Wie restauriert man Schrott? Die Frage ist salopp, aber berechtigt. Denn Jean Tinguely machte aus Schrottteilen Kunst und schuf so fantastische Monstermaschinen, die Kinder wie Erwachsene faszinieren. Ganz zu schweigen von Physiklehrern.

Eines seiner Meisterwerke, «Méta-Harmonie II», baute Tinguely 1979 in nur fünf Wochen mit seinem Assistenten Seppi Imhof zusammen. Eine zwei Tonnen schwere Maschinenskulptur, die dreht und tönt und lebt – aber auch leidet. Denn der Dauerbetrieb hinterlässt Spuren. Sei es durch Reisen zu Ausstellungen oder an den langjährigen Standorten im Kunstmuseum Basel und seit 1996 im Museum Tinguely, wo es zu den Schlüsselwerken in der Dauerausstellung gehört. Die ständige Beanspruchung führte 2017 dazu, dass die Eigentümerin, die Emanuel Hoffmann-Stiftung, das Werk vom Kleinbasel nach Münchenstein ins Schaulager bringen liess, um es einer umfassenden Restauration zu unterziehen.

Tinguely's Ton-Mischmaschine klingt wieder

Tinguely's Ton-Mischmaschine klingt wieder

Nach fast vierzig Jahren musste die Méta-Harmonie II von Jean Tinguely repariert werden. Dabei versuchten die Restauratoren wieder möglichst nahe an das Original zu kommen. Über die Jahre hatten sich mechanische Teile abgenutzt, einzelne wurden ersetzt.

Womit wir bei der Eingangsfrage wären: Wie restauriert man Schrott? Antworten suchte ein dreiköpfiges Restaurations-Team, bestehend aus Marcus Broecker, Carole Maître (Schaulager) und Jean-Marc Gaillard (Museum Tinguely). Sie haben alle Bauteile sorgfältig untersucht und dokumentiert, um die komplexe Funktionsweise zu verstehen. Tinguely verbaute in seinem dreidimensionalen Konstrukt Räder, Kurbeln, Instrumente, Objets trouvés, die immer etwas auslösten, angetrieben von Motoren, die das Innenleben dieser lastwagengrossen Skulptur in Bewegung versetzten. Auf faszinierende Weise wird auf 41 Positionen in wiederkehrenden Zyklen ein Effekt erzeugt. Sei es, indem ein Perkussionsschlegel auf eine Xylofonplatte fällt oder ein Rad über die Tasten einer Bontempi-Orgel gleitet. Mit den Jahren waren Teile verbogen, verschlissen, sodass sich Klänge veränderten, ja, manche Schlegel das Trommelfell verfehlten.

Knifflige Aufgaben

Um das Werk in den ursprünglichen Zustand zurückzubringen – es wurde nur punktuell restauriert, auch verändert – nahm sich das Trio Zeit für ausführliche Recherchen. Als besonders wichtige Referenz diente dabei eine Farbfotografie von Leonardo Bezzola, der die Entstehung in Tinguelys Atelier dokumentierte. Daraus schlossen die Restauratoren Detailerkenntnisse wie jene, dass eine Lampe ursprünglich mit einer gelben Glühbirne bestückt war, die später durch eine simple weisse ersetzt wurde. Das haben sie nun wieder korrigiert.

Was den Klang des Kunstwerks anbelangt, so konnte das Team eine historische Audio-Aufnahme bei der Präsentation in der Tate London aus dem Jahr 1982 als Referenz verwenden. Dort war etwa zu hören, wie es klang, wenn ein Perkussionsschlegel auf eine Trommel fiel. Es galt Hebelbewegungen zu justieren und Materialien zu ersetzen.
Zu den kniffligen Aufgaben gehörte eine Disney-Figur, die auf Klaviertasten fiel. Das Klavier war zuletzt ganz verstummt, und auch die Disneyfigur aus Kunststoff war durch den ständigen Aufprall deformiert, sie wies zahlreiche Risse auf.

Da halfen auch alle Flickversuche nicht weiter, weshalb das Team nach einem ebenbürtigen Sammlerstück Ausschau hielt und auf Ebay fündig wurde. Um die Lebensdauer dieser Ersatz-Ente zu verlängern, verstärkte man sie im Innern mit einem Metallskelett. Eine aufwendige Arbeit. In weiser Voraussicht wurde von der Ente auch ein 3D-Scan angefertigt, um künftig weitere Ersatzfiguren aus einem adäquaten Kunststoff drucken zu können.

Ob sie schraubten, schweissten, leimten, klebten oder malten: Es erforderte viel Zeit und Geduld und Gespräche, um den Publikumsliebling wieder topfit in den Ursprungszustand zu versetzen.

Mit dem Umzug ins Museum Tinguely, wo die beliebte «Ton-Mischmaschine» ab dem 24. November wieder zu bewundern sein wird, sind die Arbeiten noch nicht abgeschlossen, wie Marcus Broecker betont. Erst im Dauerbetrieb wird sich zeigen, ob die Eingriffe auch auf Dauer die erwünschte Wirkung erzielen oder noch feinjustiert werden muss. Bei einem Testlauf gestern jedenfalls zeigte sich die «Méta-Harmonie II» in bester Verfassung.
Von den Forschungserkenntnissen werden auch andere Museen profitieren. Denn Tinguelys kinetische Kunst zu warten, ist eine kleine Kunst für sich. Davon können sich die Museumsbesucher überzeugen: Ab 2019 wird ein Film über die Restaurationsarbeiten gezeigt.

Méta-Harmonie II Ab 24. 11 wieder zu erleben im Museum Tinguely, Basel.