Musik

Das erste Schweizer Rock-Musical war ein Desaster - trotz Stars wie Udo Lindenberg

Illustres Tell-Team mit Udo Lindenberg (oben mit Hut), Alexis Korner (rechts davon). Unten: Beat Hirt und Toni Vescoli (von links).

Illustres Tell-Team mit Udo Lindenberg (oben mit Hut), Alexis Korner (rechts davon). Unten: Beat Hirt und Toni Vescoli (von links).

Jetzt, mehr als vier Jahrzehnte nach der Premiere des Musicals, wurden die Aufnahmen wieder ausgegraben und sind als CD erhältlich.

Es war ein monumentaler Flop! Ein Desaster! Schon nach einem Monat war bei «Tell!», dem ersten Schweizer Pop-und-Rock-Musical, Lichterlöschen, die Produktionsfirma – mit den Top-Shot-Investoren Freddy Burger, Udo Jürgens und Jürg Marquard sowie dem Produktionsleiter André Béchir von «Good News» – war pleite.

Auch für Beat Hirt, 80, den Initianten und Texter, war der Flop eine Katastrophe. Leute fragten ihn, ob er auswandern wolle. Das Musical wurde totgeschwiegen, ging vergessen, und der Tonträger zum Musical war gar nicht mehr erhältlich.

43 Jahre danach hat die Zeit die Wunden geheilt. Und die prominent besetzten Studio-­Aufnahmen mit Udo Lindenberg und Jürgen Drews sowie der Crème des damaligen Schweizer Rock (Philippe Kienholz, Curt Cress, Armand Volker, Walter und Peter Keiser) sind mit Zusatzmaterial aus Demo-Aufnahmen erstmals auf CD veröffentlicht.

Sogar Udo Jürgens wollte mitmachen

Wie konnte das damals passieren? Waren doch die besten Leute der Schweizer und deutschen Unterhaltungsbranche involviert.

, sagt Hirt rückblickend.

Toni Vescoli umarmt im Musical "Tell!" als Wilhelm seinen Sohn Walter.

Toni Vescoli umarmt im Musical "Tell!" als Wilhelm seinen Sohn Walter.

Alle waren begeistert: Von der Idee, der Musik, den Interpreten. Alle waren sofort dabei: Udo Lindenberg bei den Studioaufnahmen, Toni Vescoli als Tell auf der Bühne, Su Kramer von den Les Humphries Singers, Alexis Korner als Gessler und sogar der angefragte Udo Jürgens war Feuer und Flamme: «Ich habe mir die Musik angehört und finde sie fabelhaft. Allein für den Tell sind drei erstklassige Nummern drin», sagte er damals. Noch so gern hätte er den Tell eingesungen, zumal er damals frisch in die Schweiz gezogen war.

, sagt Hirt. Doch der mächtige deutsche Musikmanager Hans R. Beierlein legte sein Veto ein. So wurde der Weg frei für Jürgen Drews, heute «König von Mallorca». Auch keine schlechte Wahl, denn der Frauenschwarm der Les Humphries Singers hatte mit «Ein Bett im Kornfeld» gerade einen Riesenhit gelandet.

Alles war angerichtet, die Stimmung euphorisch. Auch die Premiere verlief gut, wie Hirt beteuert. Über 90 Prozent des Publikums hätten die Inszenierung positiv beurteilt. Doch die Pressestimmen waren vernichtend. Hirts Hauptidee, die Heldenverehrung in Frage zu stellen, die Geschichte ins Heute zu übertragen und den Nationalhelden als normalen Menschen mit Fehlern darzustellen, kam bei konservativ gesinnten Kritikern nicht an. Die Verrockung des patrio­tischen Stoffes am Vorabend des Nationalfeiertags wurde als Lästerung an einem Nationalheiligtum empfunden und skandalisiert.

Die negative Presse verfehlte die Wirkung nicht. «Tell!» wurde abgeschossen. Die Zuschauer blieben aus. Hirt glaubt, dass auch die Form des Stücks abschreckte.

, sagt Hirt, heute Leiter der Filmproduktionsfirma Mesch & Ugge. Gleichzeitig gibt er zu, dass «nicht alles perfekt» war. «Wir gingen zu früh auf die Bühne, hätten einiges verbessern müssen. Aber der Enthusiasmus hat uns getrieben.» Hört man das Musical heute, kann man über den damaligen Skandal nur staunen – und schmunzeln.

Der Berner Tommy Fortmann, inzwischen klassischer Komponist, hat die Musik zwischen Disco, Pop, Schlager und Rock geschrieben, die längst im Musical-Mainstream angekommen ist. Die Arrangements sind sogar schon altbacken und – typisch Musical – oft überproduziert und zu üppig angerichtet. Doch «Tell!» ist ein nostalgischer Spass. Der Wert liegt im Historischen und den unnachahmlichen Interpretationen von Udo Lindenberg («Gitarrenlied»), Romy Haag («Weiberrock») und Alexis Korner («Gesslerlied»).

Hinweis:
Tell! The Musical. (M.I.G./Non Stop Music). Erscheint am 4.5.

Autor

Stefan Künzli

Stefan Künzli

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