Montagsinterview
«Seelische Zustände ändern sich – aber jetzt hoffe ich, es halte still»

Der Schweiz aufs Maul geschaut. Geschichten auf Mundart zu erzählen, noch heute ist er darin der Beste: Ernst Burren. Ein Gespräch über versoffene Männer und zornige Frauen, über Einsamkeit und die Frage, aus welchem Holz die Schweiz geschnitzt ist.

Max Dohner, Oberdorf
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Ernst Burren in seinem Garten

Ernst Burren in seinem Garten

Hanspeter Bärtschi

Noch klingelten wir nicht am Haus, als sich die Tür schon öffnet. Ernst Burren hat alles akkurat vorbereitet. Dann aber bleibt er auf der Stubenschwelle stehen. Er kennt die Anziehungskraft der Landschaft vor dem grossen Fenster und weiss, dass dieses Panorama jeden Gast von allein vorwärtszieht. Zeitlebens hat Burren nie woanders gelebt als in Oberdorf SO. Und sein ganzes schriftstellerisches Leben lang blieb er der Mundart treu. Aus Liebe oder Trotz?

Herr Burren, was genau passierte da, vor 45 Jahren? Was löste über Nacht damals Ihr Schreiben aus?

Ernst Burren: Als ich eines Abends nach Hause kam, Schulhefte unter den Arm geklemmt, sass der Dichter Ernst Eggimann in der Beiz meiner Eltern. Eggimann fragte, ob ich auch Schule gebe? Ich hatte kurz vorher eine Aufführung mit Texten von ihm gesehen und in Bern ein Stück von Kurt Marti. Nach dieser Begegnung füllte ich noch am gleichen Abend ein ganzes Schulheft mit Gedichten. Ich kopierte dabei zumeist den Stil von Kurt Marti: «Es isch nüme wie aube, aber aube isch no gäng ...» und so weiter.

Da sind wir schon mitten im Thema: Nach der Lektüre Ihres neuen Buches fragten wir uns: Hat sich in den letzten vierzig Jahren Burren nicht verändert – oder die Schweiz, von der er erzählt? Was sagen Sie?

Zur Person: Ernst Burren

«Mit eindrücklicher Konsequenz», sagt sein Verlag (Cosmos), «schreibt Ernst Burren weiter an seinem grossen Lebensbuch.» Mittlerweile ist dieses «Buch» 26 Teile oder Kapitel stark. Am Mittwoch erscheint ein weiterer Band mit Mundarttexten von Ernst Burren, unter dem Titel: «No einisch uf d Maledive». Buchvernissage ist um 20 Uhr in Solothurn (Buchhaus Lüthy).

Burren wurde am 20. November im solothurnischen Oberdorf geboren. Nach dem Besuch des Lehrerseminars war er als Primarlehrer in Bettlach tätig. Für seine literarische Arbeit bekam er eine Reihe von Auszeichnungen, darunter den Alemannischen Literaturpreis (1981) und den Gesamtwerkspreis der Schweizerischen Schillerstiftung (1997).

Es trifft wohl beides zu: die Wiederkehr des Gleichen und die Veränderung Bei mir ist dieses Jahr einiges gegangen. Ich war immer gesund gewesen, bis zum letzten März. Dann begann eine Reihe von Unpässlichkeiten und Gebresten. Plötzlich hatte ich auch nie zuvor gekannte, starke Migräne. Neulich musste ich eine Lesung ausfallen lassen; Christian Haller sprang für mich ein. Er hat mir gesagt, im Alter verändern sich auch die seelischen Zustände – und er hat wohl recht. Ich hoffe, jetzt halte es still.

Wie Sie das sagen – «stillhalten»: Als handle es sich um ein Monstrum, einen Drachen. Was verändert sich im Alter denn psychisch, abgesehen vom Physischen?

Man wird gezwungen, sich rückhaltlos mit dem Alter zu beschäftigen. Zum Beispiel mit der wachsenden Einsamkeit. Natürlich habe ich Kontakt mit Freunden, mit Kolleginnen und Kollegen, seit vielen Jahren und Jahrzehnten. Und jetzt sterben sie. Natürlich ist da meine Familie: Meine Schwester ist mittlerweile achtzig, meine Mutter, die nebenan wohnt, hunderteinjährig. Trotzdem fühle ich mich gewissermassen bedroht.

Ernst Burren.

Ernst Burren.

Hanspeter Bärtschi

Dabei waren Tod, Einsamkeit, Ausgrenzung immer schon Themen bei Ihnen, von Anfang an. Nützt alles nichts, um sich zu wappnen?

Jetzt holt mich das ein. Jetzt ist das Alter wirklich da– und der Kontakt mit den Jungen ist verloren.

Liest man Ihre Bücher seit Jahren, hat man das Gefühl, an der Substanz der Schweiz – oder an ihrer DNA, wie man heute sagt – habe sich nichts wesentlich geändert.

Mein Leben lang wohnte ich in Oberdorf. Hier hat sich wahnsinnig viel verändert. Heute kenne ich die meisten Leute nicht mehr, jung kannte ich noch alle. In kurzer Zeit sind mehrere hundert Leute zugezogen. So hat sich auch die Schweiz verändert: die Überbauungen, die vielen Leute, sehr viele von auswärts zugezogen ...

Auf solchen Wahrnehmungen beruht die Ecopop-Initiative.

Das ist unglaublich! Da bin ich strikt dagegen.

Welche Kräfte, glauben Sie, bewirken hinter solchen Anliegen diesen eigenartigen subkutanen Schub?

Es wird Angst sein – durchaus verständlich: Man läuft herum und sieht lauter Fremde. Man hört kaum mehr Dialekt und verspürt eine diffuse Beengung. Das nützen dann Leute politisch aus, wie die Initianten von Ecopop. Ich weiss nicht, warum man damit die bilateralen Verträge mit der EU aufs Spiel setzen will. Ich sehe überhaupt nicht, was diese Leute letztlich wollen.

Ihre Geschichten haben oft äusserst aktuelle Bezüge. Da entnehmen Leute eine Nachricht aus dem TV-Magazin «10 vor 10». Es ist die Rede von syrischen Flüchtlingen. Trotzdem erinnern viele Ihrer Figuren auch an Gotthelf; sie streiten und hadern; sie sind voller Zorn, Trotz und Neid, handeln mitunter richtiggehend böse und machen weniger robuste Menschen unglücklich. Darum nochmals die Frage: Ist das Holz, woraus die Schweiz geschnitzt ist, auch im Jahr 2014 noch das gleiche?

Das mag wohl zutreffen auf Menschen aus der Generation unserer Grosseltern. Da habe ich viele solche Geschichten mitbekommen. Meine Eltern waren Bauern und hatten daneben eine Dorfbeiz. Ich habe gesehen, wie zornesrote Frauen ihre versoffenen Männer aus der Beiz holten gegen Abend. Ich habe gehört, was sich die Leute an den Kopf warfen.

Erfüllte Sie das als Bub mit Abscheu vor den Erwachsenen, mit Ekel vor der Welt?

Eher mit Bedauern.

Woher nehmen Sie die Geschichten heute?

Viel in die Beizen gehe ich nicht. Ich weiss nicht so recht ... Ich habe über Jahre hinweg zugehört, nicht unbedingt mit dem Gedanken, daraus Geschichten zusammenzusetzen, ich habe auch nie viel notiert. Aber es setzten sich stetig Geschichten zusammen.

Sie legen erstaunliche Muster frei in Ihren Texten. Zum Beispiel in der Geschichte über eine Fabrikschliessung: Manager verscherbeln alles ins Ausland, letzten Endes an die Chinesen. Gefeuerte Arbeiter kriegen noch einmal einen lukrativen Auftrag, die Maschinen zu demontieren. Sie willigen ein, geniessen den schnellen Luxus und bekommen phasenweise auch ein schlechtes Gewissen. Dieses Ambivalente im Menschen wollen viele nicht sehen und vereinfachen es. Sie behalten es stets im Blick.

Die Geschichte hat mir ein Arbeiter erzählt. Beim Schwimmen in Grenchen; da lerne ich solche Leute kennen. Die Fabrikschliessung ereignete sich in Neuenburg, Männer haben geweint deswegen. Und nahmen doch auch das tolle Auto, das ihnen zur Verfügung gestellt wurde – da stimmt schon etwas nicht. Ich schreibe jedoch nicht einfach Lebensgeschichten auf, sondern verwebe Teile davon.

Ein anderes Beispiel sind italienische Fremdarbeiter in den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Da sagen Sie klipp und klar: «Damals sind nur gute Leute gekommen.»

Das Thema der Diskriminierung – heute so virulent wie damals. Man kann sich die damalige Distanz zu den Italienern heute nicht mehr vorstellen. Dabei hatte ich, als Lehrer, nie die geringsten Schwierigkeiten gehabt mit Kindern von italienischen Immigranten, im Gegenteil.

Das ist heute wohl anders in den Klassenzimmern?

Mit Sicherheit. An meiner letzten Klasse in Bettlach bin ich fast verräblet. Ich hatte Kinder aus neun Nationen in einer 25-köpfigen Klasse. Die Türken und Jugos gaben sich seit dem Kindergarten aufs Maul, zum Teil während des Unterrichts. Ich konnte nicht mehr schlafen und liess mich schliesslich auf ärztlichen Rat frühpensionieren, mit 58.

Ernst Burren.

Ernst Burren.

Hanspeter Bärtschi

Und doch bleibt die Schule nach wie vor der Hauptkatalysator bei der Integration.

Ja, wollte gerade sagen: Wer macht’s denn sonst?

Ein Drittel der Lehrer und Lehrerinnen soll heute über Burnout klagen.

Das wäre mir auch passiert. Der Arzt verschrieb mir damals Antidepressi-va. Es wäre länger nicht gegangen. Man stellt sich kaum vor, wie viel das zu tun gibt – Lehrer zu sein. Weil ich alleinstehend bin, konnte ich mir die Frühpensionierung erlauben. Seither hatte ich eine gute Zeit.

Reisen Sie viel? Ein Kampfwanderer sind Sie ja nicht gerade.

Eben nicht. In Solothurn mache ich gewöhnlich den immer gleichen Spa-ziergang. Früher reiste ich viel; seit der Pensionierung tue ich das nicht mehr. Es sagt mir nichts mehr. Ich habe auch keine Ziele mehr. Als ich mal in Kloten am Flughafen stand, sagte ich: Jetzt ist genug! Dieses Einpferchen, diese Gänge durch die Duty-Free-Zone, die trostlosen Hallen ...

Was führt Sie jeweils zum Kern Ihrer Figuren und Geschichten? Haben Sie einen Instinkt, ein Gefühl für Menschen?

So naiv, denke ich.

Wäre Instinkt denn naiv? Sie sprechen selber von «Gschpüri».

Das Wichtigste in Bezug auf einen anderen Menschen ist Durchlässigkeit. Das erfordert viel Kraft. Ich überlegte mir neulich, ob ich das nicht für eine gewisse Zeit abstellen sollte – dieses ständige Aufnehmen. Ob ich das Schreiben nicht ganz einstelle. Ich habe viele Bücher geschrieben und hätte auch sonst reichliches Material beisammen. Es gäbe ja auch genug Stoff aus den Zeitungen.

Wie bewahrt man sich die Durchlässigkeit für Menschen?

Das ist wahrscheinlich angeboren. Es muss einem gegeben sein. Bei mir hiess es immer, ich sei ein Finöggeli, kein Bauernsohn. Auch der Vater sagte das – nicht vorwurfsvoll; er selber hätte auch nicht mehr Bauer sein wollen. Ein Onkel war Sekundarlehrer; er ermunterte mich, ins Lehrerseminar zu gehen. Es hat viele arme Cheibe gegeben damals, so viele gibt es heute wahrscheinlich nicht mehr.

Haben sich die Leute in der Schweiz verfeinert, oder sind sie gotthelfisch rau geblieben?

Die Leute sind nicht gross anders geworden. Neid, Eifersucht, Missgunst – das erlebe ich nach wie vor. Vom Verhockten in Herz und Schädel, von Frustrierten kann man genug jeden Tag in der Boulevardzeitung lesen. Man erschrickt manchmal. Gleichwohl hat sich die Gemütslage in den letzten Jahrzehnten wohl etwas aufgehellt. Dazu beigetragen hat nicht zuletzt das Fernsehen, so viel Mist auch immer gesendet wird. Die Unterhaltungssendungen sind kaum mehr erträglich. Selbst meine Mutter sagte neulich über den «Super-Zehnkampf» im SRF: «Jetzt bin ich hunderteinjährig und habe viel gesehen. Aber das ist eine Beleidigung.» Man könnte ja ein Theaterstück senden, und wäre es selbst eines mit Jörg Schneider.

Sind Sie schon mal mit Jörg Schneider verwechselt worden?

Nein, ich bin kein Luus-Chaschperli.

Ganz gewiss nicht. Aber Sie sind gewissermassen der Grossvater der heute verbreiteten Mundartdichtung und irgendwie der Vater des Mundart-Rock.

Kann man wohl sagen, ja. Als ich anfing, schrieben ein paar wenige in Mundart; ich war der Einzige, der beim Metier blieb. Ich hatte das Glück, von Anfang an im Feuilleton als Mundartdichter anerkannt und gefördert zu werden, und nie das Gefühl, ich werde einfach noch mitgenommen. Jetzt gibt es eine ganze Reihe von Mundart-Autoren, das Genre ist erfolgreich.

Ernst Burren.

Ernst Burren.

Hanspeter Bärtschi

Vor allem, wenn man dazu noch an die Slam-Poetry denkt. Einigen dieser Burschen und Gören gebricht es freilich an Ihrer Genauigkeit und Kraft zur Verdichtung. Slam-Poeten haben vermutlich auch einen anderen Umgang mit Stille – will sagen: keinen.

Literatur ist etwas anderes, als schnell auf einen Markt zu reagieren.

Sie schreiben, die Welt sei nichts für die Stillen und Sensiblen. Wäre sie es, dann würden Politik und Wirtschaft anders handeln. War das immer so oder erst seit heute?

Die Eitelkeit vor der Kamera bei Politikern und Politikerinnen hat sprung-haft zugenommen, kein Zweifel. Wer den Bestseller «Die Narzissmus-Falle» liest, dem wird eine ganze Reihe von Leuten einfallen, auf die der Befund passt. Adolf Ogi hat hierzulande diese amerikanische Masche eingeführt.

Wie können sich Teenager heute wehren, die still und sensibel sind? In einer Ihrer Geschichten sagt der Vater zum Sohn, er müsse robuster werden, die Ellbogen ausfahren.

Ich weiss nicht, was ich jungen Leuten raten soll. Man kann sagen: «Bleibt euch selbst!» Was heisst das? Das kann man ja mal so sagen ... Und dann bleiben sie nichtsdestotrotz einsam. Da hatte ich Glück mit dem Schreiben. Man will ja das Gefühl behalten, dass man lebt.

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