Der leise Wellengang, das regelmässig-unregelmässige Muster auf seinem Hallwilersee, die Spiegelungen des Lichtes, der Nebel: Wie oft und wie viele Stunden hat Hugo Suter dies in seinem Leben wohl betrachtet? Oft und lange. Denn der See, die flüchtigen Erscheinungen haben Hugo Suter fasziniert und sein künstlerisches Werk geprägt. Manchmal humorvoll, manchmal melancholisch, aber immer mit grossem Ernst, mit bewundernswerter Akribie und noch erstaunlicherer Vielfalt hat er die Erscheinungen in Bilder gefasst. In Zeichnungen, Objekte, Fotografien, welche die Betrachter lächeln und staunen liessen; sie bezauberten und verzauberten. Umso trauriger stimmt die Nachricht, dass Hugo Suter in der Nacht auf Freitag nach langer und schwerer Krankheit gestorben ist.

Am Montag noch konnte er mit seiner Frau Mariann und Freunden seinen 70. Geburtstag feiern. Und morgen Sonntag ist Vernissage für seine Ausstellung in Solothurn, die er mit Freude und letzter Energie seit dem Frühjahr mitgeplant hat.

Forscher, Philosoph, Künstler

Suter hatte Erfolg, wurde ausgezeichnet, 2001 mit Kulturpreis der AZ Medien. International gelang der Durchbruch aber nicht. Dafür fehlt das Gespür für oder der Drang zum Markt – oder ein ehrgeiziger Galerist. Doch in der Kunstszene ist der Tüftler vom Hallwilersee eine Grösse, wie Markus Raetz, Urs Lüthi oder Dieter Roth. Sie haben die Schweizer Kunst umgekrempelt.

Er war Mitglied der Ziegelrain-Künstler in Aarau (1968–1972), die mit kunstfremden Materialien den Reiz des Unschönen offenlegten, das Alltägliche in eine neue Art Kunst verwandelten. Hugo Suter praktizierte das hintersinnig, vieldeutig, aber auch mit Respekt vor der Tradition. Erinnert sei an seine Beschäftigung mit dem Alpenmaler Caspar Wolf.

Als er an den See zügelte, 1972 nach Seengen, später nach Birrwil, tauchte er in seine Welt aus Wasser und Licht. Wissenschaftlich vermessen im engeren Sinn hat er weder Muster noch Wasserzusammensetzung. Aber er hat eine Art Feld- oder eben Wasser- und Lichtforschung betrieben. Eigenwillig, will heissen nach eigenen Vorgaben. Die Bewegung der Wellen hat er von Stiften in schwimmenden Halbkugeln festhalten lassen oder das Gekräusel des Sees minuziös abgemalt.

Im Tagebuch hat er zu einer Zeichnung eines Bootes auf dem leicht bewegten See notiert: «Grund genug, um über die Oberfläche nachzudenken.» Ein typischer Hugo-Suter-Satz, diese doppel- und widersinnige Aufforderung an sich, der Oberfläche auf den Grund zu gehen. Entstanden sind aus seinen Forschungen keine Abhandlungen, so philosophisch sie auch angelegt waren, sondern in meist langen Arbeitsprozessen Kunstwerke, die durch ihre Sinnlichkeit in den Bann ziehen.

Ernst wirkte Suter und ernst erklärte er einem sein «Züüg». Aber er freute sich spitzbübisch, wenn er die Betrachterin aufs Glatteis geführt oder mit der unheimlichen Transformation einer Wasserpfütze getäuscht hat.

Der Meister des Glases

«Beim Sonnenaufprall zerspringt des Sees Glas in tausend Splitter.» Wieder ein Tagebuch-Satz, der programmatisch klingt. Denn Scherben und Splitter und Glas faszinieren Suter. Als das Atelierfenster in Brüche geht, sammelt er die Scherben, klebt sie zu einem dreidimensionalen Objekt und präsentiert es zusammen mit der zerborstenen Scheibe. Der Titel: «Werk statt Fenster».

Spiegelnd oder transparent, klar oder opak, glatt oder matt: Was lässt Glas nicht alles zu? Der riesige «Paravent» zeigt exemplarisch, wie vielfältig Suter das Medium Glas beherrscht. Wer über seine Hinterglas-Blumenstillleben staunt, sollte hinter die Milchglasscheiben schauen. Die «Malerei» entsteht aus einer Ansammlung bunter Alltagsdinge. Selbst Hauch-Bilder erfindet Hugo Suter. Zeichnungen also, die erst und nur für einen kurzen Moment zu Leben erwachen, wenn man das Trägerglas anhaucht. Ein kleines Wunder und flüchtig wie das Leben.

Ausstellung Kunstraum Medici, Solothurn, bis 26. 10. Vernissage: So, 18. 8., 14 Uhr.