Comedy
Erstes Schweizer Theaterhaus für Impro-Theater eröffnet mitten im Kultur-Lockdown

Die Theatergruppe Anundpfirsich eröffnet am 4. März das erste Improtheaterhaus der Schweiz. Dabei hat sie bis heute keinen Rappen Subventionsgelder gesehen.

Julia Stephan
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Der Neubau bietet Platz für 200 Zuschauerinnen und Zuschauer.

Der Neubau bietet Platz für 200 Zuschauerinnen und Zuschauer.

Bild: HO

Sieht so wahre Improvisationskunst aus? Die Theater sind zu. Das Kulturpublikum sitzt zu Hause. Doch nur wenige Gehminuten vom Zürcher Hauptbahnhof wird dieser Tage ein Theater eröffnet. Mit 200 Zuschauerplätzen ist das Theater im Zollhaus im Neubau der Genossenschaft Kalkbreite schweizweit die erste Institution für Improvisationstheater. Die Kunstform, die davon lebt, dass Schauspielende nicht einstudierte Szenen aus dem Stegreif erfinden, war bisher vor allem im Comedyprogramm vereinzelter Kleinkunstbühnen aufzustöbern. Die Betreiberin, die professionelle Improtheatergruppe Anundpfirsich, will das ändern. Vier bis fünf Veranstaltungen pro Woche sollen nach Ende des Kultur-Lockdowns hier stattfinden, vom improvisierten Western, Krimi, poetischen Erzählabend bis zum Musical. Mit der als Stream übertragenen Eröffnungsgala am 4. März geht für das Team nach sechs Jahren Vorarbeit ein Traum in Erfüllung. 150'000 bis 200'000 Franken wird der Betrieb des Theaters jährlich kosten. Mit der Genossenschaft hat man einen zehnjährigen Mietvertrag abgeschlossen.

Die seit 15 Jahren aktive zwölfköpfige Gruppe Anundpfirsich ist in der Schweiz eine Ausnahmeerscheinung. Zwar verzeichnet die Seite Improwiki im Netz für die Schweiz 58 aktive Improtheatergruppen. Doch die meisten von ihnen dürften Laienprojekte sein. Denn Improtheater hat ähnlich wie der Comedybereich aufgrund des hohen Spassfaktors bei staatlichen Kulturförderstellen ein Imageproblem. Wer wie die Luzerner Gruppe Improphil oder Anundpfirsich von dieser Kunst lebt, muss unternehmerisch tätig werden, Kurse und Workshops geben, lässt sich für Privat- und Firmenanlässe buchen. Auch der Ausbau des Theaters hat das Kulturbudget Zürichs nicht belastet, sondern wurde über Crowdfunding finanziert.

Diesem Prinzip sei die Gruppe auch während der Pandemie treu geblieben, erzählt Ensemblemitglied Donat Feijóo. Die Hälfte sei in Kurzarbeit, auf eine Härtefallentschädigung hoffe man. Doch die Unternehmer sind anders als viele subventionierte Kulturschaffende nicht in den Winterschlaf gefallen. Ihr Geschäftsmodell haben sie digitalisiert. Sie produzieren Online-Shows, die bis zu 150 Zuschauerinnen und Zuschauer erreichen, führen Online-Seminare durch. Die Ticketpreise haben sie nach dem Pay-what-you-can-Prinzip angepasst.

Kompetitive Bühnenformen liegen im Trend

Seit Jahren ziehen Improshows konstant ein ähnlich durchmischtes Publikum an, wie man es an Poetry-Slams antrifft. Das ist kein Wunder, denn ähnlich wie beim kompetitiven Dichterwettstreit trägt Improtheater den Sportgeist in seiner DNA. Es geht um Adrenalin, um unmittelbar abrufbare Leistung. Der Teamspirit wird hochgehalten – man tritt nicht nur einzeln, sondern auch in Mannschaften auf und gegeneinander an. Und es gibt Wettbewerbe, in denen sogar Schweizer Meister erkoren werden.

Das zwölfköpfige Team der Improtheatergruppe Anundpfirsich.

Das zwölfköpfige Team der Improtheatergruppe Anundpfirsich.

Bild: HO

Eine nicht belegbare und deshalb als Gründungslegende zu geniessende Geschichte besagt, dass der britische Regisseur und Schauspiellehrer Keith Johnstone Mitte des 20. Jahrhunderts diese Kunstform als Theatersport bezeichnet haben soll, um die Zensur auszutricksen. Johnstones Improshows wurde bei den Behörden als harmlose Sportveranstaltung klassiert. Trotzdem oder gerade wegen seiner Nähe zu Spiel, Sport und Spass hat Improtheater in der Kultursparte bis heute ein Akzeptanzproblem. Zu wenig greifbar ist das, was in diesen Shows passiert. Es fehlen ästhetische Kriterien, nach denen man das Gesehene einordnen kann. Man degradiert die Shows gern zu Fingerübungen aus der Schauspielausbildung. Dabei hat diese Kunstform, deren Ursprung man in den USA vermutet, viele Bezüge zur Commedia dell’arte und zu Bertolt Brechts Theatertheorien.

Mehr Diversität als auf subventionierten Theaterbühnen

Dank seiner Publikumspartizipation ist Improtheater ausserdem hochmodern. Das Publikum gibt den Rahmen vor. Es entscheidet über Setting, Gefühlszustände, über Wendungen in der Geschichte, die sich vor ihm in Echtzeit aufbaut. Trotzdem wird niemand auf die Bühne gezerrt, der das nicht will. Und die Mitglieder der Gruppen bilden eine Diversität ab, die man an anderen Theaterbühnen vergeblich sucht: Neben Profi-Schauspielerinnen und -Schauspielern, Theaterpädagogen sind bei Anundpfirsich auch ehemalige Soziologen oder Logistiker mit dabei.

Der Kampf ums Publikum ist eröffnet.

Theater im Zollhaus, Zollstrasse 121, 8005 Zürich. Digitale Eröffnungsgala: Do, 4. März, 2021, 20 Uhr via Stream: www.theater-im-zollhaus.ch