Literatur
Teherans dunkle Seite

Die Wahrheit über eine Gesellschaft könne in der Literatur erkannt werden, sagt Amir Hassan Cheheltan, einer der wichtigsten und kritischsten Autoren des Iran. Teheran ist Dreh- und Angelpunkt seines Werks.

Anne-Sophie Scholl
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Berüchtigter Ort: Das Evin-Gefängnis in Teheran, wo politische Häftlinge zu Tode gefoltert werden. DPA/Keystone

Berüchtigter Ort: Das Evin-Gefängnis in Teheran, wo politische Häftlinge zu Tode gefoltert werden. DPA/Keystone

KEYSTONE

Ein Mädchen liegt auf dem Operationstisch. Der Arzt, der ihr zwischen die Beine greift, um das Jungfernhäutchen zu vernähen, ist voller Häme. Aber Fattah ist gar kein Arzt. Er ist nur angelernt.

Regelmässig trifft er sich mit leitenden Funktionären des berüchtigten Evin-Gefängnisses, wo politische Häftlinge zu Tode gefoltert werden. Was er bei der Operation noch nicht weiss: Er wird sich in das Mädchen verlieben. Und auch der offizielle Heiratsbewerber Mustafa führt ein Doppelleben. Er arbeitet im Evin-Gefängnis als Folterknecht.

Die Seele der Gesellschaft

Ungereimtheiten, Brüche, Widersprüchlichkeiten der Charaktere ziehen sich durch den Roman «Teheran Revolutionsstrasse», mit dem Amir Hassan Cheheltan 2009 die deutschsprachige Literaturbühne betrat. Im Rahmen eines Literaturstipendiums lebte der 1956 geborene Autor damals in Berlin. Wegen der Zensur hat er in seiner Heimat Iran gar nicht erst versucht, den Roman zu veröffentlichen.

Lesung: Heute Donnerstag, 18.10., Hörsaal 21, Universität Zürich Literaturgespräch: Freitag, 19.10., ReaLit im Hotel Schweizerhof Bern

Bücher: Amir Hassan Cheheltan: «Der standhafte Papagei», Matthes&Seitz, 197 Seiten; «Die Teheran-Trilogie» ist soeben als dreiteilige Taschenbuchausgabe bei C. H. Beck erschienen.

Dabei kritisiert Cheheltan die Regierung im Buch nicht direkt. Er lenkt den Blick auf die Seele der Gesellschaft und zeigt, was das System mit ihr macht. Bezeichnenderweise sind seine drei Hauptfiguren alle vaterlos, was sich durchaus symbolisch verstehen lässt: Eine transparente Ordnung fehlt. Und so organisiert sich das Leben auf verworrenen und verborgenen Wegen. Cheheltans Roman ist voll von Gewalt.

Verstörend ist jedoch vor allem, wie man sich als Leser immer wieder im Mitgefühl mit den dunklen Gestalten ertappt. Mit Fattah, der auf undurchsichtigen Wegen zu Geld und Macht gekommen ist und sich in dem Mädchen auf dem Operationstisch an die Popdiva Googoosh erinnert fühlt, die er in seiner Jugendzeit unter dem Schah anhimmelte. Oder mit dem viel jüngeren Mustafa, der mit skrupellosen Methoden sicherstellen will, dass er seinerseits nicht das Leben verpasst.

Trilogie zu Teheran

«Teheran Revolutionsstrasse» ist der dritte Roman einer Trilogie über die Hauptstadt des Iran. Deren erster Teil «Teheran, Stadt ohne Himmel» ist 2012 auf Deutsch erschienen. Cheheltan hat das Buch jedoch schon zehn Jahre zuvor geschrieben, als er sich vor einer Repressionswelle gegen Schriftsteller 1999 für zwei Jahre nach Italien rettete. Auch dieser Roman machte eine eigentlich abstossende Gestalt zur Identifikationsfigur.

Kulturaustausch

Ein Fenster zur Welt

Sie müsse als Erstes die Situation in ihrem Land erklären, sagt Lili Hayeri Yazdi. Die kleine Frau hat einen blauen Schal locker um den Kopf geschlagen, so wie Iranerinnen das Kopftuch tragen. Sie spricht leise, aber mit unterschwelliger Beharrlichkeit. Seit zwanzig Jahren kämpfe sie dafür, dass ihr Land Lizenzrechte zahle und nicht Raubkopien verbreite. «Doch seit der Neuauflage der US-Sanktionen sind die Verleger im Iran praktisch gelähmt», sagt sie. Die Inflation habe die Preise vervierfacht. Ausserdem seien Transaktionen über ein Bankkonto nicht mehr möglich. Sie müht sich ab mit komplizierten Abwicklungen über die Botschaften oder über eine Tochter, die in Australien lebt. Und sie hat Geld in bar mitgenommen, mehrere Umschläge, um die Verleger an der Frankfurter Buchmesse wenigstens in Anteilen auszuzahlen. Sie betont: «Es ist wichtig, diese Tür offen zu halten.»

Lili Hayeri Yazdi hat sich in Frankfurt mit Angelika Salvisberg von der Abteilung Literatur von Pro Helvetia getroffen. Gemeinsam gehen sie den Stand der Schweizer Bücher durch, die auf Farsi im Iran erscheinen sollen, darunter z. B. das Kinderbuch «Rigo und Rosa» von Lorenz Pauli und Kathrin Schärer oder der Roman «Bergsteigen im Flachland» von Urs Mannhart. Auch neue Projekte interessieren Hayeri Yazdi. Auf Facebook hat sie «Hamster Hugo» von Franz Hohler gesehen und Frédéric Zwickers Debüt könnte sie vielleicht an iranische Verleger vermitteln.
Pro Helvetia übernimmt die Übersetzungshonorare und fördert so die Präsenz von Schweizer Autoren in anderen Sprachen, bei Kinderbüchern übernimmt die Schweizer Kulturstiftung zudem die Hälfte der Produktionskosten. 2018 hat Pro Helvetia für Übersetzungen bei ausländischen Verlagen 630 000 Franken budgetiert, etwas mehr als 1,5 Prozent des Jahresbudgets von 40,3 Millionen Franken. Zusätzliche 80 000 Franken sind für Lesereisen vorgesehen, um die Bücher vor Ort zu bewerben und für Veranstaltungen über das Übersetzen — Peter Stamm, Franz Hohler oder Urs Mannhart waren etwa schon mit Pro Helvetia in Teheran. 2017 wurden 70 Prozent der 153 Gesuche von ausländischen Verlagen bewilligt, Professionalität ist Voraussetzung für den Zuschlag. Wobei die Standards je nach Land variieren. Trotz der schwierigen Umstände: Im Iran sei Lesen sehr beliebt, sagt Lili Hayeri Yazdi. Die Bücher sind ein Fenster zur Welt. (ASS)

In Rückblenden erzählt er den Lebenslauf von Kerâmat, der sich als Mitglied einer Gangsterbande an die Spitze des Evin-Gefängnisses gekämpft hat. Kerâmat ist einer der Kumpel, mit denen sich der falsche Arzt Fattah aus «Teheran Revolutionsstrasse» im Dampfbad zum heimlichen Whiskytrinken trifft.

Einen anderen Fokus legt Cheheltan im Mittelteil der Trilogie mit dem Titel «Amerikaner töten in Teheran». Dieser umspannt das ganze letzte Jahrhundert. Der Autor fiktionalisiert darin reale Ereignisse, wobei der Titel doppeldeutig zu verstehen ist: Amerikaner töten und werden getötet.

Das Buch ist eine Chronologie des sich aufbauenden Hasses. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts galten Amerikaner noch als friedliebende Anhänger der Gerechtigkeit. Wegbereitend für die Wende sind im Roman die Ermordung des amerikanischen Vizekonsuls 1924 durch einen religiösen Mob und die Einmischung der CIA 1953 gegen Premierminister Mossadegh, der das Erdöl verstaatlichen wollte.

Cheheltan verwehrt sich der gängigen Rhetorik. Er stellt die historischen Ereignisse differenziert dar und entlarvt so den politischen Diskurs. Für seine Romane recherchiert Cheheltan die Geschichte seines Landes. Neben der Heimat in der Sprache sind die Archive und Bibliotheken Teherans daher auch der Grund, warum er wieder im Iran lebt, obwohl das für ihn als Schriftsteller, der sich gerne auch in Medien zu Wort meldet, gefährlich ist.

Das Potenzial für eine Öffnung sei da, sagte der Autor in einem Interview. «Wir hatten schon 1906 ein Parlament, 1951 wurde die Ölindustrie verstaatlicht, 1978 wurde die Monarchie durch eine Revolution abgelöst, nicht durch einen Staatsstreich.» In seinem soeben erschienenen Buch «Der standhafte Papagei» kehrt Cheheltan zu seinen eigenen Erfahrungen von 1978 und 1979 zurück. Als damals 22-jähriger Student sah er an den Häuserwänden seines Wohnviertels die ersten Flugblätter, die den Sturz des Schahs forderten. Das neue Buch handelt von seinen Erinnerungen an die damaligen Nachbarn und Freunde, an die Wut, das Chaos und das tägliche Ringen um Normalität. Amir Hassan Cheheltan kritisiert sein Land und liebt es.