Roman
Artur Kilian Vogel: Ein Chefredaktor blickt auf blutige Konflikte und Liebeswirren zurück

Der gebürtige Luzerner Artur Kilian Vogel erzählt in seinem vierten Roman auch von sich selber. Oder etwa nicht?

Arno Renggli
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Artur Kilian Vogel (67), ehemaliger Nahost-Korrespondent und später «Der Bund»-Chefredaktor.

Artur Kilian Vogel (67), ehemaliger Nahost-Korrespondent und später «Der Bund»-Chefredaktor.

Bild: PD

Strittmatter, Chefredaktor einer Schweizer Tageszeitung, ist am Ende. Wie sehr, erlebt man im apokalyptischen Finale des Romans von Artur Kilian Vogel, selber ehemaliger Chefredaktor, nämlich bei «Der Bund». Dies führt zur Frage, die fast bei jedem Roman möglich und mässig originell ist. Aber sich hier aufdrängt: Wie viel in der Figur Strittmatter ist autobiografisch?

Wir kommen gleich dazu. Was zieht Strittmatter, deutlich über 60-jährig, den Boden unter den Füssen weg? Er hat soeben erfahren, dass «seine» Zeitung eingestellt wird, weil längst nicht mehr profitabel. Nun hängt er spätnachts einsam in seinem Büro ab und kommt zum Schluss, dass sein gesamtes Wirken als Journalist gescheitert ist. Und alles andere auch.

Wie etwa in der Liebe. Hier trauert er vor allem Sidonie nach. Er hatte sie kennen gelernt, als sie beide in einem nahöstlichen Kriegsgebiet waren, er als Journalist, sie als Fotografin. Es entwickelte sich eine eher einseitige Beziehung, er wollte zusammenziehen und heiraten, sie wollte beides nicht, sondern sah das Spiel zwischen Nähe und Distanz als liebeserhaltende Massnahme. Was letztlich nichts half: Sidonie machte Schluss, ohne ihm je den Grund zu verraten. Doch was Strittmatter auch nach vielen Jahren nicht verstehen kann, erahnt man beim Lesen aufgrund seines Charakters und Gebarens umso besser.

Authentische Schilderung nahöstlicher Konflikte

Im Zuge der zunehmend alkoholgeschwängerten Rückschau auf sein Leben erinnert sich Strittmatter auch eine Liebesbeziehung in ganz jungen Jahren, in der er eine Naivität zeigt, die er zeitlebens nie ganz ablegen wird. Vor allem aber an seine Reportereinsätze ab Ende der 1980er-Jahre in den Kriegsgebieten des Nahen Ostens, etwa im provisorischen Palästinenserstaat oder im Libanon. Fast logisch, dass Vogel Strittmatters Erlebnisse und die damaligen Hintergründe dieser grausamen Konflikte kompetent und berührend zu schildern versteht: Er war jahrelang als Korrespondent selber an diesen Schauplätzen.

In dieser Hinsicht ist der Roman tatsächlich autobiografisch, um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen. Geschmacksache ist wohl, dass Vogel eine eigene damalige Reportage in voller Länge in den Roman einbaut, nur um Strittmatter Gelegenheit zu geben, dazu die eigenen journalistischen Schwächen selbstkritisch zu kommentieren.

Weniger klar ist die Übereinstimmung zwischen Vogel und Strittmatter bei längeren Passagen, in denen Letzterer die Veränderungen im Journalismus im Zuge der Digitalisierungen oder Marktveränderungen beklagt. Oder auch punkto Liebesdingen. Oder generell in Bezug auf die Lebenseinstellung, die bei Strittmatter stark von gesellschaftlichen Pessimismus und Hadern mit sich selber geprägt ist. Also fragen wir den Autor.

«Er ist ein einsamer Wolf, das bin ich nicht»

«Strittmatter ist ein einsamer Wolf, der sein ganzes Leben für gescheitert erachtet», sagt Artur Kilian Vogel dazu. «Das Psychogramm dieser Figur entspricht meiner eigenen Person überhaupt nicht. Auch die medienkritische Haltung teile ich in dieser krass skeptischen Art nur zum Teil. Und die Liebes­­geschichten sind ganz erfunden. Echt sind natürlich die Erlebnisse als Reporter und deren zeitgeschichtliche Einbettung. Insofern ist der Roman wohl eine ziemlich wilde Mischung aus Realität und Fiktion.»

Als Leser muss man sich darauf einstellen, dass Vogel keine klassische Romanhandlung bietet. Vielmehr dominieren Reflexionen und episodische Rückblicke auf Kriege und Liebeswirren. Eingebettet in die Rahmenstory mit Strittmatter im Büro werden diese immer chaotischer, was aufgrund des Gemütszustands der Hauptfigur plausibel ist. Der Roman überzeugt nebst der Authentizität der Reportagen durch die Präzision, mit der er scheiternde Beziehungen schildert – was durchaus auch unterhaltsam ist – durch gedankliche Schärfe und eine wunderbar lakonische Sprache.

Artur Kilian Vogel: Der Zeitungsmann, dem die Sprache verloren ging. Cameo. 280 S., Fr. 29.90.