Als im Herbst 2017 bekannt wurde, dass die 1977 geborene Jesmyn Ward nach 2011 erneut den National Book Award erhält, rieb sich manch hiesiger Literaturfreund überrascht die Augen. Jesmyn wer? Denn trotz ihres auch bei uns erschienenen Romans «Vor dem Sturm» ist die Schriftstellerin aus Mississippi, die an der Tulane University in New Orleans Englische Literatur lehrt, hierzulande für viele ein unbeschriebenes Blatt.

In den USA aber gilt die Südstaatenautorin seit Erscheinen ihres vielgepriesenen Erstlings – in welchem sie die aufwühlende Geschichte von vier elternlosen Geschwistern erzählt, die gegen einen im Mississippi-Delta aufziehenden Hurrikan kämpfen – als literarisches Schwergewicht.
Und liest man nun ihren neuen, zweiten Roman «Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt», so versteht man schon nach wenigen Seiten, weshalb. Denn wo andere schöne Satzgirlanden über die Schicksale ihrer Figuren ausspannen, da leuchtet Ward von der ersten Zeile an brutal und wie selbstverständlich in deren zerrissene, oft von Gewalt und Entbehrung zerwühlte Seelen. Das muss man als Leser aushalten.


Ringen mit dem Schicksal


Doch wer dranbleibt, wird beschenkt mit einer Fülle faszinierender Erkenntnisse. Und das in Form einer US-Literatur, wie wir sie bislang eigentlich nur von Exorzisten wie Cormac McCarthy oder – früher – von John Steinbeck her kannten. Denn Ward schreibt Sätze, die auf direktem Weg von der dunklen Seite des amerikanischen Traums herzukommen scheinen, Sätze ohne jedes betäubende Anästhetikum. Dabei umkreisen ihre beiden Bücher das Thema Familie und das, was dieses scheinbar gottgegebene Konstrukt für viele leider nicht selten ist: die Hölle. Oder zumindest ein Katalog der verpassten oder ungenutzten Chancen.


«Hier auf dem Land zu leben, hat mich einiges gelehrt», bekennt Leonie, die dunkle schicksalsgebeutelte Roman-Heldin, einmal mit Blick auf den unergründlichen, mythenreichen amerikanischen Süden. «Zum Beispiel, dass nach dem ersten grossen Überschwang des Lebens die Zeit an allem nagt: Sie lässt Maschinen rosten, Tiere so altern, dass sie Fell und Federn verlieren, sie lässt Pflanzen welken.» Und Menschen vor die Hunde gehen – möchte man hinzufügen. Denn Leonies Geschichte und die ihrer beiden Kinder JoJo und Kayla, die da unten im Delta gegen den Untergang und für ein paar lebenswerte Augenblicke kämpfen, entrollt eine uralte Legende: jene vom Ringen des Menschen mit seinem ihm scheinbar unveränderlich in die Wiege gelegten Schicksal. Darin erinnert Wards Buch an die grossen Südstaatenerzählerinnen Eudora Welty, Flannery O’Connor oder Carson McCullers, deren Literaturen ebenfalls den Menschen des Südens eine machtvolle literarische Stimme gaben.


Drogen statt Kinder


Doch worum genau geht es in Wards neuem Roman? Erzählt wird die Geschichte der vom Leben enttäuschten Leonie, die längst grösseres Interesse an schnellen Crystal-Meth-Kicks hat als an ihren beiden Kindern. Denn seit ihr Mann Michael im Knast sitzt und Leonie sich als Bar-Bedienung durchschlägt, dreht sich ihr Leben vor allem um Drogen. Also um den schnellen Rausch, der sie ihr tristes Dasein eine kleine Ewigkeit lang vergessen lässt.

Die Kinder sind bei ihren Grosseltern: Mom, die vom Krebs gezeichnet ins Sterben trudelt. Und Pop, der den Familienrest noch halbwegs zusammenzuhalten versucht. Und während ihr toter Bruder Given, der Leonie immer wieder während ihrer Meth-Räusche erscheint, das Glück hatte, früh sterben zu dürfen, macht Leonie sich eines Tages auf, um Michael, der seine dreijährige Haftstrafe abgesessen hat, gemeinsam mit den Kindern abzuholen.


Wie in Zeitlupe


«Und was ist mit der Schule?», fragt ihr Vater sie, worauf Leonie ihm antwortet: «Es sind doch nur zwei Tage, Pop!» So bricht das Trio gemeinsam mit Leonies verkrachter Arbeitskollegin Misty auf, deren Mann ebenfalls einsitzt. Und genau hier, in der Schilderung ihrer quälenden Fahrt durch Amerikas heissen, sumpfigen Süden erreicht Jesmyn Wards Roman seinen epischen Höhepunkt. Denn wie sie den dahinstotternden Wagen zum rollenden Beichtstuhl macht, in dessen Enge sich immer neue Mini-Dramen abspielen, das ist grandios. Langsam, wie in Zeitlupe, verdichtet sich ihr Buch darüber zur faszinierenden Schilderung einer Reise ins Herz der amerikanischen Finsternis.


Dave Eggers zuletzt auf Deutsch erschienener Roman «Bis an die Grenze», der ebenfalls die Fluchtbewegung einer Mutter und ihrer beiden Kinder quer durch die Weiten der USA erzählt, benennt im Titel, wohin es Wards Figuren führt: an die Grenze ihrer eigenen Belastbarkeit – und öfter als ihnen lieb sein kann, darüber hinaus. Bis die kleine Kayla am Ende stellvertretend ausspricht, wohin es alle eigentlich in Wirklichkeit von Anfang an zieht: «Nach Hause, nach Hause.» Von ihrem gemeinsamen steinigen Weg dorthin erzählt Jesmyn Wards wahrhaft erschütternder Roman. Übrigens: Eggers sass in der Jury, die ihr den «National Book Award» dafür zuerkannte.