Pandemie
Der King of Rock ’n’ Roll war Impfbefürworter – wie steht es mit unseren Kulturpromis?

Das amerikanische Rock-’n’-Roll-Idol liess sich in den 1950er-Jahren in eine Impfkampagne einspannen und trug dazu bei, das Poliovirus in den USA zu ­besiegen. Wie stehen prominente Schweizer Kulturschaffende zum Impfen?

Stefan Künzli
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Simon Maurer

Für Elvis Presley war 1956 das Jahr des Durchbruchs. «Heartbreak Hotel» erreichte Platz 1 und wurde seine erste Goldene Schallplatte. Sein Album stürmte die Spitze der Charts und wurde das erste Millionen-Dollar-Album in der Geschichte des Labels RCA. Fast noch bedeutender war die Wirkung seiner Single «Hound Dog», denn sie erreichte auch in den Charts des Rhythm and Blues Platz 1.

Elvis avancierte zum Idol der weissen und schwarzen Jugend und zur rassenübergreifenden amerikanischen Identifikationsfigur. 60 Millionen Amerikaner, mehr als ein Drittel der Bevölkerung, sassen vor dem Fernseher, als Elvis zum ersten Mal in der «Ed Sullivan Show» auftrat.

Vor allem Jugendliche waren zurückhaltend

1956 war aber auch das Jahr der grossen Polio-Impfung in den USA. Polio, eine Viruserkrankung wie Corona, lähmte ab den 1940er-Jahren durchschnittlich mehr als 35000 Menschen, vor allem Kinder waren betroffen. Allein 1952 wurden fast 60000 Kinder infiziert, 3000 starben. Für zwei von zehn Infizierten verlief die Krankheit tödlich.

Nach der Einführung des Impfstoffs bemühten sich Millionen von Eltern um eine Impfung ihrer Kinder. Doch vor allem Teenager und Jugendliche zeigten sich gegenüber der Impfung zurückhaltend und ablehnend. Jugendliche neigten dazu, die Krankheit als eine Krankheit für Kinder zu betrachten und fühlten sich davon nicht betroffen. Dabei war schon damals klar, dass Jugendliche nach den Kindern die anfälligste und gefährdeteste Altersgruppe waren.

In dieser Situation wurde Elvis ­aufgeboten, die impffaule Jugend zu mobilisieren. Am 28. Oktober posierte das damals 21-jährige Rock-’n’-Roll-Idol bei seiner vom Fernsehen über­tragenen Polio-Impfung und verkündete:

Der Kampf gegen Polio ist so hart wie nie zuvor.
Elvis Presley King of Rock ’n’ Roll

Elvis Presley King of Rock ’n’ Roll

Keystone

Zeitungen im ganzen Land pub­lizierten das Bild mit dem zuver­sichtlich lächelnden Elvis bei der Impfung. Dazu versprach der Star jedem seiner Fanklubs eigenhändig signier­te Fotos, wenn sie nachweisen konnten, dass alle Mitglieder geimpft wurden.

Die Kampagne verfehlte ihre Wirkung nicht und wurde zu einem Erfolg. Bis zur Elvis-Impfung hatten sich gemäss «New York Times» erst 10 Prozent der Jugendlichen in New York geimpft. Zwischen 1955 und 1957 gingen die Polio-Fälle in den USA um 81 Prozent zurück.

Für Leona Baumgartner, die damalige Gesundheitsvorsteherin von New York, war eindeutig, dass der Auftritt von Elvis viel zur Reduktion beigetragen hat. «Elvis ist ein gutes Beispiel für die Jugend des Landes,» sagte sie. Das bestätigt rückblickend Stephen Mawdsley, der an der Bristol University amerikanische Geschichte lehrt: «Elvis’ Impfshow war ganz offensichtlich eine Hilfe, um die Teenager zur Impfung zu bewegen.»

Elvis hat auch indirekt etwas bewegt. Denn die amerikanischen Jugendlichen selbst sind darauf aktiv geworden und haben die Gruppe «Teens Against Polio» ins Leben gerufen. Für Mawdsley hat diese Bewegung mit verschiedenen Aktionen und Aufklärungskampagnen dazu beigetragen, ein Umdenken zu bewirken.

Impfskepsis ist auch in der Schweiz gross

Gemäss einer Umfrage des «Tages-Anzeigers» vom Dezember ist in der Schweiz die Impfskepsis relativ gross. Nur jeder zweite Schweizer oder jede Schweizerin will sich gegen das Coronavirus impfen lassen. Die Bereitschaft von Männern liegt bei 60 Prozent, bei Frauen sogar bei nur 46 Prozent und bei den 18- bis 34-Jährigen bei etwa der Hälfte. Interessant ist, dass die Impfbereitschaft bei den von uns angefragten älteren und alten Kulturschaffenden sehr gross war. Vor allem bei jungen und jüngeren Musikern und Musikerinnen dagegen Skepsis vorherrscht, für unsere Anfrage war eine Mehrheit nicht zu haben.

Diese Schweizer Kulturpromis wollen sich impfen lassen:

Sina (54) Sängerin «Ja,ich werde mich ohne Bedenken impfen lassen. Weil ich mich und mein Umfeld schützen möchte und wir Kulturschaffenden bei sinkenden Fallzahlen wieder arbeiten können.
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Paavo Järvi (58) Dirigent Tonhalle «Alle sollten sich impfen. Das ist der einzige Weg, dass wir wieder reisen können. Und wenn wir wieder reisen können, können wir Musiker auch wieder arbeiten. Geschlossene Grenzen führen zu einem ungesunden Nationalismus.»
Anna Stern (31) Schriftstellerin «Ja, ich werde mich impfen lassen. Es gibt weder aus wissenschaftlicher noch aus gesellschaftlicher Perspektive ein Argument, es nicht zu tun. Im Gegenteil.»
Franz Hohler (77) Schriftsteller «Ja, in meinem Alter… ich habe immer gute Erfahrungen gemacht und mich deshalb auch schon impfen lassen. Dazu sind die Berichte aus den Intensivstationen zu erschreckend.»
Patti Basler (44) Kabarettistin «Ich lasse mich nicht des Herdenschutzes wegen oder aus Solidarität mit Risikogruppen impfen, sondern aus purem, ganz krass egoistischem Eigennutz − und weil ich ein bisschen auf Spritzen stehe.»
Thomas Hürlimann (70) Schriftsteller «Ja. Die Sache geht ja nicht nur mich persönlich etwas an. Wer den Virenschutz ablehnt, setzt seine Mit-und Umwelt dem Risiko einer Ansteckung aus.»
Lara Stoll (33) Slam-Poetin «Ja, weil ich an die moderne Medizin glaube. Damit das ganze Theater bald ein Ende findet. Damit wir einander wieder umarmen können. Damit ich keine Angst haben muss, andere zu gefährden. Damit wir unsere Jobs wieder ausführen können.»
Milena Moser (57) Schriftstellerin «Ja, je schneller, desto besser. Mein Mann ist herzkrank und nierentransplantiert, also immunsupprimiert. Es ist für mich lange vor Corona normal geworden, mir oft und gründlich die Hände zu waschen und eine Maske zu tragen.»
Kunz (36) Sänger «Ich habe mich seit meiner Kindheit allen Impfungen unterzogen und vertraue unserem Staat und dem Gesundheitssystem, dessen Pfeiler das Impfen ist. Ich habe keine Angst vor dem Impfen.»
Petra Volpe (50) Filmregisseurin «Ja. Das Misstrauen gegenüber der Wissenschaft ist gefährlich,irrational und ideologisch. Das Ausmass ist mit dem Internet und seiner schnellen Verbreitung von Missinformation gewachsen.»

Sina (54) Sängerin «Ja,ich werde mich ohne Bedenken impfen lassen. Weil ich mich und mein Umfeld schützen möchte und wir Kulturschaffenden bei sinkenden Fallzahlen wieder arbeiten können.

zvg

Elvis hat Polio nicht im Alleingang besiegt, aber er hat mit seiner Vorbildfunktion einen vielleicht entscheidenden Beitrag zur Bekämpfung des Poliovirus geleistet. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) plant zurzeit keine solchen Aktionen mit Schweizer Prominenten. «Die Impfstrategie sieht in einer ersten Phase gefährdete Personen über 75 sowie das Gesundheitspersonal vor», heisst es beim BAG. Die Kampagne werde entlang der Impfstrategie entwickelt, weshalb «in dieser ersten Phase Gesundheitsfachpersonen auftreten» und keine Schweizer Prominenten.

Einen Schweizer Elvis Presley gibt es offensichtlich nicht. Niemanden, auf den sich alle einigen könnten. Niemanden mit einer solch generationen- und geschlechterübergreifenden Wirkung wie damals der amerikanische Ausnahmesänger. Aus diesem Grund haben wir mehrere prominente Kulturschaffende zu ihrem Impfverhalten gefragt. Frauen und Männer, Jugendliche, Mittelalterliche und Alte aus den verschiedensten Branchen. Ihre besten Argumente für eine Impfung sind in der Galerie abgedruckt.

Im Verbund der prominenten Impfbefürworter könnten sie vielleicht jenes Gewicht erlangen, um zumindest einen Teil der misstrauischen Schweizerinnen und Schweizer von der Notwendigkeit einer Impfung zu überzeugen.