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Kaninchen aus Deptford – Kinder sind nüchtern denkende Biester

Kleinen Kindern sei es egal, wo das Kaninchen auftaucht. Sie interessieren sich vor allem für das Kaninchen. Archiv

Kleinen Kindern sei es egal, wo das Kaninchen auftaucht. Sie interessieren sich vor allem für das Kaninchen. Archiv

Zu Zeiten, als die Schweiz noch in hohem Ansehen stand, gerierte ich mich überaus kritisch meinem Land gegenüber. Jetzt, wo die Schweiz als Land der Bankster verschrien ist, habe ich mich zum Kryptopatrioten gemausert. Das merke ich unter anderem daran, dass es mir warm ums Herz wird, wenn immer ich in der weiten Welt der Literatur auf Passagen stosse, die von der Schweiz handeln.

Zuletzt in der Deptford-Trilogie des kanadischen Autors Robertson Davies. In «World of Wonders» (1975) erzählt Paul Dempster, der als Kind von zu Hause ausgerissen ist, um mit einem Variété-Theater zu tingeln, und es schliesslich zum gefeierten Magier brachte, seine Lebensgeschichte. An einem bestimmten Punkt seiner Laufbahn – er kannte sich sehr gut aus in der Mechanik von Uhren – erhielt er eine Anstellung beim Musée d’Art et d’Histoire in Genf und später bei einem Uhren-Industriellen in St. Gallen. Er sagte sich Ende der Dreissigerjahre, im Falle eines Kriegs sei es am besten in der neutralen Schweiz. Das habe sich als richtig herausgestellt. Es habe zwar Engpässe in der Versorgung gegeben, Probleme mit Spionen, Bombardierungen, die als versehentlich dargestellt wurden und es möglicherweise auch gewesen seien, und ein Unbehagen, das sich gelegentlich zur Hysterie gesteigert habe, da man sich in der Mitte eines Kontinentes im Kriegszustand befunden habe, wo andere Nationen die Neutralität der Schweiz benutzt und sie dafür gehasst hätten.

So sei man in der Schweiz glücklich gewesen, in General Guisan über einen Mann zu verfügen, der die ganze Sache zusammengehalten habe. Er, Dempster, sei zwar nie Schweizer geworden, denn es sei nicht einfach, ihrem Club beizutreten.

Ich habe alle drei Romane der Trilogie in einem Zug gelesen. Davies schreibt ein sehr elegantes Englisch, und sein Erzählen entwickelt einen starken Sog. Noch die bizarrsten Charaktere wirken authentisch, so authentisch, dass ich gewettet hätte, Deptford in der kanadischen Provinz Ontario existiere wirklich. Das ist nicht der Fall. Was es gibt, ist Deptford als Stadtteil des Bezirks Lewisham im Süden Londons – einem grösseren Publikum bekannt durch die «Rock against Racism»-Konzerte. Im Weitern ist in Deptford der 29-jährige Christopher Marlowe, Autor von «The Tragical History of Doctor Faustus», im Mai 1593 in einem Gasthof ermordet worden.

Davies ist nichts weniger als ein zweiter Trollope, und dessen Trilogie ist allen Freunden dicker Wälzer zu empfehlen – insbesondere aber Zauberern und an Zauberkünsten Interessierten. So habe ich erfahren, Kinder seien ein schlechtes Publikum für Taschenspielertricks. Dem sei aber nicht so. Dempster sagt, Kinder seien nüchtern denkende Biester, die von allem wissen wollten, wie es gemacht werde, und keine Freude daran empfänden, getäuscht zu werden. Die ganz Kleinen seien weniger schlimm, aber für sie könne ein Kaninchen überall auftauchen, es müsse nicht unbedingt aus einem Hut sein. Was sie vor allem interessiere, sei das Kaninchen.

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