Literatur und Fussball haben im Allgemeinen nicht viel gemein. An der Preisvergabe beim Wettlesen um den Bachmannpreis und die seit diesem Jahr vier weiteren Jurypreise ist das Wahlprozedere jedoch das gleiche. Und so gelangte die Schweizer Autorin Anna Stern beim Rennen um den dritten Preis mit ihrem Text «Warten auf Ava» ins Halbfinal.

In der nachfolgenden Runde um den vierten Preis schaffte sie es ins Finale und erhielt schliesslich den mit 7500 Euro dotierten 3sat-Preis zugesprochen. Den ersten Preis (25'000 Euro) gewann die in Wien lebende Ukrainerin Tanja Maljartschuk.

Rätselhafter Textauszug

Überraschend war aber bereits Anna Sterns Wahl auf die Shortlist. Ihr Text hatte nach der Lesung am Donnerstag die Jury gespalten. Die Mehrheit der Juroren fand ihn rätselhaft, und nicht alle waren gleichermassen gewillt, sich auf das Rätsel einzulassen. «An den Haaren herbeigezogen», so das vernichtende Urteil eines der Juroren, ein Text, der fordere, dass man die «Gefühlsdrüse massiere». «Warten auf Ava» spielt in einem Krankenhaus. Dort liegt eine schwangere Frau im Koma, und ihr Freund besucht sie.

Ein Streit scheint dem Unfall der Frau vorangegangen zu sein, bei dem es um das ungeborene Kind ging. Der Ort des Unfalls und dessen Geschichte überlagern sich mit einem Flugzeugabsturz vor Jahren an derselben Stelle. Eine Jurorin las aus dem Text sechs Arten von Umgang mit Trauer heraus, derweil ein Juror Navigation, Orientierung und die aus fehlerhafter Interpretation folgenden Katastrophen als übergeordnetes Thema erkennen wollte. Hildegard Keller, die Anna Stern eingeladen hatte, lobte das virtuose Spiel mit der Zeit.

Das Rätselhafte an Anna Sterns Text dürfte zumindest teilweise daran liegen, dass die Autorin einen Auszug aus einem wesentlich grösseren Ganzen gelesen hat. Anna Stern heisst mit bürgerlichem Namen Bischofberger. Sie ist in Rorschach geboren und lebt heute in Zürich. Die 27-Jährige studierte Umweltwissenschaften und forscht derzeit für ihre Doktorarbeit. Sie hat bereits zwei Romane und zuletzt den Erzählband «Beim Auftauchen der Himmel» im Salis Verlag publiziert. Der Jury als Ganzes scheint es so ergangen zu sein wie der Jurorin, die bekundete, je länger die Diskussion über den Text dauere, umso besser gefiele er ihr.

Fluch und Segen der Erinnerung

Weniger überraschend war die Kür von Tanja Maljartschuk als Gewinnerin. Sie hatte nach ihrer Lesung minutenlangen Applaus geerntet. Nora Gomringer, die 2015 den Bachmannpreis gewonnen hatte und neu als Jurorin dabei war, seufzte: «Endlich Literatur!»

Maljartschuk erzählt in ihrem Text «Frösche am Meer» von einem papierlosen Immigranten, der seine Erinnerungen verdrängt hat und Bekanntschaft schliesst mit einer demenzkranken Witwe. Der Text handelt von der Einsamkeit im fremden Lebensraum und von der Erinnerung, die Fluch oder Segen, oder beides zugleich sein kann. Maljartschuks Text hat einen poetischen, fast märchenhaft verträumten Ton. «Es ist die Kraft der Poesie: Die Literatur kann Schwäche in Stärke verwandeln», lobte Juror Stefan Gmünder in seiner Laudatio. Er hatte Tanja Maljartschuk nach Klagenfurt eingeladen.

Der zweite, neu geschaffene Deutschlandfunkpreis (12'500 Euro) ging an den deutschen Autor Bov Bjerg. Den dritten Preis (Kelag-Preis, 10'000 Euro) gewann die in Deutschland geborene Türkin Özlem Özgül Dündar und den Publikumspreis (7000 Euro) die Österreicherin Raphaela Edelbauer. Die Schweizerinnen Corinna T. Sievers und Martina Clavadetscher gingen leer aus, sie schafften es auch nicht auf die Shortlist mit sieben Kandidaten.

Interessanter als die Voten bei der Preisverleihung der ältesten Casting-Show am Sonntag waren die Jurydiskussionen der vorangehenden Tage. Die Auseinandersetzung mit Text und Inhalt stand dort im Zentrum. Auf der Website stehen die Texte und Diskussionen zum Nachlesen oder -hören.