Geschichte
Vom Geld und von der Kunst

Das Kunstmuseum Basel gilt als die erste öffentliche Kunstsammlung der Welt. Sie entspringt einer Wunderkammer.

Christoph Dieffenbacher
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Luftaufnahme des 1936 neu errichteten Kunstmuseums.

Luftaufnahme des 1936 neu errichteten Kunstmuseums.

zVg/Staatsarchiv BS

Rosenkränze, antike Rechentafeln, Versteinerungen, Münzen und Medaillen, ein Elefantenzahn, aber auch Gemälde und Zeichnungen – es war ein vielfältiges Sammelsurium, das vier Generationen der Familie Amerbach seit der Reformation zusammengetragen hatten. Die Amerbachs, das waren aus Deutschland eingewanderte, humanistisch gebildete Drucker und Juristen. Da fanden sich Raritäten und Kuriositäten wie ein «einhorn geschnitten in ein horn, cosmographisch trinckgeschirr und silberne bildlin». Solche «Wunderkammern» von vermögenden Bürgern und Fürsten, wie sie seit dem Spätmittelalter auch andernorts entstanden, versammelten Objekte aus Natur- und Kulturgeschichte – zum Schauen, Staunen, Nachdenken.

Kernstück des Basler Amerbach-Kabinetts bildete der Nachlass des Humanisten Erasmus von Rotterdam, dessen Privatsammlung zunächst von seinem Freund Bonifacius Amerbach verwaltet, dann laufend mit weiteren Objekten angereichert wurde. Dessen Sohn Basilius der Jüngere, Rechtsprofessor wie sein Vater, erstellte um 1586 ein Inventar zu den über 5000 in einem Privathaus an der Rheingasse aufbewahrten Gegenständen. Darunter befanden sich rund 50 Gemälde, davon 15 von Hans Holbein dem Jüngeren – schon zu Lebzeiten ein Starkünstler – sowie viele Zeichnungen und Druckgrafiken.

Weltweit die meisten Holbeins

Als das Kabinett 1661 nach Amsterdam abzuwandern drohte, kauften es die Stadt und die Universität auf Empfehlung von Bürgermeister Johann Rudolf Wettstein für stattliche 9000 Reichstaler an. Die Sammlung kam samt der Bibliothek zur Universität, die sie vorerst am Rheinsprung eher notdürftig unterbrachte. Zehn Jahre später zog sie ins Haus «zur Mücke» beim Münsterplatz. Dort war sie jeden Donnerstagnachmittag, später an zwei halben Tagen öffentlich zugänglich.

Doch die Universitätsprofessoren bemühten sich kaum um ihre wertvolle Sammlung. Erst 1769 wurde ein eigener Saal für die Gemälde eingerichtet. Das «Museum Faesch», ein weiteres Kabinett einer reichen Basler Bürgerfamilie, kam 1823 dazu. Noch heute besitzt das Kunstmuseum die weltweit grösste Sammlung der Holbein-Familie, zudem ist die Renaissance mit Werken von Konrad Witz, Martin Schongauer, Lucas Cranach dem Älteren und Matthias Grünewald prominent vertreten.

Gefahr drohte, als es 1833 nach politischen Konflikten zur Kantonstrennung kam. Doch die Bestände der Kollektion wurden als Teil des Universitätsguts gegen einen Schätzpreis von 22 000 Franken der Stadt überlassen und blieben damit unbeschadet beisammen. Langsam wurde es nun für die Sammlung eng und enger, denn sie wurde durch verschiedene Schenkungen und Vermächtnisse angereichert. Und die Basler Bevölkerung war sich langsam bewusst, was für reiche Kunstschätze sie da besass: Nach einer öffentlichen Subskription, an der sich viele Bürger beteiligten, kamen die Werke 1849 in den neuen, repräsentativen Museumsneubau an der Augustinergasse – wo heute (noch) das Naturhistorische Museum und das Museum der Kulturen untergebracht sind.

Teurer als ein Hallenbad

Teile der früheren Amerbach-Sammlung, die nicht als Kunstwerke zählten, wanderten inzwischen in andere Museen der Stadt. Während die Kunstsammlung im 19. Jahrhundert stetig anwuchs, wurde ihre Verwaltung zunehmend professionalisiert. So entschied man sich für eine eigentliche Ankaufspolitik mit einer Museumskommission, die (übrigens bis heute) über Käufe, Legate und Geschenke entscheidet. Ein Fonds des Malers und Kunsthändlers Samuel Birrmann war nur Schweizer Kunst vorbehalten, und eine grosse Werkgruppe von Arnold Böcklin kam in den Bestand. Seit 1903 stellte auch der Kanton Ankaufsmittel zur Verfügung, die aber vorerst eher bescheiden ausfielen. Seit den 1920er-Jahren brachten die Museumsverantwortlichen den Auf- und Ausbau mit moderner Kunst entscheidend vorwärts.

Der erste eigens für die Öffentliche Kunstsammlung errichtete Bau wurde 1936 am St.-Alban-Graben eröffnet. Dieser heutige Hauptbau war fast drei Jahrzehnte lang heftig umstritten. An seiner Stelle stand zuvor der «Württembergerhof», einer der schönsten Barockbauten der Stadt; er wurde 1926 vom Kanton erworben und darauf abgerissen. Doch schon 1909, während des ersten Wettbewerbs für einen Neubau, hatte der Kampf um Aussehen und dessen Standort eingesetzt. So waren dafür später auch die Schützenmatte und der Münsterplatz im Gespräch.

Aus der Debatte ging schliesslich das Projekt des Basler Architekten Rudolf Christ unter Mitwirkung von Paul Bonatz am St.-Alban-Graben hervor – es wurde 1932 mit einer 52-Prozent-Mehrheit angenommen. Vor der Abstimmung hatten die Gegner das monumental wirkende Bauwerk mit Arkaden, Innenhof und mehreren Flügeln heftig kritisiert, unter anderem wegen der Kosten von sieben Millionen Franken. Sie argumentierten, dass man mit dieser Geldsumme etwa auch ein modernes Museum, ein Hallenbad und 75 Einfamilienhäuser bauen könne.

«Entartete Kunst» und Picasso

Die Direktoren trugen mit den Jahren eine repräsentative Kollektion der Kunst der Moderne zusammen. So setzte sich Georg Schmidt dafür ein, dass Werke der von den Nazis angebotenen «entarteten Kunst» angekauft wurden. Und als weltweites Unikum erreichten die Basler in einer Volksabstimmung 1967, dass zwei Spitzenwerke von Pablo Picasso im Museum blieben.

Kubismus, deutscher und Abstrakter Expressionismus, Kunst aus den USA seit 1950 wurden zu weiteren Schwerpunkten. Wichtig waren immer wieder private Schenkungen und Deposita. Dabei gewann die ganz aktuelle Kunst an Bedeutung, etwa, als 1980 das zugehörige Museum für Gegenwartskunst aufging, gestiftet von Maja Sacher. Ihre Enkelin Maja Oeri ermöglichte 2003 das «Schaulager» und den nun eröffneten Erweiterungsbau. Das Kunstmuseum ist inzwischen zu einem gewichtigen Teil des Stadt- und Standortmarketings geworden.