Beim Eintreten fällt zunächst viel Leerraum auf. Überkopfhoch aufgehängt schauen vier Wasserspeier aus Beton auf einen herab. Ihre Gesichter sind zu Grimassen verzerrt, die Hände halten sie an den Wangen. Schweinsähnlich die Nase und an der Stirn die Andeutung von Hörnern. Halb Mensch, halb Tier befindet sich ihr Ausdruck irgendwo zwischen spöttisch und angsteinflössend. Während man sich über die Wasserspeier wundert, wird man sich eines rhythmischen Summens bewusst. Der Blick wandert. Fast versteckt, in der Ecke gleich neben dem Eingang, ragt eine weiss-irisierende Lampe hüfthoch und elliptisch aus der Wand. Beim näher Herangehen erkennt man auf dem Schirm eine konvexe Spiegelung von sich selbst und dem Raum hinter sich.

Das Aussen wird zum Innen

Die Urheberin dieser dreiteiligen Installation im Aargauer Kunsthaus ist Marie Matusz. Sie ist Gast von Caravan, der Ausstellungsreihe für junge Kunst. Matusz ist 1994 in Toulouse, Südfrankreich geboren und hat in Genf und Basel Kunst studiert. An ihrem Äusseren wirkt nichts zufällig: Kleidung und Haare sind dezent inszeniert. Im Gespräch zeigt sich die Tiefe, mit der Matusz über das Leben und ihre Kunst nachdenkt: Für ihre Werke zieht sie Quellen aus Philosophie und Kunstgeschichte herbei, um sie gegenwartsbezogenen Themen wie der Wirtschaft und der modernen Architektur gegenüberzustellen.

In der aktuellen Installation steht das urmenschliche Bedürfnis nach Schutz im Vordergrund. Symbolisiert wird dies durch die Betonskulpturen, für die sich Matusz unter anderem von gotischen Wasserspeiern hat inspirieren lassen. Diese findet man normalerweise an den Fassaden mittelalterlicher Kirchen, wo sie das Böse abwehren sollen. Matusz stülpt das Aussen nach innen, «wie wenn man einen Handschuh auszieht», und steckt ihre Wasserspeier in das Untergeschoss des Museums, wo sie in Zeiten von Big Data die Frage aufwerfen: Wer beschützt uns eigentlich noch?

Verkleinert und in Beton gegossen verlieren die Wasserspeier ausserdem ihre Einzigartigkeit. Anhand dieser Aspekte reflektiert die Künstlerin die heutige Industrie, die das Bedürfnis nach Schutz durch Massenproduktion befriedige. Weiter werden die Wirkung des Objekts ausserhalb seines ursprünglichen Kontexts und der Verlust seiner Funktion thematisiert. Bei all diesen düsteren Aspekten wirkt der Titel unerwartet hoffnungsvoll und heisst zu Deutsch: «Der dunkelste Moment der Nacht ist gleichzeitig der dem Tag am nächsten liegende».

Interaktion mit dem Raum

Den zweiten Teil der Installation bildet ein Klangteppich aus binauralen Beats und Sufi-Klängen, welcher eine «Gegenüberstellung von zeitgenössischen Themen mit etwas sehr Altem, Klassischem» darstellt, so Matusz. Binaurale Beats sind Schwingungen, die erst im Gehirn Töne erzeugen – eine akustische Täuschung, die heute unter anderem zur Entspannungsförderung eingesetzt wird. Sufismus ist eine alte spirituelle Praxis, die die Suche nach Erlösung durch Religiosität symbolisiert. Beide Klangelemente thematisieren die Beziehung zwischen Körper, Geist und Raum sowie das menschliche Bestreben nach Balance oder, wie Matusz sagt: «Diese Suche nach etwas, was eigentlich schon in uns drin ist.»

Die Lampe, die den Raum hinter einem zeigt, steht für die Angst vor Kontrollverlust und bewirkt eine neue Anordnung der Objekte im Raum. Durch die Spiegelung wird die Betrachterin sich ihrer selbst und ihrer interaktiven Rolle in der Installation bewusst.

Bei allen konzeptuellen Überlegungen bleibt Kunst für Matusz ein Weg, in Dialog zu treten. Deshalb spielt auch die erlebbare, sinnliche Ebene eine wichtige Rolle in ihren Installationen. Wer sich für die dahinterstehende persönliche Auseinandersetzung der Künstlerin mit den Themen interessiert, findet ergänzende Informationen in der aufliegenden Broschüre. Ausserdem von Interesse: Am Sonntag, 14. April, trifft sich die Künstlerin unter anderem mit der Kunsthistorikerin Beate Fricke, um über architektonische Symbole und auditive Raumerfahrungen zu diskutieren. Die Diskussion findet auf Englisch statt.

Marie Matusz The darkest moment of the night is at the same time the closest to the day. Aargauer Kunsthaus, bis 28. April.