Kunst
Sie erzählt von Kriegen und Träumen

Einsam sind die Figuren, magisch die Landschaften: Wie Miriam Cahns Bilder unsere Fantasie beflügeln.

Sabine Altorfer
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Miriam Cahn vor einer riesigen Kreidezeichnung von 1982 zum Thema Männerwelt, einem Kriegsschiff mit dem Titel «beirut, beirut, männerschiff».

Miriam Cahn vor einer riesigen Kreidezeichnung von 1982 zum Thema Männerwelt, einem Kriegsschiff mit dem Titel «beirut, beirut, männerschiff».

Jiri Reiner

Zwei Erwachsene mit ihren Kindern an der Hand kommen auf uns zu. Sie sind nackt, die Landschaft unbestimmt. Woher kommen sie, wohin gehen sie? Daneben blickt uns eine verschleierte Frau aus den Augenwinkeln an. Scheu oder musternd? Dann vier Köpfe, geduckt, darüber blaugrüne Leere. Aug in Aug mit diesen Menschen stehen wir, etwas beklommen. Denn schauen wir sie an – oder sie uns?

Schön sind sie nicht, auf die Titelseite einer Illustrierten würden sie es nicht schaffen. Aber es sind ja auch keine Promis oder Models, sondern Menschen auf der Flucht, im Bunker, mit erhobenen Händen. Sie sind einsam, nackt und ausgesetzt oder gerade von einem Faustschlag getroffen. Und was wir hier im Aargauer Kunsthaus sehen, sind keine Fotografien, sondern Gemälde von Menschen in prekären Situationen und entsprechend prekär gemalt. Mit groben Strichen umreisst die Malerin Miriam Cahn die Körpersilhouetten oder vereinfacht drastisch die Köpfe mit den grossen, aufgerissenen Augen. Wir wissen auch nicht, in welcher Weltgegend diese Menschen leben, bangen oder auch mal siegessicher strahlen. Denn die Umgebung lässt die Malerin weg, da sind nur farbige, oft dunkle Flächen, aus denen die Figuren aufleuchten. Ja, manche scheinen gar aus ihrem Inneren zu strahlen. Fehlt eigentlich nur der Heiligenschein.

Das sagen wir der Künstlerin Miriam Cahn, die wir in ihrer Ausstellung treffen, aber lieber nicht. Denn wir vermuten, mit Heiligen will sie so wenig in Verbindung gebracht werden wie mit klassischen Motiven. So fragen wir lieber, wie schafft sie diesen Leucht-Effekt? Benutzt sie spezielle Pigmente? «Nein, nein», wehrt sie ab, «keine Materialexzesse.» Sie verweist einzig auf die Kontraste – auf die orangefarbige Figur vor grünem Grund etwa. «Mehr verrate ich nicht. Aber wissen Sie, ich male schon so lange, da kann man das einfach!»

Feministin und Aktionskünstlerin

Die 65-Jährige ist seit Jahrzehnten ein eigenständiger und unbequemer Solitär in der Schweizer Kunstlandschaft. Hochgelobt und viel gezeigt wurde die Baslerin hierzulande in den 1980er- und 1990er-Jahren, sie war eine der Leaderfiguren der feministischen Kunst, malte körperbetont (das galt als weiblich), lotete Klischees in Männerwelten aus (Kriegsschiffe, Waffen, Aggression), malte Bilder im weiblichen Monatszyklus (Blutbilder) und schockierte die Stadt Basel, als sie in nächtlichen Aktionen eine Autobahn im Bau mit Bildern quasi besetzte.

Die riesigen Kreidezeichnungen aus den 1980er-Jahren sind noch immer eine Wucht, vier Landschaften lassen den Museumsraum fast bersten. «Es ist das Bild der Landschaft ohne Horizontlinie, wie sie ein Bomberpilot sieht», bemerkt Miriam Cahn. Am Boden hat die Künstlerin diese Zeichnungen gefertigt – mit Körpereinsatz, selber im Bild aktiv und gefangen. «Wie eine Performance – oder so wie man Performance damals verstanden hat.» Das heisst nicht als Zurschaustellung, sondern als Technik, um aus dem Moment und aus sich zu schöpfen. Sie arbeite heute noch so, sagt Miriam Cahn, nur zwei bis drei Stunden am Tag, aber hoch konzentriert.

Raum und Körper

Und auch in Räumen denkt sie heute noch – gerade, wenn sie ihre Ausstellungen konzipiert. Sie hat unterschiedlichste Werke aus über dreissig Jahren für fünf Räume ausgewählt. Stark ist die Ausstellung, stark sind die Bilder dort, wo die Künstlerin Themen aus der Welt aufnimmt: Krieg, Gewalt, Verfolgung und Bedrohung. Daneben finden private Ereignisse wie der Tod des Vaters oder ihr Autounfall in ihre Bilder – und manchmal notiert sie einfach Träume.

Wir wollen die Künstlerin fotografieren. «Das muss aber schnell gehen», sagt Miriam Cahn, eilt in den ersten Ausstellungsraum und stellt sich vor ein riesiges Bild eines Bergsees. Für das Foto taugt das dunkle, fein nuancierte Gemälde nicht. Im Original aber leuchtet es magisch blau-schwarz von der Wand. «Es ist der Silvaplanersee, vorne Maloja – und unten da am Rand, da wohne ich», sagt die Künstlerin. Warum im Bergell? Es habe sich so ergeben. Sie habe sicher vierzig Mal gezügelt in ihrem Leben, nur ihr Bilderlager befinde sich noch in Basel. Ob das ein Rückzug sei? Sie lacht – und meint dann sehr bestimmt, nicht sie habe sich vom Kunstbetrieb in der Schweiz zurückgezogen, sondern Museen und Galerien seien nicht mehr interessiert gewesen. International dagegen sei sie erfolgreich und oft gezeigt worden. «Und die Galeristen aus dem Ausland besuchen mich gerne hier. Vielleicht wird das Bergell mein Alterssitz.» Was wohl nicht heisst, dass sich Miriam Cahn zur Ruhe setzen will, zu vital leuchten die letzten (Selbst-)Bildnisse, die frischen Blumen und Baumbilder.

Miriam Cahn Aargauer Kunsthaus, bis 12. April. Vernissage: Fr, 23. Januar, 18 Uhr.