Literatur
Wenn der Drachen aus dem Buch faucht

Der Vierwaldstädtersee und das Gotthardmassiv haben über die Jahrhunderte Künstler, Reisende und Gelehrte inspiriert. Die Basler Literaturgeografin Barbara Piatti spürt ihren Fantasien nach.

Anja Wernicke
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Die Basler Literaturgeographin Barbara Piatti gestaltet Bücher, deren Inhalt mittels cleveren Basteleien und Gadgets sinnlich erfahrbar wird.

Die Basler Literaturgeographin Barbara Piatti gestaltet Bücher, deren Inhalt mittels cleveren Basteleien und Gadgets sinnlich erfahrbar wird.

Kenneth Nars

«Hört, wie der Abgrund tost, der Wirbel brüllt, so hat’s noch nie gerast in diesem Schlunde!» Schon Friedrich Schiller beschrieb in seinem «Wilhelm Tell» die Kraft des Vierwaldstädter Sees. Doch er ist längst nicht der einzige Dichter, der sich in seiner Fantasie mit diesem mystisch aufgeladenen Gewässer beschäftigt hat, dem sogenannten helvetischen Ozean. Die Föhnstürme auf dem Wasser, die Strudel und Wasserhosen, die den teils rauen Charakter des Sees prägen, haben darüber hinaus so manchen Literaten meinen lassen, er befände sich auf offener See.

Der Fantasie sind ja bekanntlich keine Grenzen gesetzt. Dass sie sich jedoch häufig an der Realität orientiert und von dieser ausgeht, damit beschäftigt sich die Literaturwissenschaftlerin Barbara Piatti. Der Vierwaldstättersee und das Gotthardmassiv sind dabei eine besonders ergiebige Region.

Die Bergkulisse hat auf viele reisende Künstler und Gelehrte mächtig Eindruck gemacht. Oft waren sie auf dem Weg nach Italien und notierten in ihren Tagebüchern und Briefen ihre Beobachtungen und Fantasien oder liessen das Erlebte in ihre Geschichten und Gemälde einfliessen. Diesen Zeugnissen spürt Barbara Piatti nach.

Wunder-Bastelbox im Buch

2013 erschien ihr Buch «Es lächelt der See. Literarische Wanderungen in der Zentralschweiz» im Rotpunktverlag. Schon als 15-jährige begann die mittlerweile 44-Jährige sich für den Zusammenhang von realen und literarischen Orten zu interessieren. Dank ihrem Vater, dem bekannten Illustrator Celestino Piatti, der über 5000 Buchcover des Deutschen Taschenbuchverlags gestaltet hat, waren in ihrem Elternhaus jederzeit Bücher vorhanden. Auf Urlaubsreisen begann sie damit, Bücher zu lesen, die in der jeweiligen Umgebung spielten. Ihre Leidenschaft baute sie im Studium aus und spezialisierte sich schliesslich für die Orchideendisziplin der Literaturgeographie.

Von 2006 bis 2014 arbeitete sie als Forschungsgruppenleiterin am Institut für Kartografie und Geoinformation an der ETH Zürich und konzipierte dort das Projekt «Ein literarischer Atlas Europas». Mittlerweile ist Barbara Piatti, die mit ihrer Familie in Basel lebt, freischaffend und unermüdlich tätig. 2016 erschienen gleich zwei Bücher von ihr. «Von Casanova bis Churchill. Berühmte Reisende auf ihrem Weg durch die Schweiz» (Verlag Hier und Jetzt) kombiniert Portraits der Reisenden mit ihren Originalzitaten.

Die zweite Veröffentlichung des vergangenen Jahres, bietet über den fundierten Inhalt hinaus einige Überraschungen. Denn zusammen mit der Literaturwissenschaftlerin Christina Ljungberg, der Graphikdesignerin Christiane Franke und der Illustratorin Yvonne Rogenmoser hat Barbara Piatti die raffiniert und aufwendig gestaltete Box «Vierwaldstättersee & Gotthard - Wie Du diese Landschaft noch nie gesehen hast» geschaffen, die jenseits der konventionellen Buchform steht.

Neue Formate wie Popup-Bücher oder Lese-Apps sind ja bereits seit einiger Zeit im Trend. Barbara Piatti und ihr Team entschieden sich jedoch für eine analoge und sehr abwechslungsreiche Variante. Die zwölf Themenblöcken werden nicht allein über Texte, sondern jeweils über ein individuell gestaltetes Gadget vermittelt. Wenn es zum Beispiel im Kapitel «Finsternis» um die literarischen Fantasien von Christian Kracht und Hermann Burger geht, lässt sich das Gelesene auf einem dunkel hinterlegten Folien-Wimmelbild mit einer Papiertaschenlampe nachforschen. Das Kapitel «Architektur» behandelt nie realisierte Bauwerke wie die Seebühne von Richard Wagner oder das Schloss auf dem Rütli des Bayernkönigs Ludwig II. Die Wunderbox liefert dazu ein Papierschloss zum Nachbauen mit.

Ernsthafte Drachenforschung

Das Staunen über die heute kaum mehr nachvollziehbare wissenschaftliche Drachen-Forschung am Pilatus, die im 18. Jahrhundert ernsthaft betrieben wurde, wird mit einem Drachen zum Ausstanzen und Aufstellen untermauert. Die «Farben», welche William Turner verwendete, als er in unzähligen Varianten die Rigi malte, lässt sich auf einem Farbfächer nachvollziehen.

Die Vorliebe der Reisenden des 19. Jahrhunderts die Landschaft im Rücken in einem dunkelgefärbten Taschenspiegel zu betrachten, kann man dank mitgeliefertem Spiegel ebenfalls nachempfinden. Barbara Piatti und ihre Mitstreiterinnen erzählen so auf anschauliche und verspielte Weise die sich wandelnde Kulturgeschichte einer Region und machen längst vergessene Alltagskultur und Sichtweisen der Menschen erfahrbar.

Einen Verlag hätten sie für dieses spezielle Projekt erst gar nicht gesucht, sondern gleich selbst einen gegründet, erzählt Piatti bei einer Lesung in Binningen. Die Birsig Buchhandlung hatte sie am Freitag eingeladen, den ersten Band ihres Verlags «Imaginary Wanderings Press» vorzustellen. Liebevoll sorgte sich das Team um Max Häne und Gaudenz Tschurr neben dem geistigen, auch um das leibliche Wohl der Besucher.

Die nächste Box ist bereits in Planung, vielleicht soll es darin um Basel gehen. Ideen dazu hat Barbara Piatti bereits in der Schublade.

www.barbara-piatti.ch

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