Dürfen Freilichtspiele mehr sein als leichte Kost für den lauen Sommerabend? Nach der Premiere von Shakespeares «Wie es euch gefällt» im Kloster Wettingen wird die Frage heftig diskutiert. Freilichttheater soll Volkstheater sein, allen zugänglich, allen verständlich. Das hat aber nichts mit Betulichkeit zu tun; Volkstheater ist mehr als der «Komödienstadel». Es darf anspruchsvoll sein, inhaltlich und formal. Und es darf alle Bereiche des Lebens umfassen, auch die tabuisierten. Gerade Obszönitäten gehörten schon immer zum Volkstheater, in den mittelalterlichen Osterspielen ebenso wie in der Commedia dell’arte.

Ein Stück Literaturgeschichte

Nach Wettingen hatte nun das Spiel im Hof des Klosters Muri Premiere und auch hier blieb es nicht bei harmloser Unterhaltung. Das Stück «la mih beruoren dich», das der versierte Theaterautor Paul Steinmann und die Regisseurin Barbara Schlumpf gemeinsam für Muri verfasst haben, behandelt existenzielle Themen. Die Grundlage bildet das um 1250 entstandene Osterspiel von Muri, aus dem auch der Titel stammt. «la mih beruoren dich» bittet Maria Magdalena, als ihr der auferstandene Christus erscheint. Der Satz umreisst aber auch das erklärte Ziel der Aufführung: das Publikum zu berühren.

Das erste Theaterstück in deutscher Sprache – alemannischem Mittelhochdeutsch – ist nicht nur ein Monument der Literaturgeschichte, sondern auch ein vitaler Bühnentext, in dem die Geschichte der Auferstehung Christi mit derb-komischen Szenen durchsetzt ist. Eine der Hauptfiguren ist ein Krämer, der vor allem Aphrodisiaka führt, etwa ein Mittel «für den Mann, der fünfmal will und einmal kann» – die Mönche von Muri fanden offenbar nichts dabei, die Heilsgeschichte mit Obszönitäten zu würzen.

Im Gegensatz zu Wettingen treten in Muri Laien auf und sie spielen und sprechen ausgezeichnet. Einzig der Chor der Armen Seele fällt auseinander und bleibt unverständlich. Da muss man andere Lösungen finden.

Chaos während Theaterproben

Steinberger und Schlumpf spielen nicht brav das Stück nach, sondern lassen Menschen von heute über seine Botschaft diskutieren. Dafür haben sie eine Situation gefunden, die geschickt den Kontext der Aufführung aufnimmt: Ein Laienensemble probt im Klosterhof von Muri das Osterspiel und reibt sich in unterschiedlicher Weise am Text. Der Bühnenbildner Peter Scherz hat die ganze Spielfläche mit Spiegelfolie belegt. Mittendrin liegt die Hölle als Kreis von Hunderten von Schuhen.

Die charakterisierenden Kostüme hat Madlaina Capatt geschaffen. Auf einer Seitenempore sitzt eine Live-Band um den Pianisten Jimmy Gmür. Die Probe aber verläuft chaotisch. Der Regisseur besäuft sich in der nahen Beiz, der Christus-Darsteller versumpft ebenfalls. Die Darsteller meutern, immer wieder gibt es Pannen. Die Regieassistentin (die fulminante Petra Koch) ist am Rand des Nervenzusammenbruchs und versucht verzweifelt, die Lage zu retten. Genau so stellt sich Klein-Erna das Theater vor. Die Gags sind altbekannt, die Situationen wiederholen sich – hier hätte man massiv kürzen dürfen.

Die Greisin und ihre Doubles

Im Rahmen der Probe werden auch die Szenen des mittelalterlichen Spiels, teilweise in Neuhochdeutsch übersetzt, aufgeführt. Dabei zeigt sich, dass der abwesende Regisseur offenbar mässig talentiert ist. Wie er etwa den Krämer tänzeln und bei jedem Satz eine neckische Drehung machen lässt, erinnert an Operette in der tiefsten Provinz. Trotzdem macht Erwin Egloff aus der Figur ein Kabinettstück feiner Komik.

Dazwischen sprechen die Darsteller auf der «privaten» Ebene über den Inhalt des Stücks. Die christliche Fundamentalistin versucht die Atheistin zu überzeugen. Hansjörg (Hansjörg Gygli) wirft Gott den Tod seines Sohns vor und Bedes (Bedes Eymann) erzählt leise und eindringlich von seiner eigenen Auferstehung, als er nach fünf Jahren aus dem Gefängnis entlassen wurde. In solchen Momenten wird es ganz still im Publikum.

Die Probe wird schliesslich gestört durch die verwirrte Greisin Sophie. Sie hat bei der letzten Aufführung des Osterspiels vor 40 Jahren (die tatsächlich stattgefunden hat) die Maria Magdalena gespielt und sich dabei in den Christus-Darsteller Ernst verliebt, später aber Otti geheiratet, weil sie von ihm schwanger war. Sie stirbt auf dem Klosterplatz. Was nun folgt, eine Phantasmagorie mit surrealen Bildern, kann als ihre Vision im Augenblick des Sterbens gedeutet werden: Sie begegnet sich selbst in mehreren, unterschiedlich alten Doubles; sie trifft Ernst und Otti wieder, die beide schon gestorben sind; sie bittet erneut als Magdalena Christus-Ernst «la mih beruoren dich» und wird vom Tod zum letzten Tanz aufgefordert.

Projektionen in leuchtenden Farben erhellen nun den Platz und die Palastfassade dahinter; die Band, die im ersten Teil eine Art Klezmer-Jazz gespielt hat, lässt nun psychedelischen Rock dröhnen. Das ist sehr eindrücklich, doch auch hier können Autor und Regisseurin kein Ende finden. Trotzdem bejubelte das Premierenpublikum am Schluss alle Mitwirkenden – die Aufführung hat offenbar berührt.

Freilichttheater im Klosterhof in Muri vom 23. Juli bis 30. August, Muri Info: 056 670 96 63, www.murikultur.ch