Neues Theater Dornach

Zwischen Haiku und Kalendersprüchen: «Schnee» als Bühnenstück-Adaption

Das Neue Theater in Dornach.

Die Bühnen-Adaption von «Schnee» am Neuen Theater in Dornach krankt am Gestus der Ernsthaftigkeit.

Das Neue Theater in Dornach.

Im Neuen Theater Dornach bringt die freie Gruppe Theater M den Roman «Schnee» als konzertantes Duo-Stück auf die Bühne.

Haiku-Gedichte sind zugänglich. So zugänglich, dass sie an vielen Kühlschränken in Stadt und Land hängen. Oft bündeln Haikus ein Landschaftsbild, eine Momentaufnahme in der Natur. Reime gibt es keine. Die japanische Gedichtform folgt einer strengen Struktur: Ein klassisches Haiku besteht aus drei Zeilen, mit jeweils fünf Silben in der ersten und dritten sowie sieben Silben in der zweiten Zeile.

Kann ein Theaterabend, der sich dem Haiku widmet, funktionieren? Die freie Gruppe Theater M hat es versucht. Die kurzen Gedichte wollen ebenso wie Bühnenstücke den Blick auf die Welt verändern. Wenn auch mit anderen Mitteln: Landschaftslyrik will entschleunigen. Sandra Löwe und Marcus Violette setzen in «Snow» eher auf Tempo.

«Snow» ist die Schweizer Erstaufführung des gleichnamigen Romans von Maxence Fermine. Ein junger Haiku-Dichter, der nur über Schnee geschrieben hat, durchlebt seine Wanderjahre unterwegs zum erwachsenen Künstler.

In der symbolisch aufgeladenen Welt von «Snow» durchlebt er dabei seine Entwicklung weg von der Beschreibung von Weiss, der «ältesten Farbe», zum farbenfrohen Frühlingspoeten. Laut Pressetext ist es ein «asiatisch anmutendes Erzähltheater».

Das Stück funktioniert als Konzertabend ganz gut

Bis auf ein paar Kerzen und eine fünf Meter hohe, senkrecht gespannte Schriftrolle, natürlich mit asiatischem Schriftzeichen, ist die Bühne fast leer. Der Musiker Beat Vögele sitzt an seinem Harmonium, einem Tasteninstrument mit orgelhaftem Klang. Der Abend ist in Englisch, Deutsch, Französisch und weiteren Sprachen gehalten. Die Übersetzung wird jeweils auf die Schriftrolle projiziert. Gesprochen wird in Standmikrofone.

Zwar sprechen Sandra Löwe und Marcus Violette nur zu Beginn in der strengen Haiku-Form, aber durchweg in kurzen Sätzen. Die Qualitäten von Marcus Violette, einem ausgebildeten Clown, kommen kaum zum Zug: Wenn er eine japanische Tee-Zeremonie karikiert, will das überhaupt nicht mit der symbolischen Aufladung des Abends zusammengehen.

Meist raunt aber auch er mit aufgerissenen Augen ins Mikrofon. Jeder Satz von Löwe und Violette ist bedeutungsschwer. Jeder zweite enthält eine Moral, als wäre es eine Collage von Kalendersprüchen. Besonders plump ist das in Sexszenen, deren Beschreibung an Kiosk-
romane erinnert.

Sehr ernsthafter Gestus, aber nicht eingelöst

«Es ist besser auf den Füssen zu sterben, als auf den Knien zu leben!», ruft Löwe im letzten Drittel des Abends ins Mikrofon. Dem Zitat eines mexikanisches Revolutionärs, wie Google weiss, fehlt jeder lyrische Zwischenton. Im besten Fall erinnert es an einen Mel Gibson-Film; im schlechtesten an den Heckscheibenkleber eines aggressiven Autofahrers. Aber solche Sentenzen – es war die Auffallendste aber längst nicht die einzige – zerstören jede Poesie in dieser «Geschichte über Poesie».

So krankt der Abend an seinem ernsthaften Gestus, den er inhaltlich nicht einlöst. Dank der Mehrsprachigkeit kann man ihn trotzdem geniessen. Die Wechsel von Deutsch, Französisch und Englisch bringen die bedeutungsschweren Worte um ihren Inhalt. Vögeles nur teils melodische Harmoniumklänge halten den Abend zusammen. Als Spoken-Word-Konzert funktioniert «Snow» gut.

Meistgesehen

Artboard 1