Theaterfestival
«Was, wenn wir die Grenzen öffnen?»

Hans-Werner Kroesinger untersucht in «FRONTex SECURITY» unseren brutal-kalkulierenden Umgang mit Flüchtlingen – ein Essay.

Christine Wahl
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Als Hans-Werner Kroesingers Dokumentartheaterabend «FRONTex SECURITY» letzten Winter in Berlin herauskam, hatten die Zuschauer die Nachrichten-Bilder von einer der schwersten Katastrophen vor der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa noch im Kopf: Der 3. Oktober 2013, an dem ein Schiff mit 545 somalischen und eritreischen Flüchtlingen an Bord sank und 366 Menschen starben, hatte intensive Diskussionen über die europäische Flüchtlingspolitik ausgelöst. Eine Zeit lang war die Grenzschutzagentur Frontex in aller Munde.

Natürlich spielt diese konkrete Tragödie in Hans-Werner Kroesingers Produktion eine angemessene Rolle. Gleichzeitig jedoch geht «FRONTex SECURITY» sehr viel weiter – und tiefer. Denn das blosse Surfen auf Aktualitäts- oder gar (medialen) Empörungswellen liegt dem Regisseur fern. Bereits Anfang der 1990er-Jahre, als Kroesinger gerade sein Studium der Angewandten Theaterwissenschaften in Giessen abgeschlossen hatte und an die gegenwärtige Renaissance des Dokumentarischen auf der Bühne noch gar nicht zu denken war, sondern ehemalige Kommilitonen wie She She Pop oder Showcase Beat le Mot gerade das Pop-Theater erfanden, wälzte der Regisseur Akten zum Deutschen Herbst, zur Überwachungsarchitektur von Gefängnisbauten oder zum Prozess gegen den NS-Kriegsverbrecher Adolf Eichmann 1961 in Jerusalem.

Vater des Dokumentar-Theaters

Seine minuziösen Recherchen und klugen Analysen, die nie fiktional, sondern grundsätzlich aus Dokumenten kompiliert sind und auch dem Publikum eine (lohnende) Bereitschaft zur Hirnaktivität abfordern, machten den heute 52-Jährigen zu einem der wichtigsten Vertreter des politisch-dokumentarischen Theaters überhaupt.

Tief ins Flüchtlingssujet war Hans-Werner Kroesinger beispielsweise schon 2012 eingestiegen: In seinem Würzburger Projekt «Die Schutzflehenden» hatte er auf der Folie der gleichnamigen antiken Tragödie die Geschichte – und die Auslegungspraxis – des europäischen Asylrechts von den Anfängen bis in die konkrete, tagesaktuelle Gegenwart hinein untersucht. Für «FRONTex SECURITY» recherchierten der Regisseur und die Dramaturgin Regine Dura weitere Materialien und schneiden sie auf der Bühne so erhellend gegeneinander, dass man gerade im Detail sehr viel Neues erfährt.

Konstruktion von Scheinwahrheit

Zu Beginn des Abends referieren vier smarte europäische Angestellte – zwei Frauen (Judica Albrecht, Sina Martens) und zwei Männer (Armin Wieser, Lajos Talamonti) – in einer Art Frontex-Werbeveranstaltung über ihr Betätigungsfeld. Die Floskeln, die dabei auf Valerie von Stillfrieds kongenialer Konferenzbühne abgesondert werden, sitzen so lässig wie die Business-Klamotten, in denen die Redner stecken. «Frontex hat die Aufgabe», erfahren wir etwa von einer aseptisch lächelnden Kostümrockträgerin, «das Territorium der Europäischen Union, konzipiert als ‹Raum der Sicherheit, der Freiheit und des Rechts›, vor illegaler Migration zu schützen.» Bald fliegen zwischen den Bürostühlen nur noch professionelle Abkürzungen hin und her: «EDA, ISS, EUSC.» Hinter den abstrakten Organisationen, Operationen und Verordnungen verschwinden nicht nur – zu ihrer eigenen Entlastung – die entscheidungstragenden Individuen. Sondern auch die Botschaften, Definitions- und Kategorisierungsversuche der Agentur selbst verheddern sich zusehends in aufschlussreichen Widersprüchen.

Empörtes Frontex-Bashing freilich ist – um Missverständnissen vorzubeugen – die Sache dieses reflektierten Abends nicht. Kroesinger verkörperte schon immer das genaue Gegenteil eines politisch eifernden Missionars: Um das Postulieren schlichter vermeintlicher Wahrheiten geht es in seinem Theater nie. Was den Regisseur stattdessen interessiert, sind die Mechanismen, nach denen solche sauber abgepackten Schein-Wahrheiten überhaupt erst konstruiert werden – und vor allem: in wessen Interesse. Deshalb kombiniert Kroesinger stets verschiedene Blickwinkel, Texte und Medien so miteinander, dass sie sich gegenseitig kommentieren, ergänzen, bisweilen auch aushebeln. Seine Arbeiten sind Versuchsanordnungen, in denen zum Beispiel Dokumente mit literarischen Texten, Live-Spieler mit Videosequenzen oder Statistiken mit Augenzeugenberichten in Beziehung gesetzt werden. Über dieses komplexe Spiel der Perspektiven werden schliesslich die Widersprüche sichtbar; die verräterischen Risse, die unsere gängigen Denkmuster und Argumentationsgebäude durchziehen. Genau auf diese Bruchstellen richtet das Kroesinger-Theater sein Augenmerk.

Im geschichtlichen Kontext

So betrachtet der Regisseur auch in «FRONTex SECURITY» die Grenzschutzagentur im grösstmöglichen historischen Kontext und arbeitet präzise heraus, an welchen Fixpunkten sich die europäische Asylpraxis jeweils durch welche Interessenslagen verändert hat und qua welcher glasklarer, juristischer Argumente legitimiert. Kurzum: Die rhetorischen Figuren, die die Schauspieler entsprechend scharfsinnig gegeneinander ausspielen, zielen vor allem auf die Fragwürdigkeit unseres (europäischen) Selbstverständnisses. Und dabei geht es eben nicht nur um den allseits bekannten Wohlstandsanzugträger, der uns auf der Bühne generös den Unterschied zwischen dem «Wirtschaftsmigranten» und dem «politischen Asylanten» erklärt und in der verschwiegenen Konsequenz also den vermeintlich unwürdigen vom vermeintlich würdigen Flüchtling unterscheidet.

Die abendfüllende Reflexionsaufgabe wird spätestens dann unausweichlich persönlich, wenn uns Kroesingers Akteure aus ihrem analytischen Argumentations-Pingpong heraus plötzlich mit der (rhetorischen) Frage eines ranghohen Frontex-Funktionärs konfrontieren: «Was denken denn Sie, was passieren würde, wenn wir die Grenzen öffnen?», wendet sich einer der Schauspieler kurz vor der Pause direkt ins Publikum. Das lang anhaltende Schweigen im Saal spricht für sich.

Vermeidbare Schiffsunglücke

Im zweiten Teil des Abends werden die Zuschauer – nach einem Szenen- und Perspektivwechsel – gleichsam auf Lampedusa verortet. Hier kommt dann nicht nur der engagierte italienische Touristik-Funktionär zu Wort, der selbstverständlich bereit ist, «den Touristen ihr Geld zurückzuerstatten, wenn sie auf der Strasse einen einzigen Migranten sehen.» Sondern hier erfahren wir auch von einer relativ leicht vermeidbaren Schiffskatastrophe, bei der 250 Menschen ertranken. Sie ereignete sich ziemlich genau eine Woche nach jener eingangs beschriebenen Tragödie, die zu Recht internationales Entsetzen und öffentlichkeitswirksame Diskussionen über die europäische Asylpraxis ausgelöst hatte. Im Gegensatz zur Katastrophe vom 3. Oktober 2013 hat es die wenige Tage später sich ereignende Tragödie bei den meisten Medien allerdings noch nicht einmal in die Meldungsspalte geschafft.

«FRONTex SECURITY» Theater Basel, Kleine Bühne, 3.9., 19 Uhr und 4.9., 18 Uhr