Fast alles, was in der Literatur der Welt zu lesen sei, beschreibe Varianten menschlichen Versagens, lässt der britische Erfolgsautor Ian McEwan in seinem neuen Roman «Maschinen wie ich» einen Androiden klagen. Und dieser folgert: «Ist die Vereinigung von Männern und Frauen mit den Maschinen erst komplett, wird diese Art Literatur überflüssig werden. Wir werden in einer geistigen Gemeinschaft leben und zu jedem Kopf unmittelbaren Zugang haben. Die Vernetzung wird so weit gehen, dass die individuellen Knotenpunkte der Subjektivität sich auflösen in einem Ozean von Gedanken, wofür das Internet nur ein kruder Vorläufer ist. Unsere Literaturen verlieren ihren ungesunden Nährboden. Der lapidare Haiku, die stille, klare Wahrnehmung und Feier der Dinge, wie sie sind, wird die einzige noch notwendige Form sein.»

Verschobene Realität

McEwans neuer Roman handelt allerdings genau von diesem «ungesunden Nährboden». Charlie Friend, ein etwas verlorener 32-Jähriger, der seinen Lebensunterhalt als Kleinspekulant vor dem Heimcomputer mehr schlecht als recht verdient, erbt genug Geld, um sich ein schönes Haus und damit die entsprechende Frau und Zukunft zu kaufen. Aber Charlie ist ehemaliger Anthropologe und ausserdem an Elektronik interessiert, was ein bisschen aufs Selbe hinausläuft, und so kauft er sich mit dem Geld einen hoch entwickelten Androiden.

Es sind die 1980er-Jahre einer etwas verschobenen Realität, in der England den Krieg um die Falklandinseln verloren hat, Margaret Thatcher ihr Amt deswegen abgeben musste, ihr Labour-Nachfolger Tony Benn in einem Hotelbett mit einer Bombe in die Luft gesprengt wird und die Beatles ihre Wiedervereinigung feiern, vor allem aber der Computerpionier Alan Turing noch lebt – in Wirklichkeit war Turing wegen seiner damals noch als Straftat verfolgten Homosexualität 1954 in den Selbstmord getrieben worden. In McEwans Version entschied er sich fürs Gefängnis. Dort fand er Ruhe und Konzentration, um die Entwicklung künstlicher Intelligenz einen entscheidenden Schritt voranzubringen. Sodass 1982 eben zwölf künstliche Adams und dreizehn Evas auf den Markt kommen, die den Menschen täuschend ähnlich sind.

Einen solchen Adam bringt Charlie nach Hause, und da scheint es, seine Träume von Frau und Zukunft könnten doch noch aufgehen. Dank Adam erkennt er in seiner Nachbarin Miranda seine grosse Liebe und beschliesst, den Roboter zu ihrem gemeinsamen Projekt zu machen, gewissermassen zu ihrem Kind. Miranda soll sich hälftig bei den Feineinstellungen der Programmierung seines Androiden beteiligen – wie wenn sie beide hälftig den eigenen Chromosomensatz weitergeben würden. Aber Adam ist kein Kind. Er lässt sich zwar brav als Haushaltshilfe einspannen, doch bald schon weist er Charlie auf ein dunkles Geheimnis von Miranda hin, sticht ihn bei ihr im Bett und beim Besuch des Schwiegervaters in spe dort mit Shakespeare-Zitaten aus, und natürlich erzielt er am Computer auch ein Vielfaches von dessen Börsengewinnen.

McEwan erzählt jedoch nicht wirklich eine Science-Fiction-Geschichte. Das Lebensgefühl seiner alternativen Realität – Spaltung der Gesellschaft, Abkapselung von Europa, allgemeine Depression – erinnert stark an die heutige Zeit. In Interviews kokettiert der Autor damit, er habe sein Setting in den Achtzigerjahren aus praktischen Gründen gewählt, um nicht eine Zukunft erfinden zu müssen. Ausserdem habe er Turing glaubhaft bis in diese Zeit hinein fortleben lassen können. Tatsächlich sind es vor allem die moralischen Fragen des Zusammenlebens von Mensch und menschenähnlichen Maschinen, die McEwan im engen Setting des Ménage-à-trois raffiniert auffächert und in den Vordergrund stellt. Kann Materie ein Bewusstsein haben, vielleicht gar Gefühle? Wie sehr gehört ein Android uns, wenn wir ihn gekauft haben? Und: Dürfen wir einen Androiden einfach so umbringen? Und vor allem: Wenn ein Android menschenähnlich ist, Gefühle täuschend echt simuliert oder sogar wirklich besitzt, was macht das mit uns?

Höhere Gerechtigkeit

Richtig kompliziert wird die Geschichte, als der kleine, von seinen Eltern vernachlässigte Junge Mark ins Spiel kommt, Miranda diesen adoptieren will und zugleich die Vergangenheit mit einem Verbrechen und einer Abrechnung in die Gegenwart drängt. Hier lässt McEwan die ungeheure Potenz der Maschine am spielerischen Lernen des Kindes und an der menschlichen Moral, die manchmal auch eine höhere Form der Gerechtigkeit kennt, auflaufen.

Der britische Erfolgsautor schreibt mit gewohnter Eleganz und raffiniert lässt er aus seinen Verwicklungen die entscheidenden Fragen herauswachsen. Und doch wirkt der Roman etwas blutleer. Charlie als Erzähler redet ein bisschen zu viel und zu ausformuliert, die eher verstockte Miranda rollt unverhofft flüssig ihre Vorgeschichte auf und auch Turing tritt eher als dozierender Deus ex Machina auf denn als Figur, was dem Roman etwas thesenhaft Arrangiertes verleiht. Adam, die Maschine, wirkt am beunruhigendsten und damit auch am lebensechtesten. Ein Paradox – denn letztlich erzählt Ian McEwan im Buch davon, was Menschen ausmacht – im Leben und in der Literatur. So lässt sich die verschobene Realität der 1980er-Jahre auch als Metapher für die Unberechenbarkeit lesen: die Fragilität der Wirklichkeit, die sich durch minimale Regler verschieben lässt, in allen Varianten menschlichen Versagens.

Ian McEwan «Maschinen wie ich», Diogenes, 416 Seiten. Erscheint am 22.5.