Sind Sie kein Fan, haben Sie möglicherweise bereits den Überblick verloren. Vor gerade mal fünf Monaten lief «Star Wars: The Last Jedi» in den Kinos an, jetzt kommt bereits der nächste Eintrag in dieser Weltraumsaga auf die Leinwand.

Keine Fortsetzung allerdings: Der Film, der am Dienstagabend an den Filmfestspielen von Cannes Europapremiere feierte, springt nicht vorwärts, sondern in der Zeit zurück: «Solo – A Star Wars Story» erzählt die Vorgeschichte von Han Solo, den einst vom jungen Harrison Ford gespielten Helden. Oder genauer: Anti-Helden.

Filmtrailer: «Solo – A Star Wars Story»

Filmtrailer: «Solo – A Star Wars Story»

Han Solo, wie ihn Ford in den drei ursprünglichen Filmen zwischen 1977 und 1983 zum Besten gab, war das coolere Gegenstück zu Luke Skywalker. Während dieser den klassischen Aufstieg vom einfachen Bauern zum heldenhaften Jedi-Ritter durchlebte, war Han der zynische Draufgänger, der Weltraumbandit voller Charme, der Halunke der Marke Erroll Flynn.

Han Solo war im schwarzweissen «Star Wars»-Filmuniversum jene Figur, die im Graubereich zu Hause war. Das machte ihn menschlicher, nachvollziehbarer, sympathischer.

Han Solo war einst ein Optimist

Und nun offenbar auch reif für eine filmische Vorgeschichte. So will es zumindest das Konzept von Disney:

Seit das Unterhaltungsunternehmen 2012 die Rechte an «Star Wars» erwarb, kommen in regelmässigem Abstand auch sogenannte Spin-Offs ins Kino, Ablegerfilme, die mit der mehrere Episoden übergreifenden Haupthandlung um Luke Skywalker, Darth Vader und ihre Nachkommen nur wenig am Hut haben. «Rogue One» (2016) war der erste, «Solo» ist nun der zweite.

Alden Ehrenreich als junger Han Solo.

Alden Ehrenreich als junger Han Solo.

Um wie viele Jahre jünger der darin von Alden Ehrenreich gespielte Han Solo ist, verrät der Film zwar nicht. Er macht aber klar: Han war zwar immer schon ein Draufgänger, nicht aber ein Zyniker.

Der junge Han ist voller Zuversicht. Lautete damals einer von Harrison Fords Kultsätzen noch «Ich habe da ein ganz mieses Gefühl», sagt Ehrenreich nun «Ich habe da ein ganz gutes Gefühl».

Vorgestellt wird dieser junge Han als autoklauender Kleinganove, der seinem düsteren Heimatplaneten entflieht, von einer Pilotenschule fliegt und sich dann einer von vielen Untergrundfraktionen anschliesst, die offenbar in der «Star Wars»-Grauzone existieren und die sich mit Vorliebe gegeneinander ausspielen.

Aber im Grunde genommen erzählt «Solo» eine Romanze, pardon, eine Bromance, nämlich jene zwischen Han Solo und seinem haarigen Kumpanen Chewbacca. In der einfallsreichsten Szene des Films lernen wir, wie sich die langjährigen Weggefährten erstmals kennenlernen.

«Solo» orientiert sich entlang vieler solcher Ereignisse, die vor allem deshalb geschehen müssen, weil sie in den früheren Filmen von Harrison Ford mal erwähnt wurden: Wie Han sein berühmtes Raumschiff, den Millennium Falcon, beim Kartenspiel gewann. Wie er seinen Freund und Rivalen Lando Carlrissian kennenlernte. Wie er den Rekord beim Kessell Run erzielte. «Solo» wirkt stellenweise wie ein abgefilmter Wikipedia-Eintrag.

Die Besetzung der Hauptrolle mit Alden Ehrenreich («Hail, Caesar!») war von Anfang an umstritten. Tatsächlich entpuppt er sich nicht als zweiter Harrison Ford, der 28-Jährige hat zwar Ausstrahlung, wird der ikonischen Rolle aber nie wirklich Herr.

Überzeugender sind die Nebendarsteller: Charakterkopf Woody Harrelson glänzt als Hans Mentor (und Vorzeigezyniker) Beckett, Rapper und Fernsehstar Donald Glover als erschreckend gut verjüngter Lando, die Britin Phoebe Waller-Bridge als ein Droide, der für Chancengleichheit kämpft.

Ohne Mut zum Risiko

Dass die Dreharbeiten von Problemen geplagt waren, hat deutliche Spuren hinterlassen. Das ursprüngliche Regieduo Phil Lord und Chris Miller («The Lego Movie») war wegen seines unkonventionellen Stils entlassen worden, worauf Ron Howard einsprang und angeblich 80 Prozent von «Solo» neu drehte.

Haben gut lachen: Woody Harrelson, Regisseur Ron Howard, Emilia Clarke und Aldren Ehrenreich auf dem roten Teppich in Cannes.

Haben gut lachen: Woody Harrelson, Regisseur Ron Howard, Emilia Clarke und Aldren Ehrenreich auf dem roten Teppich in Cannes.

Der Kinoveteran («A Beautiful Mind», «The Da Vinci Code») steuert den Film zwar mit sicherer Hand ins Ziel, allerdings ohne Mut zum geringsten Risiko. Das ist paradox. Denn «Star Wars» ist an den Kinokassen ein Selbstläufer.

Die Verantwortlichen aber verkennen ihre idealen Voraussetzungen, um Risiken einzugehen, um neue Impulse zu setzen. Und diese braucht es, um die Franchise attraktiv und lebendig zu halten.

«Solo» aber ist «Star Wars» ab Betriebsanleitung. Grundsolide Unterhaltung, die man bereits nach wenigen Stunden wieder aus dem Gedächtnis gelöscht hat. Der Funke will nicht rüber springen, die Magie fehlt, der Mythos ist angekratzt. Der Applaus nach Filmende in Cannes war ein hörbar verhaltener.

Der alte Han Solo würde sagen: «Ich habe da ein ganz mieses Gefühl.»

Solo – A Star Wars Story (USA 2018) 135 Min. Regie: Ron Howard. Ab 24. Mai
im Kino. ★★★☆☆