Autoren sind Lügner. Allerdings sind sie wohl die Einzigen, denen das Lügen erlaubt ist. Mehr noch: Sie sollen besonders gut lügen, das wird von ihnen erwartet.

Es gibt diesen Pakt zwischen Autor und Leser, dass beide für die Dauer einer Geschichte so tun, als wäre alles, was darin steht, wahr. Was also soll man davon halten, wenn US-Autor Michael Chabon sagt, die Idee zu seinem neuen Roman sei ihm gekommen, als er einmal ein Inserat gefunden habe, das für Raketenmodelle einer Firma namens Chabon warb? Das Zitat jedenfalls, das er seinem neuen Buch «Moonglow» voranstellt, stammt nicht, wie angegeben, vom nazideutschen Raketeningenieur Wernher von Braun. «Eigentlich gibt es keine dunkle Seite des Mondes. In Wirklichkeit ist alles dunkel dort», raunt eine Stimme auf der gleichnamigen Platte von Pink Floyd. Und über sein neues Buch sagt Chabon, er habe sich beim Schreiben an die Fakten gehalten, «es sei denn, sie wollten sich einfach nicht der Erinnerung, dem dichterischen Willen oder der Wahrheit, wie ich sie gerne verstehe, beugen.»

Ausgefallene Bilder

Etwa zehn Prozent der Geschichte von «Moonglow» sind wahr, neunzig Prozent sind Fiktion. Ganz ähnlich ist auch das Verhältnis dessen, was Michael Chabons Alter Ego im Buch von seinem Grossvater zu Lebzeiten erfährt und was dieser ihm in seinen letzten zehn Tagen erzählt, an Knochenkrebs leidend und das Hirn umnebelt von Schmerzmitteln. Denn dies ist der äussere Rahmen des Romans, der sich als Erinnerungsbuch ausgibt. Zwischen den Szenen am Sterbebett sprudeln die Geschichten aus der Vergangenheit hervor: Bildstark überbordend, zwischen Zeiten und Orten springend – so, wie sich Erinnerungen verknüpfen. Auch wenn der Grossvater im Buch einmal sagt: «Wenn ich nicht mehr da bin, schreib die Story auf. Erkläre alles. Sorg dafür, dass sie etwas bedeutet. Bau deine ganzen ausgefallenen Metaphern ein. Bring alles in die richtige zeitliche Reihenfolge, nicht dieses Durcheinander, das ich dir erzähle.»

Michael Chabon hat die Struktur der Erinnerung bewahrt, doch seine Metaphern beleben den Text. Etwa als der Grossvater und die Grossmutter sich bei einem Fest erstmals treffen: «Alles an diesem Mann schien zu eng zu sein», schreibt der Autor. «Nur seine Augen hatten einen Fluchtweg gefunden. Aus ihren Höhlen sprangen sie meine Grossmutter an wie aus den Fenstern eines brennenden Hauses.» Und ihre Augen, in denen sich der Grossvater verliert, sind nicht einfach blau: «Sie hatten die Farbe der Dämmerung in Monte Carlo, wenn die Sterne herauskommen und wie Zehn-Watt-Lämpchen funkeln, wenn der Viertelmond sein Paillettenkleid am Himmel auffächert.»

Es ist nicht wirklich Liebe auf den ersten Blick für die beiden. Eher die wechselseitige Erkennung zweier Versehrter, die im jeweils anderen die Möglichkeit sehen, ihrem Leben einen Anker zu verleihen. «Die Frau war aus dem Feuer gekommen, ohne verbrannt zu werden, doch sie hatte einen Schaden davongetragen. Wenn er die Aufgabe auf sich nähme, diese gebrochene Frau zu lieben, bekäme sein Leben einen gewissen Sinn und Zweck», lässt Chabon seinen Grossvater sinnieren. Beide sind jüdisch, die Grossmutter hat im Zweiten Weltkrieg ihre Familie verloren, sie wird seither von Visionen eines gehäuteten Pferdes heimgesucht, das seinen blutüberströmten erigierten Penis leckt. Und er war von den US-Geheimdiensten nach Deutschland geschickt worden, um dort Wernher von Braun, der Hitlers V-2-Rakete gebaut hatte, zu jagen. Ihm fühlte sich der Grossvater verbunden. Er träumte gar von einem gemeinsamen Flug zum Mond – bis er im Konzentrationslager Mittelbau-Dora das erschütternde Ausmass der Raketenfabrik der Nazis erkannte. Trotzdem konnte er nicht verhindern, dass von Braun sich schadlos hielt und mit der Raumforschung im Nachkriegsamerika zum neuen Held aufstieg.

Paradiesgarten auf dem Mond

«Die nackten Fakten sind langweilig», sagt Chabon, der 2001 mit seinem Roman «Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier und Clay» über die Blütezeit der Comic-Kultur in den Vierziger- und Fünfzigerjahren den Pulitzerpreis gewonnen hat. Der Populärkultur fühlt sich der
54-jährige Autor nah, sein Arbeitszimmer ist mit Figuren aus Comic und Film dekoriert. Gerne wird sein agiler und hyperintensiver Erzählstil mit der Comicsprache verglichen. Er selbst hält davon wenig. Van Gogh würde sich selbst auch als Realist bezeichnen, kontert er in Interviews.

Michael Chabon feiert die höhere Wahrheit der Fiktion. Mit «Moonglow» ist
ihm ein unglaublich witziger und warmherziger Text gelungen, der ein melancholisches Panorama des letzten Jahrhunderts zeichnet. Nicht nur die Lebensgeschichte der Grossmutter entpuppt sich darin als Lügengespinst, auch eine kurze Liebesgeschichte im Altersheim steht auf wackliger Faktenbasis. Und nicht zuletzt findet der Grossvater Trost in Modellen von Raketen, die er bei der Nasa zu Schulungszwecken baut. Die Mondlandung selbst hat ihn nicht mehr interessiert. Doch dem Modell einer bemannten Mondstation fügt er einen Paradiesgarten bei und versteckt darin eine Miniaturausgabe seiner Familie: In der Fiktion rettet er sie dorthin.

Michael Chabon «Moonglow».
Kiepenheuer&Witsch. 496 Seiten. Lesung: heute Montag, 20 Uhr, Kaufleuten, Zürich.