Caliente Zürich

Wo Fernweh und Heimweh feiern

Ausgelassene Stimmung zum Auftakt des Latino-Festivals Caliente.

Caliente-Festival in Zürich

Ausgelassene Stimmung zum Auftakt des Latino-Festivals Caliente.

Die Hüften schwingen, etwas Feines essen und durch den Mercado Mundial flanieren – der Kern des Zürcher Kreises 4 ist ganz in der Hand des Latino-Festivals Caliente.

Von Sidonia Küpfer

Das Gebiet um den Zürcher Helvetiaplatz liegt im Rauch. Für einmal aber ist es kein Tränengas wie am 1. Mai, sondern der Rauch von den vielen Grillständen am Latino-Festival Caliente, die miteinander um die Wette zu braten scheinen.

Vom Helvetiaplatz bis zum Kasernenareal steht Festbeiz an Festbeiz, die mit kulinarischen Köstlichkeiten aus aller Welt locken. Exotische Drinks wie Caipirinhas und Mojitos gibt es an jeder Ecke, und jede Bar versucht die Besucher mit der eigenen Musik zum Verweilen zu bringen. Nebst Essen und Trinken findet man auf dem so genannten Mercado Mundial auch Handgefertigtes, ebenso wie Souvenirs, Kleider und Hüte. Spanisch, Portugiesisch und afrikanische Sprachen mischen sich mit Deutsch. Die Stimmung ist aufgekratzt, aber friedlich.

Schon auf der Fahrt von der Innenstadt in Richtung Festgelände werden die Kleider körperbetonter und die Röcke kürzer, je mehr man sich dem Festgelände nähert. Mittlerweile steigt im Volkshaus die Stimmung an. Noch schallt die Musik ab Konserve in den Saal, wo Konzerte das Festivalprogramm abrunden. Bald schon soll hier aber die Banda Calypso auftreten - eine in Brasilien äusserst populäre Band, die ganze Fussballstadions füllt. Die energiegeladene Show der zierlichen Sängerin Joelma zieht die vielen brasilianischen Fans in ihren Bann. Für kurze Zeit liegt das Volkshaus nicht in Zürich, sondern in Brasilien.

Und die Fans legen sich ins Zeug: Als Joelma zwei junge Männer und zwei junge Frauen zum Tanzwettbewerb sucht, melden sich fast alle Konzertbesucher. Die vier Erwählten können an der Seite der Profitänzer vor grossem Publikum ihre Fertigkeiten im Forró-Tanzen präsentieren - das Zeugnis über ihre Leistungen folgt auf dem Fuss, mittels Lautstärke des Applauses werden die Gewinner ermittelt. Als Preis wartet ein Werbegeschenk und - und das scheint viel wichtiger - eine Umarmung von Joelma. Nach der Show strömt das Publikum nach draussen, obwohl mit der kubanischen Band Gente de Zona keine Unbekannten auftreten werden.

Am Caliente treffen sich diejenigen, die kommen, um das Heimweh zu bekämpfen, mit denjenigen, die kommen, um das Fernweh zu stillen, zum Feiern: «Hier unter freiem Himmel mit der Musik und den feiernden Menschen kommt einfach Ferienstimmung auf. Denn bis ich wegfahren kann, dauert es noch», sagt Daniela aus Neuenhof. Sie habe sich früher nicht besonders für lateinamerikanische Musik begeistern können. Im vergangenen Jahr sei sie dann aber doch einmal mit Freunden mitgegangen und die Atmosphäre habe sie gepackt.

Für Juan ist es hingegen ein Stück Heimat, das er beim Caliente wiederfindet. Der Brasilianer, der seit vier Jahren in der Schweiz lebt, besucht das Latinofest jedes Jahr, so weit es ihm möglich ist. Auch wenn er feststellt, dass das Fest vor allem die gängigsten Klischees über Südamerika widerzuspiegeln vermöge. In der Tat bedienen sich auch die Schweizer Stände des klassischen Bildes von der Schweiz mit Raclette oder Bratwurstständen. Der Stimmung unter dem Partyvolk tut dies aber keinen Abbruch. Um 24 Uhr ist am Freitag aber Schluss. Die Musik wird abgestellt, und die Festfreudigen müssen sich anderweitig orientieren - oder auf den Samstag und den Sonntag warten. Dann machen auch im Volkshaus mit Roberto Roenia (Puerto Rico) und dem ehemaligen brasilianischen Kulturminister Gilberto Gil zwei Publikumsmagnete ihre Aufwartung.

Noch bis heute Sonntag dauert die dreitägige Südamerika-Party, die dieses Jahr zum 15. Mal über die Bühne geht. Längst ist das Caliente zu einem fixen Bestandteil des Zürcher Festkalenders geworden ist. Grund genug für die Organisatoren, zum Jubiläum neue Wege zu beschreiten: Sie exportieren ihr Produkt im November nach Miami und feiern dort ein dreitägiges Caliente.

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