Es passiert wenig in «Der letzte Schnee», dem neusten Buch von Arno Camenisch. Und doch ist es voller Geschichten. Paul und Georg stehen an einem alten Skilift irgendwo in Graubünden. Sie warten. Auf Gäste, den Schnee, die Sonne. Und sie erzählen davon, wie sich ihr Dorf und die Menschen darin verändern.

Camenisch (39) erklärt, was die beiden Figuren mit ihm verbindet, warum er den Begriff Heimat nicht mag und weshalb er die No-Billag-Initiative ablehnt.

Herr Camenisch, Sie veröffentlichen im Jahrestakt Bücher und sind gleichzeitig dauernd auf Lesetour. Wie machen Sie das?

Arno Camenisch: Schreiben ist viel einfacher, als man meint. Man muss einfach hinhocken und schreiben (lacht). Für mich ist das eine Frage des Zeitmanagements. Es gibt die Zeit auf Tournee und es gibt die Zeiten, die ich zu Hause bin und schreibe. Das ist dann ein sehr konzentrierter Prozess.

Sie brauchen keine schöpferische Pause?

Ich bin dauernd in Bewegung, viel unterwegs. Das ist für mich wie atmen. Ich reise mit dem Auto. Das sind für mich wertvolle Stunden, in welchen sich Texte entwickeln, sich im Kopf zu drehen beginnen.

Sie touren immer mit dem Auto?

Ja, unter anderem, weil ich dann wieder nach Hause komme nach den Lesungen. Zu Hause zu erwachen, ist einfach schön.

Oder fahren Sie Auto, weil Sie dort rauchen können?

(Lacht) Ja, stimmt schon: Wenn ich das Fenster runterlasse, kann ich rauchen. Ich mag diese einsamen Fahrten in der Nacht, nach einer Lesung, mit einem guten Gefühl im Bauch ...

Das ist aber auch ein einsames Geschäft, so, wie Sie das beschreiben.

Nicht nur. Ich komme ja jeweils von einer Begegnung mit vielen Menschen. Ich liebe es, aufzutreten, meine Texte zu intonieren. Das ist, wie ein Konzert zu geben. Ich empfinde das als ein Geschenk.

Denken Sie beim Schreiben bereits an die Lesungen?

Nicht bewusst. Aber jeder Text muss für mich Rhythmus haben, hat eine bestimmte Tonlage. In diesem Sinne höre ich ihn schon, während ich schreibe.

Ihre Bündner Trilogie und die folgenden drei Bücher spielen alle in Graubünden. Sie selbst leben seit zehn Jahren in Biel. Kommen Sie von der Heimat nicht los?

(lacht) Ich werde dieses Jahr vierzig und habe immer mehr das Bedürfnis, meine alte Heimat zu besuchen, um den Kopf zu lüften. Aber es stimmt schon: Alles, was ich schreibe, hat irgendwie seinen Ursprung in meiner Kindheit. In diesem Sinne bin ich sehr stark verwurzelt in Graubünden.

Schreiben Sie eine Art Heimatliteratur?

Ich mag das Wort Heimat nicht so sehr. Ich beschreib einfach ein Leben, das ich sehr gut kenne. Ich weiss um alle Codierungen in der Sprache, ich kenne die Verhaltensweisen. Ich brauche das auch, weil ich Geschichten schreiben will, die nahe am Leben sind. Andersherum sagen mir beispielsweise Leute in Italien oder Spanien, dass Geschichten wie «Die Kur» oder «Hinter dem Bahnhof» ebenso gut dort spielen könnten. Im Zentrum meiner Bücher steht immer der Mensch. Ob er jetzt in Tavanasa oder in New York wohnt: Er weint, er lacht, er hofft.

Ihr neues Buch spielt an einem klapprigen Schlepplift. Gibt es für diesen ein reales Vorbild?

Es ist ein alter Skilift irgendwo in Graubünden, mit diesen beiden typischen Camenisch-Figuren. An einem solchen Ort hab ich selbst Skifahren gelernt. Wir waren als Kinder, wenn es irgendwie ging, jede freie Minute auf der Piste. Ich erinnere mich daran, dass wir einmal auch hochgelaufen sind, weil der Lift wegen eines Unwetters nicht fuhr.

Was zeichnet typische Camenisch-Figuren aus?

Für mich sind die beiden zwei Philosophen im Schnee. Der eine, Paul, ist ein grosser Fabulierer. Er liebt es, zu erzählen. Der andere, Georg, sagt hingegen nur das Nötigste. Die beiden laufen dieser schmalen Kante entlang, wo Komik auf Tragik trifft. Diese Begegnung interessiert mich in meinen Texten.

In einem der Vorgänger-Bücher, «Fred und Franz», sprechen die Männer über die Liebe. Hier reihen sie Anekdote an Anekdote. Was ist das übergeordnete Thema?

«Der letzte Schnee» ist ein ganz anderes Buch als «Fred und Franz». In «Der letzte Schnee» geht es um Veränderungen, und die extremste Veränderung, die wir jetzt zu erleben beginnen, ist der Klimawandel. Der beschäftigt mich extrem. Die Winter werden immer kürzer, die Gletscher schmelzen, im Januar ist es zwölf Grad warm. Ich frag mich, wohin uns das noch führt. An einem solchen Skilift werden die Auswirkungen sehr direkt sichtbar.

Irritierend ist, dass die Figuren aus den Siebzigern zu stammen scheinen, aber doch über Trump sprechen. In welcher Zeit spielt das Buch?

Es spielt heute. Solche Anlagen und solche Menschen finden Sie heute noch. Aber natürlich ist es ein Buch über das Verschwinden. Die Figuren sprechen über den Wandel im Tal. Ihre Geschichten sind bis in die Details mit dem Verschwinden verbunden. Das sehen Sie bereits, wenn Georg die Streichhölzer dauernd sucht.

Am Ende bringt einer der beiden Godot ins Spiel. Ich gehe aber davon aus, dass Typen wie diese kaum Beckett gelesen haben. Reine Fiktion?

Meine Bücher sind nie naturalistisch, sie sind immer auch etwas surreal. Es geht um Fragen, die mich beschäftigen, wie eben das Ende, das auf alles wartet, und um diese Kernfragen dreht sich der Text.

Aber Sie machen doch eine Reminiszenz an Becketts Stück. Fast alle Ihre Texte wurden für das Theater adaptiert. Wieso schreiben Sie nicht von Beginn weg ein Stück?

Ich überleg mir so was vor und nach dem Schreiben. Aber wenn ich schreibe, findet der Text eben seine Form und ich muss ihn genau so schreiben, wie er es von mir verlangt. Im Nachhinein denk ich schon, der Text würde sich für die Bühne eignen.

Ihr letztes Buch, «Die Kur», wird verfilmt. Wie weit ist das Projekt?

Es ist in Entwicklung, aber mehr will ich noch nicht verraten.

Sind Sie darin involviert?

Ich werde als Berater beigezogen.

Da wir schon beim Film sind. Gehören Sie zu den Kulturschaffenden, die sich gegen No-Billag stellen?

Ja, ich bin vehement gegen die Initiative.

Warum?

Sie gefährdet die kulturelle Vielfalt im Land massiv. Meine Bücher sind immer ein Statement für die Vielfalt. Für uns Rätoromanen wär eine Annahme katastrophal. Radio und Televisiun Rumantscha sind für die Pflege und Weiterentwicklung unserer Sprache extrem wichtig.

Sie selbst profitieren als Schriftsteller vom Service public?

Es geht nicht darum, ob ich profitiere bzw. wer davon profitiert, es geht nicht um Profit. Es geht um viel grössere Fragen. Es geht um das Fundament unserer Demokratie, um die Solidarität im Land. SRG ist für diese enorm wichtig. Notabene für nur einen Franken pro Tag.