Unser Ableben ist eine unangenehme Sache. Wir sind alle früher oder später davon betroffen. Wenn wir nicht an festgeschriebene Vorstellungen einer Religion glauben, bleibt der Tod ein rätselhafter, zuweilen erschreckender Vorgang. Die Basler Choreografin Tabea Martin macht dieses Unbehagen zum Thema einer Trilogie. 2018 zeigte sie «This is my last dance», eine Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit des eigenen Körpers. 2020 wird sie sich mit dem Projekt «Nothing left» dem Tod der Mitmenschen annähern. Im mittleren Teil mit dem Titel «Forever« geht sie nun der Frage nach, welche Vorstellungen Kinder mit dem Sterben verbinden.

Die Choreografin begann sich vor einigen Jahren intensiv mit dem Thema zu befassen. «Damals stellte ich fest, wie unbeholfen unsere Gesellschaft mit dem Thema umgeht», sagt die 40-Jährige. «Es wird an den Rand gedrängt. Alles muss schnell und möglichst effizient organisiert werden.» Unsere säkulare Gesellschaft lasse der Trauerarbeit keinen Platz. Die Frage, warum das so ist, treibt sie seither um.

Wie die Angst entsteht

Für ihre aktuelle Arbeit hat Martin mit den Kindern dreier Basler Primarschulklassen zusammengearbeitet. Sie hat sich mit Schülerinnen und Schülern zum Thema Sterben und Jenseits ausgetauscht. Das Material diente ihr als Ausgangslage für das Stück «Forever». Die Kinder sind zwischen acht und elf Jahre alt. Sie haben die Proben besucht und werden auch die Vorstellungen sehen.

Der ungewöhnliche Austausch hat interessante Resultate zutage gefördert. Kinder hätten im Grunde einen selbstverständlichen Umgang mit dem Tod, so Martin. Einige seien bereits damit konfrontiert worden, erzählen vom Sterben des Haustiers oder der Grosseltern. Tabea Martin gewann in diesen Gesprächen den Eindruck, die Kinder würden den Tod eher als Teil der Natur akzeptieren. «Er gehört dazu, wie alles andere, und ist noch nicht vorbelastet. Das Bewusstsein der eigenen Endlichkeit ist aber durchaus schon da.»

Die Gespräche waren jedoch nicht nur todernst wie das Thema. Auf die Frage, wie sie sich das eigene Sterben vorstellen, antworteten viele: «Durch Mord!», durchaus begleitet von Lachen.

Interessant ist, wie sich die Jenseitsvorstellungen der Kinder entwickeln. «Die Kleineren berichten von fantastischen Welten, in welchen die Familie zusammenkommt, Häuser sich von selbst bauen, Objekte herumfliegen, Tiere sprechen können», erzählt Martin.

Dieser unbeschwerte, fantasievolle Zugang verändere sich, je älter die Kinder werden. «Plötzlich manifestieren sich klare Bilder. Einige Kinder sagten mir, sie hätten Angst etwas falsch zu machen, zum Beispiel schlechte Schulnoten, weil sie dann ja nicht in den Himmel kommen würden», so die Choreografin.

Sie selbst wurde nicht religiös erzogen, Es gehe ihr aber auch nicht um ein Urteil über Religion. «Ich finde, Kindern sollte die ganze Bandbreite an Jenseitsvorstellungen gezeigt werden. Sie dürfen wissen, dass es ganz unterschiedliche Modelle gibt.»

Sie selbst plädiert für den bewussten Umgang mit unserem Nichtwissen. «Ich denke, wir brauchen nicht auf alles eine klare Antwort. Wir konstruieren Bilder, um mit unserer Unwissenheit umzugehen. Doch diese Vorstellungen bleiben eben nur Vorstellungen.»

Zwischen Betroffenheit und Humor

Wie aber kommen die Gedanken der Kinder auf die Bühne? Aus dem Material und über Improvisationen hat die Choreografin mit zwei Tänzerinnen und drei Tänzern ein Labor zum Thema Tod entwickelt. Dessen Personal ist unsterblich, so die Annahme – und hat deshalb die Möglichkeit, Mutmassungen rund um den Tod unvoreingenommen zu umspielen. «Sie versuchen eine Stunde lang, dem Tod auf die Schliche zu kommen, was natürlich zum Scheitern verurteilt ist», erklärt Tabea Martin. Sie arbeite in diesen choreografischen Miniaturen mit Bewegung, mit Sprache, mit Bildern, die auch Vieles offenlassen würden.

Daraus entsteht bis zur Premiere eine Performance für ein Publikum ab acht Jahren. Die Schwierigkeit bestehe darin, die richtige Balance zwischen Ernst und Ironie zu finden, sagt Martin. «Wir suchen mitunter nach Leichtigkeit in diesem schweren Thema. Sterben ist ja nicht nur elend. Es kann auch schön, erlösend, erleichternd sein.»

 

«Forever» Donnerstag, 21. März, bis Sonntag, 24. März. Kaserne Basel. Infos unter www.kaserne-basel.ch