Sie kennen den Ballonhund von Jeff Koons, ja? Dieses riesige, glänzende Ding, das aussieht, als hätte es einen Fehler in der Matrix gegeben. Und ein 20 Meter grosser Clown vom Planeten der Kindergeburtstage hätte sich in unserem Universum verirrt und vor seiner Rückkehr ein pinkes Souvenir seiner Fingerfertigkeit dagelassen? Das war kein Fehler in der Matrix. Das waren Menschen wie Julia Pfisterer.

Münchenstein an einem verregneten Dienstagmittag. Pfisterer steht in einer Lagerhalle und klopft sich die Hände an der Hose ab. Fester Blick, fester Händedruck. Sie kommt direkt vom Schweissen – hinter ihr liegt wie erlegt eine riesige Wolfsfigur aus Bronze. Die Figur war bereits in Moskau und Zürich zu sehen, unter dem Namen des Künstlers, der Pfisterer und ihren Kollegen den Auftrag gegeben hat.

Sie selbst arbeiten bereits wieder an einem anderen Kunstwerk. Namentliche Erwähnung in der Ausstellung gehört nicht zum Job. Stört sie das? Pfisterer schüttelt den Kopf. Sicher nicht. Sonst wäre sie hier am falschen Ort.

Das letzte Wort dem Künstler

Die unscheinbare Halle auf dem Walzwerkareal in Münchenstein ist eine Traumwerkstatt für zeitgenössische Kunst: Das 13-köpfige Team des «Kunstbetrieb» stellt Massanfertigungen für Künstler her, die deren Möglichkeiten übersteigen. Weil das handwerkliche Können oder das technische Wissen fehlt, das Atelier zu klein ist oder die Anschaffung einer Infrastruktur keinen Sinn ergibt. Der «Kunstbetrieb» berät, plant, organisiert und führt aus. Für jeden Auftrag wird ein passender Projektleiter innerhalb des Teams definiert, abhängig vom Kontakt zum Kunden und den verschiedenen Kompetenzen.

Und diese sind vielseitig vorhanden: Schlosser, Schreiner, Materialdesigner, Zahntechniker, Kunstgiesser, Bildhauer, technische Modellbauer, die Liste ist lang. Der «Kunstbetrieb» ist für alles vorbereitet.

Julia Pfisterer hat inzwischen den Wolf verlassen und steht vor einer Art Kronleuchter, ein Kunst am Bauprojekt eines deutschen Künstlers. Metallene Buchstaben hängen wie angeklebt an einem grossen Metallring, es sieht ziemlich roh aus. «Man könnte hier vielleicht die Unebenheiten bemängeln, aber der Künstler wünscht sich genau diese Struktur.» Auch das beinhaltet dieser Job: beraten, aber nicht reinreden. Das letzte Wort hat der Auftraggeber.

Wenn man Pfisterer fragt, ob sie auch künstlerische Kompromisse eingehen muss, die ihr nicht entsprechen, sagt sie nur: Klar. Es geht hier nicht um sie, sondern um die Dienstleistung. Auch wenn sie schon für viele grosse Künstler gearbeitet hat - sie ist keine, die sich mit ihren Namen schmückt. Niemand hier tut das. Stattdessen kann man sich einen Überblick auf der Website verschaffen: Danh Vo, John Armleder, Ugo Rondinone, Pamela Rosenkranz. Auch diese Liste ist lang.

Die unscheinbare Halle in Münchenstein führt auf hochkarätiges internationales Parkett. Grosse VIP-Aufregung? Pfisterer siehts gelassen. «Solange es sich hier drin befindet, geht es in erster Linie um eine Idee, die nach Umsetzung verlangt. Kunst ist es, nachdem es unsere Hallen verlassen hat», sagt sie nüchtern.

Kaltes Aluminium, warmes Gold

Das war es auch, was die 34-jährige an dem Job reizte. Sie hat ursprünglich Goldschmiedin gelernt, danach die Berufsmaturität gemacht und Industriedesign studiert. Vor sieben Jahren wurde sie durch Zufall auf den «Kunstbetrieb» aufmerksam. Während der Schnupperwoche wurde sie ins kalte Wasser geworfen und sagt heute lachend, «das passiert auch heute noch so mit unseren Neuzugängen». Wer im «Kunstbetrieb» arbeiten will, muss mit unerwarteten Situationen zurechtkommen.

Das konnte sie, es gefiel ihr, sie blieb. Hier kommt alles zusammen, was sie an ihrem beruflichen Hintergrund schätzt: Experimentieren, Kreativität, Kontakt zu Menschen, arbeiten mit Metall. Pfisterer kommt vom Metall. So sagt sie das: «Ich komme vom Metall.» Und erzählt: von kaltem, spröden Aluminium, warmer Bronze, elastischem Stahl. Und vom Gold, das alle guten Eigenschaften vereint, immer noch das schönste Metall, das sie kennt. Das begegnet ihr hier kaum mehr, die Exklusivität ist mittlerweile eine andere. Auch gut. «Ich bin sehr zufrieden», sagt sie nach dem Mittagessen in der betriebsinternen Küche.
Und verschwindet wieder. Der Wolf ruft.