Er sei Schriftsteller geworden, um der Kontrolle des Dorfs zu entkommen, hat Wolf Haas einmal gesagt. Für sein neues Buch ist der österreichische Autor in das Dorf seiner Jugend zurückgekehrt: «Junger Mann» (Hoffmann und Campe) vermischt munter Autobiografisches und Ausgedachtes zu einem Roman über erste Liebe und das Aufeinanderprallen von Jugend- und Erwachsenenwelt mit einem Road-Movie auf dem Balkan. Im Interview erzählt der österreichische Autor von der Lust des Weglassens, den Mühen des Schreibens und den Tricks, mit denen er seine Bücher am Krawattl zu fassen bekommt.

Im Gegensatz zu Ihren früheren Büchern ist «Junger Mann» ziemlich direkt erzählt. Wie kam das?

Ich hätte es langweilig gefunden, schon wieder eine spektakuläre Erzähl-Konstruktion zu basteln. Mich hat interessiert, wie ich mit einer relativ einfachen Erzählform umgehe. Und was sich daraus für eine Geschichte ergibt.

Und ging das gut?

Anfangs schwer. Was mich am Bücherschreiben am meisten interessiert, ist der Tonfall. Weils mich sonst gar nicht interessiert, das Schreiben. Bei diesem Buch hat am Anfang der Stil oder Tonfall von Kapitel zu Kapitel völlig gewechselt. Erst langsam hat sich ein Sound rauskristallisiert, der zur Geschichte passt.

Ein wiederkehrender Satz lautet: Rückwärts durch die Knie betrachtet war die Welt immer am interessantesten. Beschreibt das die Haltung, in der Sie das in Teilen autobiografische, rückblickende Buch angegangen sind?

Lustig, dass Sie das sagen. Weil ich mich, als das Buch fertig war, selber gefragt habe, wodurch sich dieser Stil für mich ergeben hat. Und da hab ich Analogien zum Inhalt entdeckt.

Zum Beispiel?

Im Buch gibt es immer wieder das Thema der Lücke: Den Tag, an dem man in der Energiekrise nicht Autofahren durfte, den Tag, an dem der Icherzähler wegen seiner Diät nichts essen darf – und so weiter. So ähnlich ist mir mein Stil vorgekommen: Ein Weglassen von vielen Dingen, die man auch noch hätte erzählen können. Die Personen werden kaum beschrieben, sondern entstehen fast nur aus den Dialogen.

Ist Weglassen nicht das Wichtigste, damit aus Erlebtem keine ermüdende Autobiografie entsteht?

Ich hatte Angst, dass ich abdrifte, im Sinne von: Jetzt schreibt auch der Haas noch seine Jugendmemoiren. Wenn Leute in allen Details erzählen, wie das Leben in ihrer Jugend war, bekommt das schnell eine befremdliche Vintage-Selbstzufriedenheit.

Sie haben mal gesagt, das Schöne am fiktionalen Schreiben sei, tun zu können, was man wolle. Ist es keine Einschränkung, mit autobiografischem Material zu arbeiten?

Ich empfinde Einschränkungen als beflügelnd. Nur waren es bislang formale, keine inhaltlichen. Bei den Brenner-Büchern ist es so, dass der Erzähler ein so eingeschränktes Vokabular hat, dass er bestimmte Dinge nicht ausdrücken kann. Und ich einen Weg finden musste, ihn die Geschichten trotz oder gerade mit dieser Hürde erzählen zu lassen. Aber das Autobiographische ist natürlich haarig.

Inwiefern?

Das Buch ist teils Erinnerung, teils erfunden und dann wieder sehr autobiografisch. Aber eigentlich ist es vollkommen uninteressant, was daran autobiografisch ist und was nicht.

Weshalb?

Auch beim autobiografischen Schreiben entwickeln sich die Dinge weg von der Vorlage – das Authentische an einem Roman beruht nicht in erster Linie auf der faktischen Korrektheit.

Wie identisch ist der reale Autor Wolf Haas mit den gleichnamigen Protagonisten in seinen Büchern?

Aspekte einer realen Figur können in mehreren fiktiven Figuren stecken. Sogar in der Literaturbeilagen-Dame beim Wetter vor 15 Jahren steckt fast ebenso viel «echter» Wolf Haas wie im gleichnamigen Autor.

Warum dann überhaupt semi-autobiografisch und nicht gleich fiktiv?

Mich hat interessiert, was das Autobiografische beim Schreiben mit mir macht.

Was hat es gemacht?

Ich komme aus ländlichen Kreisen, in denen nicht gelesen wurde. Bin aber Schriftsteller. Das ist eine interessante Konstellation. Für mich war immer die Frage, wie ich damit umgehe: Leugne ich das oder wende ich mich dem zu? Das ist ein Prozess, der immer wieder was abwirft. Beim Brenner zum Beispiel die Sprache: Die Krimis sind zwar komplett erfunden, aber insofern sehr autobiografisch, weil ich mich da mit der Sprache meiner Kindheit auseinandersetze. Aber der Brenner-Stil ist immer in ironischer Distanz. Das ist zwar lustig, aber als Schreibhaltung auch ein bisschen feige.

Weshalb feige?

Weil man immer der Chef beim Erzählen ist, solange man in ironischer Distanz bleibt.

Im neuen Buch ist der Tonfall ein anderer.

Ein versöhnlicher. Ich hatte Lust, alles mal von der netteren Seite anzuschauen. Nicht mit dem manchmal brutalen Humor der Brenner-Krimis. Eine interessante, fast schizophrene, aber schöne Erfahrung beim Schreiben war auch, dass ich als Autor dem jugendlichen Ich Gutes tun konnte.

Blickt man mit Ende 50 anders auf seine Jugend als mit 30?

Wenn man älter wird, ist es einem nicht mehr so wichtig, gut dazustehen. Ich hab› heute viel weniger ein Problem damit, Schwächen zu offenbaren. Zum Beispiel, dass ich als Jugendlicher wegen meiner Frisur und rundlichen Figur oft für ein Mädchen gehalten wurde.

Im Buch sogar von Elsa, der Angebeteten.

Als Dreissigjähriger hätte ich noch Probleme gehabt, das zuzugeben. Auch, dass ich ein nur wenig schillernder Jugendlicher war.

Es geht im Buch auch um den Schrecken und die Schönheit der Pubertät.

Ich hab beim Schreiben oft an ein Buch von Hubert Fichte denken müssen. Beziehungsweise an den Titel, weil ich das Buch leider nie gelesen habe: Versuch über die Pubertät. Für Erwachsene ist sie ja seltsam ungreifbar – obwohl sie jeder durchgemacht hat.

Es gibt ja von Anton Kuh das schöne Zitat, dass jeder mit 18 ein Genie und mit 28 ein Redakteur sei.

Ich glaube, dass jeder mit 13 ein Genie war. Weil man da noch so schön unerfahren ist und sich noch nicht in die angeblich bessere Einsicht der Erwachsenenwelt gefügt hat. Und alles unbedingt haben will – egal, wie unrealistisch das sein mag.

Sogar eine Frau, die ein bisschen zu alt, ein bisschen zu schön und ein bisschen zu verheiratet für den 13-Jährigen ist – wie es im Klappentext heisst.

Das kann ja nicht von Erfolg gekrönt sein – aber ist auch das Charmante daran. Was soll das für eine Liebe sein, wo man das machbare Projekt verfolgt?

Es gibt auch die selbstzerstörerische Seite der Pubertät.

Die mein Protagonist am eigenen Leib erfährt. Zum Beispiel die Lust an der Sportverletzung, auch wenn er gar kein grosser Sportler ist. Oder am Risiko nach dem Motto: Wie weit kann ich mich herauslehnen, bis ich aus dem Fenster falle?

Sie scheinen etwas für Kontrollverlust und Risikofreude übrig zu haben.

Jedenfalls beim Schreiben. Da erlebe ich oft den Zwiespalt, dass ich alles ganz rational durchdenken könnte. Es aber besser ist, wenn ich mir einen Teil des Schreibens unerklärt lasse.

Warum?

Weil es uninteressant wäre, nach Rezept zu schreiben. Ich glaube, dass es gut ist, wenn man sich beim Schreiben nicht zu sehr kontrolliert. Damit auch die Ströme des Unbewussten zur Geltung kommen und nicht gleich zensuriert werden.

Was fällt schwer beim Schreiben?

Mich für einen Text zu entscheiden. Man könnte paradoxerweise fast sagen, dass ich ein bisschen zu verträumt bin für einen Schriftsteller. Und zu wenig produktorientiert. Ich bin manchmal wie ein Lied von Elvis Costello: Everyday I Write the Book. Aber eben nur im Überlegen.

Dass Sie schon elf erfolgreiche und zum Teil verfilmte Bücher veröffentlicht haben, beflügelt Sie nicht?

Vergangene Bücher sind vergangen. Sie wecken eher Erwartungen, die mich blockieren. Und dann muss ich sehr viel Aufwand treiben, sie zu vergessen.

Wie?

Diesmal mit einem Trick: Ich habe mir eingeredet, dass ich das Buch unter Pseudonym veröffentliche. Und plötzlich ging es mir viel besser von der Hand. Am Ende war natürlich klar, dass das leider nicht möglich ist. Die vielen biografischen Bezüge wären sofort bemerkt und ich enttarnt worden. Aber vielleicht mache ich das mal bei einem anderen Buch.

Hatten Sie mal den Wunsch, Musiker zu werden?

Nein. Warum?

Weil Ihnen Sound so wichtig ist.

Ich habe als Student immer gern die These vor mir hergetragen, dass alle guten Schriftsteller eigentlich Musiker sind. Und da ist ja auch was dran: Jelinek hat Musik studiert, Thomas Bernhard auch. Ich glaube, dass man einen besonderen Zugang zum Schreiben hat, wenn man musikalisch ist. Ich bin leider unmusikalisch, hoffe aber, dass man das meinen Büchern nicht zu sehr anmerkt.