Ein Bilderbuchtag mit blauem Himmel und sommerlichen Temperaturen. Die Helfer, die rund ums Opernhaus arbeiten, schwitzen, als sie den roten Teppich ausrollen: Ohne den geht es aber nicht, denn bald wird das Festival Odessa Classics eröffnet.

Wie in den letzten Jahren wird der Pianist und Gastgeber Alexey Botvinov am Eingang des wunderbar renovierten Opernhauses – das Meisterwerk der Architekten Fellner und Helmer – stehen und jeden Besucher so herzlich begrüssen, als ob dieser ein Stammgast wäre.

Dabei ist das Klassikfestival in der ukrainischen Hafenstadt am Schwarzen Meer noch jung.

Der Pianist hat Odessa Classics 2015 zu einer Zeit gegründet, als der bewaffnete Konflikt in der Ostukraine aufflammte. «Plötzlich war der Krieg da», erzählt Botvinov und spricht von seinem Schmerz und seiner Trauer über die vielen Menschen, die gestorben sind.

Pianist Alexey Botvinov und das Zürcher Kammerorchester in der Philharmonie.

Pianist Alexey Botvinov und das Zürcher Kammerorchester in der Philharmonie.

Damals habe er sich überlegt, was er tun könne, um dem Krieg etwas entgegenzuhalten. Musik! Ein Klassikfestival in Odessa – der Stadt, die von vielen Völkern, Religionen und Kunst geprägt ist.

Freunde rieten dem Musiker von einem «völlig unrealistischen Vorhaben» ab. Doch Botvinov machte sich an die Arbeit und erschuf ein primär von Privaten, mittlerweile auch von der Stadt Odessa und der Region finanziertes Festival, das innert Kürze zu einer feinen Adresse für Klassikliebhaber geworden ist. Diese reisen immer öfter auch aus dem Ausland an.

Dass Schweizer der üppig begrünten Millionenmetropole verbunden sind, hat mit dem Gastgeber zu tun: Alexey Botvinov gastiert oft in der Schweiz und vor allem in Zürich; er ist eine unverzichtbare Stütze vieler Ballette des Choreografen Heinz Spoerli, und er spielt mit dem Zürcher Kammerorchester, dessen künstlerischer Leiter, Daniel Hope, nun Artist in Residence bei Odessa Classics ist.

Der dreimalige Auftritt des Zürcher Kammerorchesters im Opernhaus, der Philharmonie und am Fuss der Potemkinschen Treppe, die Sergej Eisenstein im Film «Panzerkreuzer Potemkin» berühmt gemacht hatte, steht beispielhaft für ein Festival, das in mancherlei Hinsicht aussergewöhnlich ist.

Das Zürcher Kammerorchester spielt für das Publikum auf der Potemkinschen Treppe.

Das Zürcher Kammerorchester spielt für das Publikum auf der Potemkinschen Treppe.

Ob Oper, neugotisch-orientalische Philharmonie oder Potemkinsche Treppe: Alle Schauplätze sind eine Augenweide. Auf der Treppe sitzen etwa 10'000 Besucher auf den Stufen, um zu hören und zu sehen.

Das Zürcher Kammerorchester, Daniel Hope und Alexey Botvinov spielen Ohrwürmer von Grieg, Vivaldi, Rachmaninow und Gershwin und werden von Videos auf Grossleinwand unterstützt. Muss das sein?, fragt man sich zu Beginn. Hat man aber das erste, bildlich untermalte Stück gehört, sagt man sich: Ja, das muss sein. Das kostenlose Konzert direkt am Meer ist ein opulentes Spektakel und soll genau als solches wahrgenommen werden.

Einzigartiges Publikum

Jedenfalls wirkt der Publikumsaufmarsch beflügelnd auf das Zürcher Kammerorchester, das auch andernorts gefeiert wird. Richtig: gefeiert. Das Publikum feiert, weil es kein Konzert als selbstverständlich betrachtet.

Eines, so Botvinov, dürfe man nie vergessen: «Die Ukraine wurde 1991 unabhängig. Aber seither kamen keine grossen Künstler aus dem Ausland in unser Land. Künstler und Komponisten, die Westeuropäern längst bekannt sind, sind Ukrainern oft kein Begriff. Wie etwa Komponist Erwin Schulhoff.»

Deswegen versucht Botvinov die Balance zwischen Bekanntem und Unbekannterem zu halten. Stars seien für das ukrainische Publikum auf jeden Fall wichtig: «Es hat sie in der jüngeren Vergangenheit verpasst – nun soll es sie kennen lernen dürfen.» Etwa die Pianisten Cyprien Katsaris und Pietro De Maria, das Michael-Guttman-Quartett oder das Maisky Trio.

Dass der in Riga geborene Cellist Mischa Maisky das erste Mal in der Ukraine auftritt, will man gar nicht glauben. Vergegenwärtigt man sich aber die einstigen schwierigen politischen Verhältnisse, leuchtet die Absenz ein. Doch nun ist er mit Tochter Lily und Sohn Sascha da – und spielt in der ausverkauften Philharmonie vor einem Kenner-Publikum, das hungrig nach Musik ist.

Abschlusskonzert mit dem Maisky Trio in der Philharmonie Odessa.

Abschlusskonzert mit dem Maisky Trio in der Philharmonie Odessa.

Kinder, junge und ältere Menschen hören mit einer Konzentration zu, die sich mancher Konzertveranstalter in Westeuropa wünschte. Selbst den Miniaturen für Klarinette (Julian Milkis) und Klavier (Polina Osetinskaya) des Georgiers Gija Kantscheli lauschen die Zuhörer mit einer Intensität, die das Konzert zum Erlebnis macht.

Wer Musiker darauf anspricht, bekommt jeden Abend dasselbe zu hören: «Dieses Publikum ist einzigartig.»

Was also zeichnet Odessa Classics aus? Der Zusammenklang von Stadt, Musik und Publikum. Die diesjährige, wiederum erfolgreiche Ausgabe bestätigt und ermutigt Alexey Botvinov in seinem Vorhaben, zu expandieren. 2020 dauert das Festival erstmals zwölf Tage – weitere Verlängerungen sind geplant.

Denn Alexey Botvinov hat einen Traum: «Odessa soll zu einem Salzburg für Osteuropa werden.»