Buus

Performance-Kunst: Ein Spaziergang mit Sandra Knecht und ihren Geissen

Mit Kategorien kommt man bei ihr nicht weit. Ausser vielleicht mit «Gitzi-Mami»: Sandra Knecht mit ihren Geissen.

Die Buusner Performance-Künstlerin Sandra Knecht ist bekannt für die rustikalen Tafeln – doch eine Rampensau ist sie nicht.

In der Mitte des zweieinhalbstündigen Spaziergangs, den Sandra Knecht (50) jeden Tag mit ihren vier Geissen unternimmt, bleibt sie plötzlich stehen. Sie muss etwas klarstellen. Die Geissli wetzen ihre Hörner an umliegenden Buchen, Weibchen Rosa knabbert einem Ast die Blättchen ab. «Ich glaube nicht daran», sie streicht dem grössten ihrer vier Hunde über den Kopf, «dass Kunst die Welt retten kann. Die Kunst ist ein Geschenk, das ich in erster Linie mir selbst gemacht habe.»

Sandra Knecht und die Kunst – das ist keine romantische Angelegenheit. Sie ist keine sensible Seele, deren einziger Zugang zur Welt das Erschaffen von Kunstwerken ist. Keine Rampensau, die sich Trophäen zimmert. Sandra Knecht und ihre Kunst sind ein bewusster Entscheid, eine pragmatische, zweideutige Ansage: Hier habt ihr das Geschenk.

In der breiten Öffentlichkeit ist Knecht bekannt für die grossen Tafeln, die sie in ihrem Koch- und Essbetrieb «Chnächt» an der Kleinbasler Uferstrasse veranstaltet. Dort kocht sie Tiere vom Jäger oder Metzger, vom Dachs bis zum Fasan alles, was die Region und Jahreszeit hergibt. Die Tiere verarbeitet sie mit der Landschaft, in der sie aufgewachsen sind: Sie lässt sie in Suden aus heimischen Kräutern ziehen, räuchert sie über Wacholder, serviert eingelegte Tannenspitzli dazu.

Ist das nicht einfach tolle Kochkunst? Ja, auch. Aber wer Sandra Knechts Arbeit verstehen will, wird mit Kategorien nicht weit kommen. Sie ist nicht einfach eine «Köchin», genauso wenig wie sie eine «Performerin» ist oder eine «Jugendarbeiterin» oder eine «Frau in lesbischer Beziehung, die mit ihrer Freundin in einem Kuhdorf im Baselbiet wohnt, wo die Nachbarn glotzen».

Spaziergang mit Gitzi

Jeden Tag läuft Knecht mit ihren vier geretteten Ostergitzi («sie sollten eigentlich geschlachtet werden, aber dann sind sie mir so ans Herz gewachsen») und den vier Hunden die kleine Höhe über ihrem Haus in Buus hinauf, eine Frau in Sennenhemd und Baseballmütze, ungeschminkt, freundlich, resolut. Die Nachbarn grüssen, sie grüsst zurück, ihre Stimme ist klar und fest, manchmal bleibt sie auch noch, um ein bisschen zu plaudern. Die Leute schauen ihr nicht mehr ungläubig hinterher, aber ihre Verwunderung ob dieser Künstlerin hier oben ist auch nach den fünf Jahren, in denen Knecht jetzt in Buus wohnt, noch spürbar.

Das Landleben kennt Knecht von klein auf. Sie ist inmitten von Höfen aufgewachsen, «ich sag immer ‹neben dem Stärnebärg›, denn das Dorf kennt eh niemand». Ihre Eltern, ein Innenarchitekt und eine Floristin, waren auch mit Jean Tinguely und Bernhard Luginbühl befreundet. An den Wochenenden nahmen sie die Kinder mit auf rauschende Feste, wo die kleine Sandra mit 80 anderen Hippiekindern herumrannte und ihre Eltern peinlich fand mit ihren langen Gewändern und Ausdruckstänzen. Später verbrachte sie ihre Schulferien fast ausschliesslich auf Höfen, am liebsten auf einem Maiensäss im Schächental. Hier wohnten vier Brüder und deren fast blinde, alte Mutter, die Sandra auf die Alpwiesen schickte, um Kräuter für Salben und Tinkturen zu sammeln. Auf diesem Hof wurde der Grundstein gelegt, sagt sie, «zu dem allem hier». Sie zeigt über den Acker und die grünen Hügel im Hintergrund. Es ist ihr wohl hier, sie will nicht wieder weg.

Das Wilde zurückbringen

Die Wildheit, die sie jetzt sucht, ist eine andere als vor zwanzig Jahren. Damals betreute sie in Zürich auf dem Platzspitz Drogenprostituierte, wohnte in einem riesigen, besetzten Haus und legte an den Wochenenden an Partys auf. Sie hat Menschen in schlimmstem Leid gesehen und in höchster Ekstase. Heute reicht ihr die Natur. «Schau mal, wie schön da hinten die Sonnenstrahlen durch den Wald fallen! Das liebe ich.»

Das Wilde fällt jetzt anders aus – Knecht ist nach Stationen im Theater und bei schwer erziehbaren Jugendlichen in der Kunst gelandet, wo sie harzige Strukturen unterwandert. Aktuell gerade im Kunsthaus Baselland. Hier hat sie für die aktuelle Ausstellung
«Beehave» zwei Räume nach ihrem persönlichen Verständnis von Staat, Heimat und Identität eingerichtet: Gläser mit Inhalten in allen Farben und Aggregatszuständen, aber auch eine Pfeife von Meret Oppenheim, eine Videoarbeit und ein japanisch anmutender Flickenkimono aus Jeans, die davor von Knecht Jahrzehnte lang getragen wurden. Das alles ist Sandra Knecht in a nutshell, und geht doch darüber hinaus.

Denn hinter dieser Anordnung persönlicher Dinge verbirgt sich ein Denkanstoss: Woran erinnern uns diese Artefakte? Wie stellen sie Verbindungen zueinander her? Zu einem kollektiven Verständnis von Heimat? Von Identität? Die Räume sind eine Wunderkammer der Transformation im Prinzip der Renaissance: Altbekannte Objekte neu ausrichten, um Wissen über sich und die Welt zu erhalten. Kategorien neu denken, neu besetzen, neu erarbeiten. Oder in ihren Worten: «Ich will das Wilde, das Unbändige, das Vergängliche in meiner Kunst zelebrieren.»

An der Verleihung des Schweizer Performance-Preises wird Knecht Blutwürste machen. «Eigentlich darf man sowas im Tinguely nicht. Irgendwas mit der Hygiene. Die haben schon angerufen und mich darüber informiert.» Sie lacht und blickt zu den Geissli, die sich neben ihr einen spielerischen Hörnerkampf liefern. «Ich hab ihnen gesagt: ‹Ihr findet schon eine Lösung.›»

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1