Coronavirus
Das Virus und wir: Pas de pas de deux

Stefan Strittmatter
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Am Donnerstag und Freitag wird die Migros in Oberwil ihren nun grössten Baselbieter Laden eröffnen.

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Kenneth Nars

Eigentlich mache ich mir nicht so viel aus Tanz. Umso erstaunter war ich, als ich mich vorgestern nicht nur unvermittelt in einer Vorführung wiederfand, sondern diese auch aus vollen Zügen genoss. Das Stück war nicht angekündigt gewesen, schliesslich sind sämtliche kulturellen Veranstaltungen bis auf weiteres abgesagt. Und es dauerte auch ein Weilchen, bis ich überhaupt bemerkte, dass ich mich im Ballett befand.

Alleine das Bühnenbild war eine Pracht: Überall standen berstend volle Regale, wie man es in unserem Lande gewohnt ist. Aber vereinzelt schimmerte das Grau des Metalls durch. Ein feines Detail, aber ein entscheidendes. Hiermit gelang den Requisiteuren eine subversive Zeit- und Konsumkritik: Ausgerechnet bei den Produkten des täglichen Bedarfes hatten Sie Löcher ins Bühnenbild eingearbeitet. Nudeln und WC-Papier als Luxusartikel – welch raffinierter Dreh im Drehbuch!

Und dann die Tänzerinnen und Tänzer: Sie traten als Einzelfiguren auf die Bühne, verteilten sich mit beinahe geometrischer Gleichmässigkeit auf der Tanzfläche. Keiner kam der anderen zu nahe, alle liessen sich Platz für ihre Bahnen und Bewegungen. Ein pas de deux? Pas du tout! Da wo sich sonst Tänzer in gewagten Arabesquen nach dem Mozzarella streckten, während ihre Partner einen bodennahen Grand-Plié beim Reibkäse vorzeigen, wurden nun ganz andere Bilder vorgeführt: Wer an ein Regal wollte, wo schon ein anderer Performer sein Spiel zeigte, der wartete. Warten – ein ohnehin viel zu selten gesehenes Motiv.

Die Choreografie war berauschend, vor allem auch weil hier bis vor kurzem noch ein ganz anderes Stück eingeübt und aufgeführt wurde. Sogar beim Anstehen an der Kasse wurde Anstand gezeigt und Abstand gehalten. Ein paar vereinzelte Tänzer waren mit dem noch recht neuen Drehbuch nicht ganz vertraut und mussten von der als Kassiererin verkleideten Regisseurin angewiesen werden, ihre Tanzschritte gemäss den Markierungen am Boden auszuführen. Doch das tat dem Stück als Gesamtkunstwerk keinen Abbruch. Rückblickend muss ich sagen: Das war die ergreifendste Choreografie, die ich seit langem gesehen habe. Mit Abstand!