlreichen Reisen ihren Stoff und Stil. Porträts vor allem, Landschaften und üppige Stillleben sind in der neuen Monografie «Irma Stern – Afrikanerin in Europa, Europäerin in Afrika» (erschienen im Prestel-Verlag) abgebildet und kommentiert.

Zwei unsignierte Gemälde sind nicht dabei: Das Porträt einer Massai-Frau unter dem Sonnenschirm und das Bildnis von deren spielendem Sohn am Bach. Kein Wunder: Es gibt sie nicht. Der schwedische Bestseller-Autor Jonas Jonasson (59) hat sie erfunden und zu begehrten Objekten in seinem neuen Kunstkrimi gemacht.

Wieder ein Karussell skurriler Geschichten

Was sucht ein Massai in Schweden? Nun, Ole Mbatian der Jüngere, Medizinmann im Busch der Massai Mara, sucht in Stockholm nichts Geringeres als seinen Sohn Kevin. Er ist ihm in den Schoss gefallen wie Irma Stern die Bilder – zwar noch nicht reif wie eine Birne im Herbst, aber gerade im richtigen Alter, um zum Krieger ausgebildet zu werden. Dazu gehört die Beschneidung. Und vor diesem ehrwürdigen Ritual ist Kevin doch tatsächlich geflohen! Mitgenommen hat er nichts ausser zwei aufgerollten Bildern, die Ole Mbatian in seiner Hütte aufbewahrte.

Kevin – der Name lässt es ahnen – hat Wurzeln im hohen Norden. In Stockholm hat seine afrikanische Mutter als Prostituierte gearbeitet. Als sie an Aids erkrankte, hat sie ihn dem leiblichen Vater übergeben, einem Dauer-­Freier. Victor Alderheim, Kunsthändler, ist zwar glühender Nationalist und Rassist, das hat ihn nicht vom Sex mit dunkelhäutigen Frauen abgehalten. Die Folge davon – ein unerwünschtes halbschwarzes Früchtchen – hat er nach dem Tod der Mutter kurzerhand ins kenianische Buschland verfrachtet und dort ausgesetzt. Wo dann eben Ole Mbatian der Jüngere vorbeikam und nach acht Töchtern endlich seinen vom Himmel gesandten Sohn und Nachfolger fand.

Logisch, lässt er ihn nicht einfach ziehen. Nach einer Odyssee in Stockholm angekommen, stöbert er Kevin auf, der inzwischen eine Freundin hat und mit Hilfe der «Rache ist süss»-GmbH seinem Rabenvater das Handwerk legen will. Das Grüppchen schmuggelt die beiden aufgerollten Gemälde aus Ole Mbatians Hütte in Victor Alderheims Keller und richtet dort ein Fälscher-Atelier ein, das nur noch auffliegen muss, um den Ruf des geldgierigen Kunsthändlers zu zerstören. Doch da sich die beiden Gemälde bald als echte Irma-Stern-Werke erweisen, beginnt sich das Karussell des Kunstbetriebs erst richtig zu drehen – und mit ihm Jonas Jonassons grellbunter Geschichtenreigen.

Jonas Jonasson: Der Massai, der in Schweden noch eine Rechnung offen hatte. Roman. C. Bertels­mann, 399 S. Auch als Hörbuch erhältlich.

Jonas Jonasson: Der Massai, der in Schweden noch eine Rechnung offen hatte. Roman. C. Bertels­mann, 399 S. Auch als Hörbuch erhältlich.

Die Freiheit der Kunst

Grellbunt sind auch Irma Sterns real existierende Bilder – ihre Stilisierung des Exotischen ist nicht zu übersehen. «Meine liebe Irma Stern! Sie ist eine der Grössten», findet Autor Jonasson, der Südafrika eine Zeit lang seine zweite Heimat nannte. Immerhin: In Europa wenig bekannt, gilt Stern auf dem afrikanischen Kontinent als erste weisse Malerin, die schwarze Modelle individuell wahrnahm und darstellte. In expressionistischer Manier überzeichnete sie die Porträtierten, ja deformierte sie zuweilen, um ihren Ausdruck zu steigern.

Dieses künstlerische Verfahren ist auch bei Jonas Jonasson auszumachen. So wirken manche seiner Romanfiguren wie Karikaturen ihrer selbst. Dementsprechend bewegt sich Ole Mbatian mit Würde und Wurfkeule durch den schwedischen Winter – barfuss, versteht sich. Seine Naivität und mangelnde Kenntnis zivilisatorischer Codes sorgen für Situationskomik und führen in der vielsträngigen Geschichte oft zu entscheidenden Wendungen.

Zum Guten, natürlich. Denn wie immer, seit Jonasson «Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand» millionenfach verkauft hat, gibt es nach knapp 400 Seiten ein Happy End. «So mache ich die Welt in meiner Fiktion erträglicher», erklärt der Autor auf seiner Website. Dennoch spart er nicht mit Hinweisen auf menschliche Abgründe: Der neue Roman beginnt mit «dem jungen Adolf», dessen Kunstverständnis in der Figur Victor Alderheims weiterlebt. Irma Sterns Bilder wären im Dritten Reich als «entartet» verbrannt worden. Doch auch heute, so Jonas Jonasson, sei die Freiheit der Kunst vielerorts gefährdet und unbedingt zu verteidigen.

Meistgesehen

Artboard 1