Junge Kunst aus Teheran in Aarau

30 Jahre nach der Islamischen Revolution nähert sich das Forum Schlossplatz in Aarau der zeitgenössischen Kunst der Hauptstadt Irans.

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Aargauer Zeitung

Raphaela Gysi

Mit den jüngsten Protestaktionen im Zusammenhang mit den Wahlen im Juni 2009 rückte Teheran wieder in unser Blickfeld. Viele Kunstschaffende beschäftigen sich mit den radikalen Folgen des autoritären und diktatorischen Regimes für die Gesellschaft. Mit der Ausstellung «inside Teheran out» gelingt es Susann Wintsch, Kuratorin des Forums Schlossplatz, eine Auswahl von in Teheran lebenden Künstlern und Künstlerinnen nach Aarau zu bringen.

Wintsch besucht die iranische Kunstszene seit 2005 regelmässig. Auf der bisher letzten Reise im Mai 2009 drängte sich im Gespräch mit den Kunstschaffenden das Thema des öffentlichen Raumes, der dem privaten Raum gegenübersteht, in den Vordergrund. Das öffentliche Leben in Iran ist den religiösen Vorschriften unterworfen, die Argusaugen der Regierung wachen überall.

Das Einengende der privaten Räume, die heute nicht mehr kontrolliert werden, kommt in den Beiträgen der einzelnen Künstler in der Aarauer Ausstellung sehr schön zur Geltung. Jedem Künstler ist in etwa gleich viel Ausstellungsfläche gewidmet, bewusst oder unbewusst lässt sich nicht sagen.

Im Video «commode» der 29-jährigen Künstlerin Samira Eskandarfar lässt eine junge Frau den Zuschauer Voyeur sein. Unweigerlich steigt das beklemmende Gefühl auf, nicht rauszukönnen. Dazu kommt das repetitive, eintönige Element der Tapete, auf der den immer wiederkehrenden Blumen etwas Irrationales, Unerreichbares anhaftet.

Tapete ist auch das Trägermaterial der 30-jährigen Ghazaleh Hedayat. Auf den Stoffbahnen reiht sich immer derselbe Frauenkopf mit offen getragenen Haaren. Ihre zwei anderen Installationen im selben Raum zeigen die Vereinnahmung der Frau als Ikone des religiösen Systems. Auch die Frau als Erotikobjekt ist in diesem Werk thematisiert. Die kleinste Installation in der Ausstellung ist von ihr, wird beinahe übersehen, hat aber eine immense Aussagekraft: Drei schwarze Kraushaare sind wie Geigensaiten mit Nägeln festgenagelt.

Kunst als Protest gegen das System

Auch die mit der Analogkamera aufgenommenen Selbstporträts zu immer wieder anderen Tages- und Jahreszeiten der ebenfalls 29-jährigen Mehraneh Atashi wiederholen sich und werden zum Massenprodukt, wie die Bewohner der Millionenmetropole. In der zweiten Videoinstallation «Sundown» hört man nur das Meeresrauschen und sieht Kinder in der Abenddämmerung am Strand spielen. Ein einsamer Drache sucht sich den Weg in den Himmel, wird aber wieder zur Erde gelenkt.

@ | www.forumschlossplatz.ch

Hinweis «inside Teheran out». Künstlerische Positionen aus der Metropole. Forum Schlossplatz, Aarau. Bis 10. Januar 2010.

«Die Jungen beschäftigen sich mit dem autoritären System, Kunst ist eine Möglichkeit, dagegen zu protestieren oder es auch einfach zu verarbeiten und damit zurechtzukommen», sagt Susann Wintsch. «Es gibt in Teheran selber über 200 Galerien, das Bedürfnis, sich mittels Kunst auszudrücken, ist also vorhanden. Inzwischen gibt es mehr Künstlerinnen, auch an der Universität studieren mehr Frauen als Männer. Das will die Regierung nun ändern.» Abschliessend meint die Kuratorin: «Weg aus Teheran will doch keiner der Künstler.» Iran sei wie ein Baby, das man pflegen müsse.