Was ist heute Malerei? In einer Zeit, in der feste Grenzen, Zuordnungen und Definitionen verschwimmen und verschwinden, ist es schwer, darüber Gültiges zu sagen. Malerei hat sich längst mit anderen künstlerischen Ausdrucksformen vermischt, sich ausdifferenziert und sie wird zuweilen auch ganz infrage gestellt.

Doch trotz vielfacher Konkurrenz anderer Medien behauptet sie sich immer wieder. Wer sie vertritt, beruft sich auf das einfache Handwerk, aus Farben und Formen Bilder herzustellen – und auf die Freude am unmittelbaren Sehen, Wahrnehmen und Staunen.

«Malerei, nichts als Malerei» wollen die Kuratoren Massimiliano Madonna und Konrad Tobler zurzeit im Palazzo zeigen. In diesem Medium «gibt es nach wie vor unzählige Wege «, stellen sie fest. Die beiden haben in Liestal bereits ähnliche Gruppenausstellungen realisiert, etwa vor einem Jahr mit einem persönlichen Querschnitt durch die zeitgenössische Zeichnung.

Erneut fassen sie ihren Gattungsbegriff sehr weit, beziehen vieles ein, was auf Anhieb nicht als Malerei angesehen wird. Dass sie auch diesmal vor allem auf befreundete Künstlerinnen und Künstler setzen, geht nicht unbedingt auf Kosten der Vielfalt.

Persönlich und lustvoll

Der erste Eindruck der Ausstellung ist eine unmittelbare Farbigkeit. Wie direkt und lustvoll Malerei wirken kann, zeigen augenfällig die übergrossen, rosa Kringel der 58-jährigen Baslerin Renée Levi. Die leuchtenden, in Reihen angeordneten Kreise strahlen förmlich in die benachbarten Räume aus. Auffällig ist auch: Wie andere Arbeiten steht auch diese nur an die Wand angelehnt, als ob sie nur provisorisch deponiert worden ist.

Ein irritierendes Raumerlebnis vermitteln die Bilder von Christine Streuli: Grossflächige, plakativ wirkende Strukturen aus Farben und Formen gehen ineinander über. Da gibt es aber nicht nur Buntes und Knalliges: Viktor Korol, ehemaliger Schüler von Levi, zeigt gleich daneben fein strukturierte Tableaus, auf denen verhaltene Farbtöne von Blau, Rosa, Weiss auf gerissene und wieder vernähte Leinwände aufgetragen sind, ganz selten ein kräftiges Gelb.

«Jedes Bild ein Ernstfall»

Dass Gemaltes immer auch vom Verschwinden bedroht ist, zeigt eine Werkgruppe von Kotscha Reist: Auf der einen Seite des Raums präsentiert er eingerahmte Landschaftsmotive, auf der andern nur noch einfarbige Bildfelder ohne Inhalt. Das sieht so aus, als wären die Farbtöne der zweiten Wand aus einem am Computer ermittelten Farbdurchschnitt der Landschaftsbilder gegenüber entstanden. Die Natur verschwindet, die Malerei bleibt – wenn auch nur durch digitale Nachbearbeitung.

Wenn der Begriff Malerei derart grosszügig definiert wird, lassen sich damit auch ganze Lebensgeschichten darstellen. Wie etwa in der originalen Atelierwand von Heinz Egger, die eigentlich eher eine Installation ist: Eine grosse Holzplatte ist mit unzähligen Zetteln, Skizzen, Fotos, Zeitungsausschnitten, Notizen, Postkarten, Gedichten und Zitaten übersät.

Das in fast 30 Jahren angesammelte Material bietet direkte, zuweilen auch voyeuristische Einblicke in die Arbeit und das Denken des 81-jährigen Künstlers. «Jedes Bild sollte ein Ernstfall sein», hält Egger auf einem seiner Zettelchen fest.

Vom Verschwinden

Weniger zugänglich ist dagegen die Arbeit von Uwe Wittwer, der ebenfalls eine Geschichte erzählt. Diese ist aber ohne weitere Erklärungen nicht zu verstehen: In seiner mehrteiligen Serie malte er Bilder alter Meister nach, die zu Hunderten nach 1945 im Kaiser-Friedrich-Museum in Berlin verbrannt worden sind oder verloren gegangen waren. Als Vorlage der in rötlich-braunen Tönen gehaltenen Aquarelle, die sich in langen Bahnen hinter Glas aufreihen, dienten erhaltene Schwarzweissfotos.

Hier hat die Malerei die Kraft, über die unmittelbare Gegenwart hinaus Zerstörtes wiederherzustellen und Erinnerung am Leben zu erhalten.
Am Ende der Ausstellung verschwindet die Kunst ganz, wird immateriell und nur noch zu einer Art Phantom: Ein weisses, leicht gewelltes Blatt von Bruno Jakob zeigt laut dem Künstler «Licht, Luft, Energie, Berührung, Gedanken und Wasser auf Papier». Es trägt den Titel «Weisses Lächeln (invisible painting)».

Kunsthalle Palazzo Liestal, «Im Streiflicht oder: Die Lust an der Malerei». Bis 28. Oktober. www.palazzo.ch