Poetry Slam schlug vor 20 Jahren in der Schweiz ein wie eine Bombe. Schüler und Studenten verstanden sich als «Punks der Literatur» und trieben die Bewegung voran. Schrullige Typen, die auf der Bühne vorlesen: heulend, kreischend, zeternd. Das war in den Nullerjahren neu und eine Gegenbewegung zu den biederen «Wasserglaslesungen» des Literaturbetriebs. «Wir hatten das Gefühl, bei etwas ganz Neuem dabei zu sein, wie damals Punk», sagt der St. Galler Slam-Veranstalter Richi Küttel.

Im Grossraum Bern fanden 1998 die ersten Poetry Slams als Dichterwettbewerbe statt. Deshalb feiern wir in diesem Jahr 20 Jahre Slam Poetry. Und deshalb sind die diesjährigen Deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften vom 6. bis 10. November in die Schweiz, nach Zürich, vergeben worden.

Preise für Slammer

Von der Schweizer Literaturszene ist Poetry Slam lange belächelt worden. Heute ist das ganz anders. Denn der Vortragswettbewerb hat Karrieren ins Rollen gebracht. Schriftsteller wie Lukas Bärfuss, Pedro Lenz, Melinda Nadj Abonji und Nora Gomringer erprobten ihre Texte bei Poetry Slams. Comedians wie Hazel Brugger, Gabriel Vetter und Renato Kaiser starteten mit Slammen. Lara Stoll machte als «Fräuleinwunder» mit grosser Klappe Furore, Jürg Halter alias Kutti MC trat erstmals als Dichter in Erscheinung. Christoph Simon wählte den umgekehrten Weg und entdeckte als etablierter Autor die Slam-Bühnen und ist heute als Spoken-Word-Autor und Kabarettist erfolgreich. Die meisten Gewinnerinnen und Gewinner von Literatur- und Kabarettpreisen sind Slammerinnen oder Slammer. Aktuelles Beispiel ist Patti Basler, die den Salzburger Stier 2018 erhält.

Ähnlich wie Hip-Hop, der sich von einem Underground-Phänomen zu einem kommerziellen Produkt entwickelte, hat sich auch Poetry Slam zu einem Massenanlass mit vielen Facetten gewandelt. Die deutschsprachige Szene ist mittlerweile weltweit die grösste und hat die USA abgelöst, obwohl die Ursprünge Mitte der Achtzigerjahre in Chicago liegen.

Slam ist Show. Jeder kann sich auf der Bühne versuchen, es geht um Selbstinszenierung. Jury und Publikum bewerten die Liveperformance. Es war der ehemalige Bauarbeiter Marc Smith, der den Dichterwettstreit in Chicago Mitte der Achtziger ins Leben gerufen hatte. «Eine Null für ein Gedicht, das nie hätte geschrieben werden dürfen. Eine Zehn für eins, das bei allen einen Orgasmus auslöst», definierte er die Bewertungskriterien. Zu gewinnen gibts eine Flasche Whisky, die der Gewinner meist noch auf der Bühne köpft und mit anderen teilt. Versuche mit gesponserten Preisen wurden von der Szene nicht goutiert.

Ursprünglich verstanden seine Macher den Slam als dadaistische Kunstform. Einige versuchten sich als Poetry-Rapper, andere experimentierten mit Alliterationen, Rhythmus und Sprachklang. Wortakrobat Lasse Samström amüsierte mit der von ihm erfundenen «Schüttelprosa». «Spritney Bears auf Skinline Aids fuhr mir Fritten in die Messe rein», fabulierte er.

Für das Experiment mit der Sprache brennt auch Matthias Burki, der den Verlag «Der gesunde Menschenversand» betreibt. «Die Sprache ist mir wichtiger als der Inhalt», sagt der Verleger, der vor 20 Jahren erste Slam-Touren durch diverse Schweizer Städte organisierte und im Alleingang mehr Schweizer Schriftstellertalente als mancher renommierte Verlag entdeckte, darunter Pedro Lenz, Michael Fehr, Guy Krneta und Matto Kämpf.

Abbild der Gesellschaft

Für Martin Otzenberger vom Verein Slam 2018, der die deutschsprachige Meisterschaft in Zürich organisiert, ist Poetry Slam «ein Abbild der Gesellschaft und der politischen Verhältnisse». «Dazu kann Poetry Slam viel schneller auf gesellschaftliche oder politische Verhältnisse reagieren als die etablierte Literatur und erreicht in Zeiten von Youtube mindestens genauso viele Personen», sagt er. Slams sind politischer und weiblicher geworden. Themen wie Rassismus, AfD, aber auch Schweizer Politik und Digitalisierung sind heute häufige Themen, die mit den formalen Stilmitteln des Slams angereichert werden. Poetinnen wie Lisa Christ oder Patti Basler thematisieren #MeToo und Gender-Themen.

Andere sind mit der aktuellen Entwicklung des Poetry Slam weniger zufrieden. «Der Mut, zu experimentieren und auch zu scheitern, fehlt heute», bedauert Richi Küttel. Der Slam verkomme zum Comedyformat. Früher waren da mehr Wutreden, Lyrik, Philosophie und Ernsthaftigkeit. Heute gehe es teilweise nur noch um «Pointendrescherei». Auch Slam-Veranstalter Küttel lebt von diesen Anlässen; trotzdem wünscht er sich «mehr Mut zur Peinlichkeit, zu stolpernden Texten». Die Teilnehmer wüssten genau, welche Knöpfe sie drücken müssen, um beim Publikum anzukommen: «SVP-Bashing, Gender und Beziehungen funktionieren immer.» Kürzlich seien bei einem Slam vier Frauen angetreten. «Sie dichteten bloss über Sperma, Blasen und Menstruation – und ernteten viel Applaus.»

Solche Effekthascherei ist dem Berner Lyriker Jürg Halter zuwider. Der 38-Jährige gehörte mit seinem schrägen Sinn für Humor einst zu den Grossen der Szene, haderte aber zusehends damit. «Es ärgert mich, wenn das Publikum an den Slams auf die billigen Tricks reinfällt», sagte der Berner einmal in einem Interview. 2004 wandte er sich vom Slam ab, den er im Übrigen nie als Avantgarde verstanden hatte. In seiner Abschiedsrede persiflierte Halter die billigen, auf Sieg angelegten Witze seiner Kollegen: «Und eigentlich wollte ich auf die Bühne kommen und schreien: Ein Punk fickt seine schwule Ratte auf Kokain-Heroin und die Ratte ist seine lesbische Mutter, die cracksüchtige Nutte.»

Distanz zum Slam

Das Publikum an Poetry Slams interessiere sich nicht für Texte, sondern besuche diese wegen des Veranstaltungsformats, bemerkte Halter. Auch andere fragten sich: Wie originell kann Poesie noch sein, wenn sie sich verkaufen will? Talente wie der Journalist Daniel Ryser oder Ralf Schlatter, Kabarettist des Duos «schön & gut», distanzierten sich von der «Slamily». Auch Hazel Brugger bezeichnet sich nicht mehr als Slammerin, sondern als Satirikerin der «Heute-Show» und «Magazin»-Kolumnistin. Dabei feierte sie ihren Durchbruch 2013 als Poetry-Slam-Schweizer-Meisterin.

Obschon Slams meistens in Konzertlokalen stattfinden, fanden sie auch Eingang in Schulzimmer. Richi Küttel erteilt Workshops. «Probiert es aus, niemand frisst euch», ermutigt er Jugendliche, sich auf die Bühne zu wagen. Damit man sich entblösst, muss eine Rampensau in einem stecken. «Entweder fängt man Feuer und will unbedingt wieder auf die Bühne – oder man tut’s nie wieder.» Allen Unkenrufen zum Trotz: Slams haben sich etabliert und gehören zum gefragten Kulturangebot. An den deutschsprachigen Meisterschaften 2018 in Zürich wird mit der grossen Kelle angerührt. Beim Final werden nicht weniger als 4500 Zuschauer erwartet – im Zürcher Hallenstadion.