Filmfestspiele von Cannes

Der Glanz droht zu verblassen

Regisseur Asghar Farhadi (2.v.r.) mit seinen Darstellern Ricardo Darin, Penelope Cruz und Javier Bardem auf dem roten Teppich in Cannes.

Regisseur Asghar Farhadi (2.v.r.) mit seinen Darstellern Ricardo Darin, Penelope Cruz und Javier Bardem auf dem roten Teppich in Cannes.

Missratene Filme, wenige Stars, viele Verbote: Die 71. Filmfestspiele von Cannes legen einen Fehlstart hin.

Cannes mag das glamouröseste Filmfestival der Welt sein, hat aber auch eine mürrische Seite. Diese war während den letzten Tagen, zum Start der 71. Ausgabe, besonders oft zu erkennen.

Keine Selfies auf dem roten Teppich, keine Netflix-Filme im Wettbewerb, keine Vorabvorführungen für Journalisten – Festivaldirektor Thierry Frémaux schwang heuer mit Verboten um sich wie ein knurriger alter Mann mit einem Gehstock.

Der 57-jährige Franzose sieht sich in der Rolle des Beschützers: des Festivals, der Institution Kino – und vor allem seiner Stargäste. Doch gerade letztere sind dieses Jahr Mangelware. Während den zwölf Festivaltagen wird nur ein einziger grosser Hollywoodfilm gezeigt: «Solo – A Star Wars Story».

Powerfrauen in der Jury: Kristen Stewart, Ava DuVernay, Cate Blanchett, Léa Seydoux und Khadja Nin.

Powerfrauen in der Jury: Kristen Stewart, Ava DuVernay, Cate Blanchett, Léa Seydoux und Khadja Nin.

Das übliche Schaulaufen der Prominenz beschränkte sich auf die Eröffnungszeremonie am Dienstagabend. Da war die Jury um die Schauspielerinnen Cate Blanchett, Kristen Stewart, Léa Seydoux sowie Regisseurin Ava DuVernay, die Arm in Arm ein Zeichen für Geschlechtergleichstellung und kulturelle Vielfalt in der Filmbranche setzten.

Und da war auch der spanische Eröffnungsfilm «Everybody Knows» mit den Starschauspielern Penelopé Cruz und Javier Bardem, die sämtliche Blicke auf sich zogen. Und ja, Cruz erhielt für den Film denselben Lohn wie ihr Gatte, versicherte sie an der Pressekonferenz.

Entführungsthriller zum Auftakt

«Everybody Knows» ist eine Koproduktion zwischen Frankreich, Spanien und Italien. Der Film handelt von Laura (Cruz), die mit ihren Kindern aus Argentinien zurück in eine spanische Kleinstadt reist, um dort die Hochzeit ihrer Schwester zu feiern.

Warum hier nicht ein Spanier, sondern der Iraner Asghar Farhadi Regie führte, wird klar, als gegen Ende der Feier plötzlich ein Familienmitglied Opfer einer Entführung wird.

«Everybody Knows» ist der vierte gemeinsame Film des Schauspieler-Ehepaars Penelopé Cruz und Javier Bardem.

«Everybody Knows» ist der vierte gemeinsame Film des Schauspieler-Ehepaars Penelopé Cruz und Javier Bardem.

Fahrhadi, zweifacher Oscarpreisträger, gilt als Fachmann für Thriller im kleinbürgerlichen Milieu. Auch in «Everybody Knows» flechtet er das Beziehungsnetz seines Figurenensembles zu einem spannungsgeladenen Knoten, unter dem sich alte Familiengeheimnisse, verflossene Liebschaften und tiefe emotionale Wunden verbergen.

«Menschen aus verschiedenen Kulturen unterscheiden sich nicht, wenn es um Emotionen geht», sagte Farhadi – und sein Film steckt voller Emotionen. Während der von Bardem gespielte Familienfreund Paco versucht, das Lösegeld aufzutreiben, treiben erpresserische SMS Cruz’ Filmfigur zunehmend zur Verzweiflung.

«Das war ein intensiver Dreh», sagte die Darstellerin über den vierten gemeinsamen Film mit Bardem, «wir möchten das nicht jedes Jahr so machen.» Ihre Filmfiguren würde die 44-Jährige heute allerdings, anders als während ihren schauspielerischen Anfangsjahren, nicht mehr «mit nach Hause nehmen».

«Everybody Knows» wird nicht als einer der besten Eröffnungsfilme von Cannes in Erinnerung bleiben. Fahrhadi glänzt zwar wieder mit seinem ökonomischen Inszenierungsstil – kein Satz, kein Bild, keine Szene ist hier zu viel – driftet gegen Filmende allerdings in seichtes Telenovela-Territorium ab, das dem Publikum in Cannes ein kollektives Ächzen entlockte.

Kein zweites Wunderkind

Geht es nach Festivaldirektor Frémaux, könnten dieses Jahr unbekanntere Namen für Furore sorgen. A.B. Shawky beispielsweise. Der erst 22-jährige Ägypter hat es gleich mit seinem allerersten Spielfilm «Yomeddine» in den Wettbewerb geschafft.

Frémaux nennt ihn ein riesiges Talent, doch Shawky hat sich hier leider nicht als weiteres Cannes-Wunderkind à la Xavier Dolan entpuppt.

Roadmovie aus Ägypten: «Yomeddine» von Jungregisseur A.B. Shawky.

Roadmovie aus Ägypten: «Yomeddine» von Jungregisseur A.B. Shawky.

«Yomeddine» handelt von einem leprakranken Mann (Rady Gamal) und einen Waisenjungen (Ahmed Abdelhafiz). Zwei Aussenseiter, die auf der Suche nach Zugehörigkeit eine gemeinsame Reise quer durch Ägypten und durch gesellschaftliche Vorurteile unternehmen.

Shawky, der an der renommierte Tisch School in New York studierte, strebt ein Roadmovie voller Feelgood-Momente an, verzettelt sich aber in Betroffenheitskitsch.

Das war kein Start nach Mass für die 71. Filmfestspiele von Cannes. Hatte Frémaux einfach ein unglückliches Händchen? Der Festivalleiter gab kleinlaut zu, dass viele Hollywoodstudios ihre spannendsten Filme bis im Herbst zurückhalten wollen, um ihre Oscarchancen zu steigern.

Kann es sein? Verliert Cannes gerade gewaltig an Strahlkraft? Es bleiben noch neun Festivaltage, um diesen Eindruck aufzupolieren. Nur das Mürrische sollte Cannes dabei ablegen.

Meistgesehen

Artboard 1