Sie treten immer als Duo auf: Emanuel Christ und Christoph Gantenbein. Im idyllischen Hinterhaus an der Basler Spitalgasse stellt sich für einmal nur Christoph Gantenbein den Fragen. Wie es sich gehört, im weissen Architektenhemd und schicken Anzug. Im Gespräch ist er ernsthaft, präzis und fern von Klischees.

Christoph Gantenbein, welche Publikums-Reaktion auf Ihren Neubau wäre Ihnen am liebsten?

Christoph Gantenbein: Ernste Freude und Begeisterung. Am schönsten ist es, wenn die Leute unsere Anliegen verstehen, wenn sie mehr sehen als nur: es ist schön.

Welches sind denn Ihre Anliegen?

Wie steht das Kunstmuseum im historischen Kontext, welchen Beitrag leistet es an die historische und moderne Stadt? Und funktionieren die Ausstellungsräume zusammen mit der Kunst so gut, wie wir uns das vorstellen? 

Was war für Sie wichtiger: mit dem Bau ein Zeichen in der Stadt zu setzen oder der Kunst dienlich zu sein?

Ich weigere mich, das zu entscheiden. Es gibt nicht Innenarchitektur und Aussenarchitektur. Architektur ist immer ein Ganzes. Architektur ist keine Skulptur. Leider wird sie oft so verstanden in der internationalen ikonischen Stararchitektur, in der Bauten nur ein Bild hergeben müssen.

Was sagen Sie denn zu Museen, die als Architektur-Pilgerziel funktionieren, aber als Museum kaum zu brauchen sind? Wie das MAXXI in Rom von Zaha Hadid oder das Guggenheim in New York von Frank Lloyd Wright?

Ich denke, da hat der Architekt seinen Job nicht gemacht. Beim MAXXI in Rom bin ich einverstanden, das ist gescheitert. Beim Guggenheim fällt mir ein so apodiktisches Urteil schwerer. Aber ja, der Bau ist eine selbstverliebte Skulptur eines alternden Stararchitekten.

Sie wollen Räume, die der Kunst gut dienen. Und doch haben Sie grosse Fenster in die Ausstellungsräume gesetzt. Das finden die Museumsleute wohl weniger gut als der Architekt.

Sie waren tatsächlich skeptisch. Die Fenster nehmen ihnen Wandfläche weg, sie schaffen Gegenlicht-Situationen, es gibt heikle Kunstwerke, die Licht schlecht ertragen. Aber es braucht die Fenster unbedingt! Denn sie sollen nicht primär Licht in die Räume bringen, sondern den Besuchern Ausblick und Orientierung zur Welt draussen bieten – mit dem Blick auf die Strassen, das Münster und den Altbau. Ich bin gespannt auf die Erfahrungen der Kuratoren mit den Fenstern, sie werden sie lieben.

Auffällig ist Ihre Treppe. Schon beim Landesmuseum-Neubau in Zürich ist sie zentral. In Basel ist sie Skulptur und Seherlebnis. Warum?

Das Treppenhaus ist der einzige Ort, wo ich das Kunstmuseum in seiner ganzen Höhe erleben kann. Das ist wichtig. In einem Wohnhaus oder Bürobau gehen Sie gezielt nur in ein Geschoss, ein Museum aber durchschreiten sie ganz. Der Weg, die Treppe ist Teil Ihrer Aktivität – also muss sie attraktiv und gut auffindbar sein.

Und hier können Sie sich als Architekt in Szene setzen.

Hier ist man freier. Die expressive Form ist ein Kontrast zu den rechtwinkligen Ausstellungsräumen – und die Folge der schwierigen Geometrie des Baus auf dieser Restparzelle.

Beim Grundriss staunt man über die vielen Knicke und Abwinklungen. War es ein grosser Murks, darin rechtwinklige Ausstellungssäle einzubauen?

Da haben wir enorm gekämpft. Wie bringen wir auf dieser kleinen Parzelle das geforderte grosse Raumprogramm und möglichst grosszügige Säle unter? Der Grundriss erzählt diese Geschichte: Technik, WCs, alle Nebenräume sind in diese Spickel gedrängt, der Raum ist bis auf den letzten Quadratzentimeter ausgenützt.

Den stärksten Bezug zum Altbau nehmen Sie mit der Farbe, mit diesem Grau, das ins Weiss oder Gelbliche changieren kann. Warum verwenden Sie nicht Naturstein, sondern dünne Backsteine?

Es gibt einen technischen Grund: Naturstein wird heute anders verbaut, mit offenen Fugen, das wirkt billig. Beim alten Haus ist der Naturstein mit dem tragenden Backstein fest vermauert. Heute hat man zwischen der Innenwand und dem Naturstein die Wärmedämmung, dreissig Zentimeter Kunststoff. Dann ist der äussere Naturstein …

… Dekor.

Ja. Auch unser Backstein ist Dekor, aber wir können ihn ohne Dilationsfuge, ohne Silikonfugen aufmauern ...

… nur mit kleinsten Lüftungslöchern, die in den Mörtelfugen fast unsichtbar sind.

Genau. Die andere Frage war: Wie ähnlich sollen sich die beiden Häuser sein? Wir wollen kein Copy-and-Paste, sondern das richtige Mass zwischen Ähnlichkeit und Abweichung finden. Das bestehende Museum ist das Stammhaus, das wollen wir nicht übertrumpfen. Unser Bau ist die Erweiterung, ist der jüngere Bruder. Hier wird Kunst unserer Zeit gezeigt. Dazu passt ein industriellerer Ausdruck – mit dem günstigen Backstein und den Metallarbeiten in einfachem, feuerverzinktem Stahl.

Was finden Sie spannender, ein Museum in der Stadt oder auf der grünen Wiese oder gar in der Wüste zu bauen?

Ich finde alle drei Aufgaben interessant. (lacht) Aber ein Museum ist eine urbane, öffentliche Institution, die auf der grünen Wiese wenig Sinn macht.

Seit Sie als Youngsters den Wettbewerb fürs Landesmuseum Zürich gewonnen haben, gelten Christ & Gantenbein als Museumsspezialisten. Vorteil oder Last?

Eine Last ist es nicht. Und wir machen auch Wohn- und Geschäftshäuser. Eine grosse Range zu bearbeiten, ist uns wichtig und macht Spass. Ein Museum ist eine besonders schöne Aufgabe. Es gibt keine so engen Standards wie bei einem Bürohaus, wo die Decke zwischen 2,90 und 3,30 Meter hoch und das Achsmass zwischen 1,35 und 1,45 Metern weit sein muss. Man muss sehr grundsätzlich entwerfen, das macht die Aufgabe so interessant. Ebenso die Nähe zu den interessanten Menschen im Kunstbetrieb.

Sie arbeiten als Duo Christ & Gantenbein. Haben Sie eine thematische Abgrenzung Ihrer Aufgaben?

Nein. Natürlich machen wir nicht alles zusammen, das wäre nicht effizient. Aber wir diskutieren alle wichtigen Entscheide. Das bringt sehr viel. Duo-Büros gibt es in der Architektur sehr häufig, denn Architektur ist etwas Ambivalentes, man kann so oder so … und zu zweit verrennt man sich weniger und kommt weiter.

Sie haben zwei Brücken entworfen, in Birsfelden und in Aarau, sowie in Mexiko gar einen Turm. Das sind ja eigentlich Ingenieur-Aufgaben. Was reizt Sie daran?

Wir haben dafür natürlich mit Ingenieuren zusammengearbeitet – und die Ingenieure hatten den Lead. Wir haben auch beim Kunstmuseum mit Ingenieuren zusammengearbeitet. Ohne Ingenieure geht es gar nicht. Wir schätzen solche Zusammenarbeiten, bei denen man im Pingpong die richtige Lösung findet. Es ist nicht so, dass wir skizzieren und der Ingenieur es nur noch rechnen muss.

Die Pont Neuf in Aarau macht historische Anleihen. Hat Ihr Lehrer Hans Kollhoff an der ETH Ihr Interesse für klassische Architektur beeinflusst?

Ich glaube schon, dass ein Lehrer prägend ist. Hans Kollhoff hat uns die Augen für die Architekturgeschichte geöffnet und uns für Architektur begeistert, die aus der Mode gekommen ist. Er hat sich vor allem aufs 19. Jahrhundert bezogen, wir haben für uns aber auch die Klassische Moderne entdeckt.

Ist es das Privileg Ihrer Generation, dass Sie mit dem historischen Erbe unverkrampfter umgehen können als Ihre Vorgängergeneration, als Herzog & de Meuron oder Roger Diener?

Mhmm, interessante Überlegung ... Ich merke einfach, dass wir mit gleichaltrigen Freunden in Portugal oder in Belgien darüber reden, dass auch sie eine grosse Begeisterung für die Vergangenheit haben. Aber ist das anders?

Es fällt zumindest auf. Als Sie 2010 Ihre Antrittsvorlesung an der ETH hielten, hat Departementsvorsteher Sacha Menz verwundert und bewundernd gesagt, dass Sie und Emanuel Christ nach dem Diplom ein Jahr durch Italien gereist sind. Das ist offensichtlich ungewohnt.

(lacht) Stimmt, das sagte er. Aber so ungewöhnlich ist es nicht. Le Corbusier hat auch schon mit dem Parthenon argumentiert … Und spätestens mit der Postmoderne, ab den 1960er-Jahren, hat sich die Architektur-Theorie, hat sich ein Aldo Rossi wieder auf die Geschichte bezogen. (zögert) Und doch: Tatsächlich geht unsere Generation selbstverständlicher mit der Architekturgeschichte um. Es bleibt nicht beim Reiz der Provokation, sondern es geht um unser grundsätzliches Verständnis von Kultur.

Sie und Emanuel Christ sind nicht nur Architekten, sondern auch Lehrer. Sie hatten eine Professur an der ETH Zürich, in Mendrisio und neu in Harvard. Warum ist das wichtig?

Es ist schön, wenn man seinen Beruf auf unterschiedliche Arten ausüben kann. In der Praxis beschäftigt man sich mit allen Sachzwängen der Realität, muss dauernd Kompromisse eingehen. Im Gegensatz dazu kann man in der Lehre zusammen mit den Studenten die Idee theoretisch und kompromisslos formulieren, man kann radikale Visionen formulieren. Dieses Wechselspiel finde ich extrem befriedigend.

Überrascht haben Sie mich mit einer anderen Nebenbeschäftigung, als Model: Sie und Emanuel Christ haben für «L’Uomo Vogue» auf Ihrer Kunstmuseums-Baustelle mit edler, italienischer Mode posiert …

(lacht schallend) Oh nein, auch davon wissen Sie! Das ist Konzept beim «L’Uomo Vogue» und andere Architekten haben auch schon mitgemacht, David Chipperfield oder Rem Kolhaas  … Deswegen haben wir gefunden: okay, machen wir.

Hat es Spass gemacht?

Ja. Es war einfach saukalt. (lacht) Aber es ist nicht zur Nebenbeschäftigung geworden und wir finanzieren das Büro nicht mit Modeln.

Kein Geld verdienen Sie auch mit Ihren Kommentaren zu städtebaulichen Fragen in Basel. Sie haben sich für Wettbewerbe eingesetzt und gegen einen Central-Park über den Geleisen beim Bahnhof ausgesprochen. Warum dieses Engagement?

Architektur ist hochpolitisch und Städtebau ist eine wichtige politische Aufgabe. Da müssen Architekten mit ihrer Fachkompetenz einfach mitreden, sich öffentlich äussern.

In Ihrer Forschung haben Sie Typologie-Transfers untersucht. Sie haben unter anderem in New York, Buenos Aires, Hongkong und Rom gelungene Bau- und Planungstypen gesucht und gefragt, wie kann man sie an andere Orte transferieren. Kann man das wirklich? Würde man nicht jeglichen Massstab sprengen, wenn man Riesenparzellen wie in Buenos Aires oder die Gebäudehöhen von Hongkong in Basel implantiert?

Doch. Die Frage war primär experimentell und provokativ gemeint. Wir haben sie als akademische Arbeit untersucht. Am Anfang stand das Interesse für diese Städte und die Frage: Was sind die Regeln, weshalb sie so gut funktionieren?

Wozu diese Forschung?

Wir wollten die Städte verstehen und daraus für unsere Arbeit lernen. Wir stellen heute eine Orientierungslosigkeit fest, wenn es darum geht, eine Vision für die Stadt von heute zu skizzieren. Sei es in China, sei es in Basel. Darum gibt es auch kaum Projekte, die eine lebenswerte Stadt ergeben. Das war im Mittelalter, das war im 19. Jahrhundert, das war in der Nachkriegszeit anders.

Was fehlt denn heute?

Es gibt verschiedene Aspekte. Einen sozialen: In einem funktionierenden Stadtgefüge arbeiten und wohnen die Leute, sie kaufen ein und verbringen ihre Freizeit am selben Ort. Die Mobilität ist ein Problem für unsere neuen Städte. Ich träume von kleinteiligeren neuen Städten oder Stadtquartieren, in denen die Investitionseinheiten nicht 100 oder 200 Millionen Franken sind, die nur Immobilienfonds oder Pensionskassen aufbringen können. In kleineren Einheiten, wie wir das aus dem 19. Jahrhundert oder beispielsweise aus Athen kennen, haben kleine Genossenschaften oder Private zusammen ein Haus mit Wohnungen und Arbeitsräumen gebaut, um sie selber zu nutzen. So entstehen ganz andere Sozialstrukturen.

Was wäre Ihre Traumaufgabe? Eine Stadt zu bauen?

Nicht gerade eine Stadt, aber ein Stadtquartier. An dem wir ausprobieren könnten, ob wir es schaffen, an die guten Strukturen von Buenos Aires, Hongkong oder Athen heranzukommen.