In Max Treiers Ausstellungsraum sieht man leere weisse Wände, aber keine Bilder. In den Ecken, am Boden und an der Decke sind schwarze Lautsprecher montiert. Das ist alles. Treiers Werk ist nicht sichtbar, nur hörbar. Für seine Klanginstallation verzichtet er bewusst darauf, neben der technischen Anlage weitere visuelle Elemente auszustellen, unter anderem, damit die Wichtigkeit des Klangs nicht dahinter zurücktritt. Das macht sein Werk schwer zu beschreiben – ihn selbst interessiert daran genau das: Klang sei schwer fassbar und kaum erklärbar.

An der Auswahl 15 des Aargauer Kunsthauses stellen 58 von einer Jury ausgewählte Künstler ihre Werke aus. Treier erhält als Gast die grösste Ausstellungsfläche. Das sieht er als enorme Chance, aber die grosse Präsenz ist noch ungewohnt: «Ich bin voller Freude, hier ausstellen zu dürfen. Und ich bin gespannt, weil alles stets auf der Kippe steht und ich mich immer noch frage, ob das Werk funktionieren wird oder nicht.»

Klang prägt Raum

Als Treier den Sound abspielt, schwirrt eine Stimme über die Lautsprecher von links nach rechts, von unten nach oben. Sie beschreibt architektonische Merkmale des Raums wie die Bodenbeschaffenheit oder die Wanddicke. Gesang ergänzt den gesprochenen Text. Mehr verrät Treier nicht, denn er will die Interpretation der Besucher nicht beeinflussen. Aus demselben Grund nennt er seinen Raum E9/A, denn diese neutrale, funktionale Bezeichnung weckt kaum Assoziationen und liefert keine Erklärungen mit.

Treier demonstriert kurzerhand, was ihn an Klang, Sprache und Raum fasziniert: Er stellt sich an unterschiedliche Stellen im Raum und spricht denselben Satz. Mal klingt er wie ein Kommando, mal gedämpft und schwer verständlich, mal sanft. Das Ergebnis ist geprägt durch die baulichen Elemente. Die Atmosphäre eines Raums werde nicht nur durch visuelle Eindrücke geprägt, sondern auch durch seine Akustik, erklärt Treier. Wie auch in seiner Installation gilt: Selbst kleine Verschiebungen ziehen deutliche Veränderungen nach sich.

Das machte die Planung aufwendig: Es brauchte mehrere Versuche, um einen Sprecher zu finden, dessen Stimme seiner Vorstellung exakt entsprach. Das war nicht alles: «Ich habe die Installation in einem Raum ausprobiert, der diesem ähnlich ist. Doch als ich sie schliesslich aufgebaut und alle Elemente eingespielt hatte, wirkten sie doch anders als vorgestellt.»

Zwischen Gelingen und Scheitern

Weil der Raum stark hallt, verschwammen plötzlich Elemente von Text und Klang, die zuvor präzis waren. Treier beschreibt, dass er die Stimmen, die Lautstärkeeinstellungen und die Positionen der Lautsprecher wiederholt justiert und verändert hat. Details sind ihm wichtig: «Es gilt zu experimentieren, bis der optimale Zustand erreicht ist. Und doch bewegt sich das Werk stets zwischen Gelingen und Scheitern. Das Funktionieren eines Werks kann man weder erwarten noch erzwingen.»

Technik nimmt einen wichtigen Platz in seinem Werk ein, fliesst der am Computer generierte Klang doch durch Kabelschlangen und aus Lautsprechern. Sie ist auch wichtig in seiner Biografie. Treier ist 1974 geboren und in Gipf-Oberfrick im Fricktal aufgewachsen. Er lernte Elektromechaniker, absolvierte die Technikerschule und arbeitete dann als Teamleiter. Daneben engagierte er sich in Kulturprojekten, meist im Raum Baden, wo er lebt. Er schuf Kurzfilme und performte selbst geschriebene Gedichte mit Videoprojektionen. Aber Job und Kulturprojekte konkurrenzierten sich immer stärker, bis er sich für Letzteres entschied. Weil er sein Schaffen weiterentwickeln wollte, studierte er «Mediale Künste» an der Zürcher Hochschule der Künste, und bald wird er seinen Master in «Fine Arts» an derselben Hochschule abschliessen.

Treier zeigt oft Werke, die die Aufmerksamkeit auf einen Ort und dessen Beschaffenheit lenken, nicht nur bei Klanginstallationen, sondern auch bei Performances oder Videoarbeiten. Ihn interessieren nicht nur architektonische Räume, sondern auch urbane. In seinen Arbeiten thematisierte er schon Agglomerationen, Baugesuche oder urbane Geräuschkulissen. Obwohl er oft von einer bestimmten Lokalität in seinem Umfeld inspiriert wird, haben die Themen und Fragestellungen seiner Werke – etwa die Gesellschaft, das Zusammenleben – stets eine Relevanz, die über diesen Kontext hinausgeht.