Salzburger Festspiele
Salzburg feiert seinen neuen Wolferl

Die 95. Salzburger Festspiele, das grösste Klassikfestival der Welt, zeigen zur Eröffnung viel Mut und spielen Neue Musik: Wolfgang Rihms 1991 komponierte Oper «die Eroberung von Mexiko».

Christian Berzins
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Ein Porsche soll in der Oper «Die Eroberung von Mexiko» von Wolfgang Rihm zur Lösung von Eheproblemen beitragen ...

Ein Porsche soll in der Oper «Die Eroberung von Mexiko» von Wolfgang Rihm zur Lösung von Eheproblemen beitragen ...

Barbara Gindl/Keystone

Noch 2014 zelebrierte der ehemalige Zürcher Opernhausdirektor Alexander Pereira seinen letzten von gerade mal drei Salzburger Festspielsommern. Aber kaum ist der erste Festspielsonntag in der Mozartstadt da, grinst der Neo-Mailänder aus den österreichischen Sonntagszeitungen. PR-technisch eine Meisterleistung des Hansdampf in allen Gassen – und kein Zufall: Just am Vorabend der offiziellen Salzburger Festspieleröffnung erhielt er in der Mozartstadt den «Pro Arte Europapreis». Everybody’s Darling-Dirigent Zubin Mehta hielt die Laudatio und Pereira berührte danach mit einem Kniefall die Lackschuhe des Dirigenten ...

Ernster als Pereira schauen die zwei aktuellen Interim-Festspielintendanten in die Kameras: Helga Rabl-Stadler und Sven-Eric Bechtolf, die ewige Festspielpräsidentin und Pereiras ehemaliger Schauspielchef. Ihnen wehte schon mal im Voraus aus dem deutschen Feuilleton ein böser Wind entgegen: Das Programm sei irrelevant und ideenlos wie nie zuvor – Kommerz statt Innovation.

Falls dem tatsächlich so wäre, würde man zur offiziellen Festspieleröffnung am 26. Juli eine 1991 komponierte Oper aufs Programm setzen? Natürlich hätte man gerne eine Uraufführung von Komponistenlegende György Kurtág gehört, doch weil der Ungar auch nach fünf Jahren mit dem Werk nicht fertig werden will, musste nun der 63-jährige deutsche Komponist Wolfgang Rihm mit einem 1991 vollendeten Werk einspringen.

Ein Hauch Klassenkampf

Aber ists nicht sogar mutiger, anstatt einer medial viel beachteten, dann schnell verschwundenen Uraufführung ein Meisterwerk wiederzuspielen? Für Rihms «Eroberung von Mexiko» wurde jedenfalls nicht gespart: drei zusätzliche Spielebenen für das Radio-Sinfonieorchester des ORF sind im Saal verteilt, Dirigent Ingo Metzmacher behält den Überblick, Opernkaliber wie Angela Denoke und Bo Skvohus sind zwei überragende Protagonisten. Und höchsterstaunlich: Der alte Regie-Bilderstürmer Peter Konwitschny debütiert bei den Festspielen. Solange er in Salzburg nicht einen «Rosenkavalier» zerfetzt, sondern eine rätselhafte Oper zum Leben erweckt, wird er auch hier bejubelt. Da mag selbst ein Hauch Klassenkampf aus der Inszenierung rauchen ...

Wie Konwitschny Rihms sinnliche, bisweilen brutale, dann aber auch erratische Musik effektvoll in Bilder setzt, erinnert an eine grosse Ballett-Choreografie. Der Spanier Cortez (Skvohus) fällt mit roten Freier-Rosen ins herausgeputzte Heim von Montezuma (Denoke) ein. Doch Vorsicht, die Abgründe sind offensichtlich: Rundum hat Bühnenbildner Johannes Leiacker einen Autofriedhof angelegt. Dank der präzisen Regie des 70-jährigen Konwitschny erlebt man die angedeutete koloniale Eroberungsgeschichte, die auf Sprach-Fragmente Antonin Artauds baut, als bald packenden, bald provozierenden Zweikampf einer Ehe, der szenisch und musikalisch tief berührt.

Politik trifft Kultur

Rihms Oper war ein starker und mutiger Beginn des grössten Klassikfestivals der Welt – Salzburg hat seinen zweiten Wolferl. Rund 45 Tage dauert es, 225 000 Menschen können 188 Veranstaltungen an 14 Spielstätten sehen. 59,6 Millionen Euro beträgt das Budget, 77 Prozent davon werden selbst eingespielt. Und diese Festspiele laufen im Prinzip schon seit 19. Juli, begann dann doch die «Ouverture spirituelle», Pereiras geistiges Kind, eine besinnliche Einstimmung ins eigentliche Festival. Doch Festspielausweitung hin oder her: Österreichs Bundespräsident Heinz Fischer eröffnete die «richtigen» Festspiele wie eh und je am Morgen des 26. Juli.

Der Schriftsteller und Philosoph Rüdiger Safranski hielt in der Festrede ein Plädoyer für eine «Revolution des Zeitregimes». Für viel mehr Gesprächsstoff sorgte aber das grosse österreichische – und europäische – Thema dieser Wochen: die anhaltenden Flüchtlingsströme. Über den herzhaften Appell von Salzburgs Landeshauptmann Wilfried Haslauer, sich davor nicht zu fürchten, redete alsbald die ganze Stadt.

Der Schweizer Gast lächelt zwar über den vor den Festspielhäusern auffahrenden Tross von zehn schwarzen Staats-Limousinen, über das präsidiale Händeschütteln mit dem Zaungastvolk. Erstaunlich und bewundernswert ist es aber zu sehen, wie politisch Kultur bei unserem Nachbar werden kann, zumal Haslauer doch seine Worte anhand dreier gespielter Opern unterstrichen hatte. Ein Steilpass bot ihm auch das Generalthema der Festspiele «Herrschen und Dienen, Macht und Ohnmacht, Unterdrückung und Aufbegehren».

Das zweite grosse Salzburger Thema dieser Wochen, die neue Bettelverordnung, wurde bei der Eröffnung ausgeklammert. Kritikrax, der legendär bitterböse «Spruch des Tages» der «Salzburger Nachrichten», meinte allerdings am Montag: «Festspielsommer in Salzburg: Die Zahl der Bettler hat sich halbiert, die der Reichen und Schönen verdoppelt.»

Bartoli, Netrebko, Kaufmann & Co.

Diese viel zu oft zitierten «Reichen und Schönen», die zwar durchaus allabendlich über den roten Teppich schaulaufen, verbringen zusammen mit den Tausenden ganz normalen Festspielgästen anstrengend schöne Tage, denn dem deutschen Feuilleton zum Trotz: Opernmenschen lieben Opernstars, freuen sich auf die Wiederaufnahme von Bellinis «Norma» mit Cecilia Bartoli, «Trovatore» mit Anna Netrebko und «Fidelio» mit Jonas Kaufmann.

Ob diese Abende immer inhaltlich geerdet sind, wie das Regisseur Peter Konwitschny zurzeit fordert, oder ob bisweilen bloss für die «Freunde der toten Oper» (Konwitschny) schön gesungen wird? Für den Regisseur wäre Letzteres bloss «schöner Unfug», ja «Idiotentheater».