Literatur

Der britische Starautor Ian McEwan macht eine Kakerlake zum britischen Brexit-Premier

In Ian McEwans neuem Roman verwandelt sich eine Kakerlake in den britischen Premier und regiert von Downing Street 10.

In Ian McEwans neuem Roman verwandelt sich eine Kakerlake in den britischen Premier und regiert von Downing Street 10.

Es ist eine literarische Verzweiflungstat: Ian McEwan rechnet mit dem Brexit ab – mit einer zwar lustigen, aber derben satirischen Fabel.

Schon der obligate Hinweis auf den fiktionalen Charakter im Vorspann dieses Romans ist eine satirische Pointe, eine derbe Lachnummer: «jede Ähnlichkeit zu existierenden Kakerlaken, ob tot oder lebendig, wäre rein zufällig», heisst es da.

Niemand ist so naiv, dabei nicht an Boris Johnson zu denken. Überdeutlich wird nämlich der neue, im Sommer diesen Jahres in zwei Monaten geschriebene Roman des britischen Starautors Ian McEwan als Satire auf das derzeitige «heillose britische Politchaos» angekündigt. Nicht nur das Verlagsmarketing, auch der Autor selbst gibt die Richtung für die Lesart exakt vor. Zu interpretieren gibt es da nicht mehr viel.

© CH Media

Die Anhäufung von irreführenden Aussagen und Lügen über die EU bei der Brexit-Diskussion habe ihn veranlasst, diesen Roman zu schreiben, sagte Ian McEwan dem britischen Guardian. Herausgekommen sei «eine satirische Novelle, geschrieben von jenem Punkt aus, wo Verzweiflung und Lachen sich treffen.»

Die literarische Verzweiflungstat kommt vielleicht im letzten Moment. Denn McEwan sagt auch, einen Ausweg aus der Sackgasse des Brexit sehe er nur, wenn Begriffe wie «Kontrolle zurückgewinnen», «sauberer Schnitt» oder «die Fesseln sprengen» endlich als das verstanden würden, was sie seien: verlogener Nonsens.

Die Umkehr des Geldflusses soll England zur Weltmacht machen

Märchenhaft beginnt der Roman: Eines Morgens fällt einer Kakerlake ein, «dass er eine wichtige, einsame Mission hatte» und verwandelt sich in einen Menschen – den britischen Premierminister. Um die reale politische Verrücktheit des in den Augen von Ian McEwan selbstschädigenden Brexit zu verdeutlichen, boxt sein Romanheld, Premierminister James Sams, ein noch viel wahnsinnigeres Politprojekt gegen alle Widerstände durch: Den Reversialismus, die Umkehrung des Geldflusses.

Dessen Logik: Wer arbeitet, bekommt kein Geld, sondern zahlt seinen Lohn dem Arbeitgeber. Umgekehrt erhält er für seinen Einkauf den Wert der Waren bar ausbezahlt. Horrende Negativzinsen sorgen dafür, dass alle wie verrückt arbeiten, damit sie das erhaltene Geld aus ihren Einkäufen bei der Arbeit wieder loswerden. Klingt so genial wie komplett verrückt.

So verrückt die Idee, so real zeichnet McEwan die politische Chronologie nach und folgt exakt dem Ablauf des Brexit-Dramas. Zunächst eine Idee von schrillen Exzentrikern, wird der Reversialismus bald Mainstream. Für 2015 verspricht der damalige Premier ein Referendum, was den Bruch mit der EU bedeutet.

Die Konservativen driften nach rechts ab, der zaudernde, neue Premierminister wird zum chauvinistischen Extremisten, Kritiker werden mit metaphysischem Geschwurbel mundtot gemacht: Nach dem Sieg werde der «Segen einer erhebenden Selbstachtung das gewöhnliche Volk überkommen», England werde wieder Weltmacht. Der US-Präsident ist begeistert, redet einfältig daher wie Donald Trump und ist hoch erfreut, dass England «der EU so richtig auf die Nerven geht».

Dem Engländer lässt man den Kakerlaken-Vergleich durchgehen

Der Ablauf dieser derben Politsatire kommt einem leider zu bekannt vor. Wenn man von den Intrigen, dem beschlussunfähigen Parlament, dem selbstgefälligen, skrupellosen Premierminister und dem besinnungslosen Nationalismus liest, spürt man trotz grossem Lesevergnügen eine Ermüdung. Die Nachrichten über die Brexit-Sackgasse sind schliesslich seit Monaten von solcher Realsatire übervoll. Was soll da noch eine Romansatire?

Nun lautet der Romantitel «Die Kakerlake». In Deutschland würde ein solcher literarischer Vergleich eines Regierungschefs mit einem Ungeziefer zum Skandal. Einem Engländer mag man das durchgehen lassen. Historisch sind die Briten weniger vorbelastet und geübter in vulgärem, schwarzem Humor mit jahrhundertealter Tradition. Jonathan Swift, den man vor allem als Autor von «Gullivers Reisen» kennt, mag als Referenz dienen.

Seine bekannteste Satire ist die 1729 erschienene «A Modest Proposal», worin er zur Beseitigung der Überbevölkerung, Armut und Kriminalität vorschlägt, irische Babys als Nahrungsmittel zu nutzen und durch Export Profit daraus zu schlagen. Dagegen ist Ian McEwans Kakerlaken-Satire fast schon harmlos.

Sein Kakerlaken-Premier ist nicht nur metaphorisch, sondern auch wörtlich zu verstehen. Er beschreibt einfühlsam und hochkomisch die Daseinsweise einer Kakerlake: der schwere Kopf, die Gefahr beim Überqueren einer Strasse und den etwas speziellen Appetit – für die Kakerlake ist Pferdedung wegen seines nussigen Geschmacks eine Delikatesse.

Moralische Fabel und Anleihe an Franz Kafka

Dass die Groteske auf eine moralische Fabel hinausläuft, wird bald klar. So kehrt McEwan das Mensch-Tier-Verhältnis spöttisch gegen die Politikerkaste. Beim Gedanken, sich in einen Menschen zu verwandeln und die für ihn bereitgelegten Kleider anzuziehen, wird der Kakerlake übel: «Seine Spezies war überaus stolz auf ihre schönen, glänzenden Leiber und wäre nie auf den Gedanken gekommen, sie zu verhüllen.»

Das Käfermotiv ist Franz Kafkas Erzählung «Die Verwandlung» entlehnt, wo der sich für die Familie aufopfernde Angestellte Gregor Samsa als Käfer aufwacht und von der Familie verstossen wird. In McEwans Roman verwandelt sich eine Kakerlake kurzzeitig in einen Politiker, um die Welt in ein schmutziges Armenhaus zu stürzen, in dessen Unrat sie sich dann schadenfroh suhlen kann. Das ist süffig erzählt, mit treffendem Spott auf machtbesoffene Politiker und einer etwas zu offensichtlichen Fabelmoral. Dass er den Brexit stoppen kann, daran glaubt auch McEwan nicht.

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