Kunst
Hansjörg Wyss: «Auktions-Exzesse machen Museums-Landschaft kaputt»

Der Milliardär Hansjörg Wyss (79) äussert sich selten öffentlich. Im Interview mit der «Nordwestschweiz» erklärt er, warum er den Ex-Mann seiner Frau unterstützt und was er von den Exzessen auf dem Kunstmarkt hält.

Oliver Meier
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Hansjörg Wyss

Hansjörg Wyss

Andreas Blatter

Herr Wyss, wie oft gehen Sie in klassische Konzerte?

Hansjörg Wyss: zwölf bis achtzehn Mal pro Jahr.

Zur Person

Diesen Herbst wird er achtzig: Hansjörg Wyss, der reichste Berner, ein Schulversager, der zum Grossverdiener wurde. Der Gründer des Medizinaltechnikunternehmens Synthes verkaufte 2011 seine Anteile an den US-Konzern Johnson & Johnson und kassierte dafür 9 Milliarden. Zuletzt schätzte die «Bilanz» sein Vermögen auf 12 bis 13 Milliarden Franken. Wyss lebt hauptsächlich in den USA. Interviews gibt er kaum. Doch als Mäzen sorgt er immer wieder für Aufsehen. Er unterstützt die Biotech-Forschung mit riesigen Beträgen. Aber auch im Kulturbereich ist er aktiv. Seit Jahren präsidiert er die Fondation Beyeler. Zum Kunstmuseum Bern ging er nach dem gescheiterten Anbau-Projekt 2009 zwar auf Distanz. Mit seiner Stiftung Gegenwart hat er die Institution aber stets unterstützt, etwa bei Werkankäufen. Weniger bekannt ist sein Engagement im Bereich der Musik. In Bern finanziert er etwa das Ensemble Proton von Matthias Kuhn mit. In den USA unterstützt er das Boston Philharmonic Orchestra und das gleichnamige Jugendorchester, das derzeit durch Europa tourt.

In Amerika oder in der Schweiz?

Praktisch nur in den USA. In der Schweiz bin ich meistens zu spät.

Wie kommt es, dass Sie ausgerechnet das Boston Philharmonic Orchestra und dessen Jugendensemble finanziell unterstützen?

Die Elite in Boston finanziert das berühmte Boston Symphony Orchestra. Weil man sich da an Cocktailpartys zeigen kann. Das Boston Philharmonic Orchestra unter Dirigent Benjamin Zander ist ebenso gut. Das sagen die Kritiker. Aber es macht anspruchsvolle Programme. Ein solches Orchester hat es schwer.

Dirigent Benjamin Zander ist der Ex-Mann Ihrer Lebensgefährtin Rosamund Zander. Eine interessante Konstellation . . .

Die beiden sind seit 25 Jahren getrennt, aber sie sind bis heute Businesspartner. Er gibt Führungsvorträge in der ganzen Welt, sie coacht ihn und kriegt einen Teil der Honorare. Wir drei sind oft zusammen. Die meisten Leute finden das komisch. Ich nicht.

Vor zwei Jahren, als Sie zu dritt am Alpensymposium in Interlaken auftraten, kommentierte die «Schweizer Illustrierte»: «Ein Trio, das offenbar gut harmoniert.»

Das stimmt natürlich nicht immer.

Es gibt Dissonanzen?

Manchmal kann ich ihn nicht ausstehen. Ist sehr auf sich bezogen. Alle grossen Musiker sind selbstbezogene Primadonnen.

Was kann ein Unternehmer oder ein Manager von einem guten Dirigenten lernen?

Wie man eine Gruppe von Individuen zu einer unwiderstehlichen Einheit formt, in der sich jede Persönlichkeit dem grossen Gedanken unterstellt. Die Aufgabe eines CEO ist dieselbe.

Matthias Kuhn, der abtretende Stiftungsratspräsident des Berner Künstlerhauses Progr, ist Dirigent. Merkt man das?

Ja.

Woran?

Die Sitzungen sind ausgezeichnet vorbereitet. Und wenn geschwafelt wird, greift er gnadenlos ein. Er ist eine Führungspersönlichkeit.

Sie sind der Retter des Progr. Wie viel haben Sie eigentlich investiert?

Über 2 Millionen dürften es sein. Finanziell geht es dem Progr relativ gut. Aber man darf sich jetzt nicht zurücklehnen.

Werden Sie dem Progr treu bleiben?

Das ist fast eine Pflicht. Ich ging ja hier 5 Jahre zur Schule, eines mehr als vorgesehen. Ich war übrigens einer der wenigen, die schon während des Schuljahres zurückgesetzt wurden, nicht erst am Ende.

Weil Sie so schlecht waren?

Ich hatte eine 1 in Mathe, eine 2 in Latein, eine 1 in Deutsch. Ich kam mit den drei Lehrern überhaupt nicht aus. Ihre Art zu unterrichten konnte ich nicht ausstehen.

Hat Sie die Rückstufung getroffen?

Überhaupt nicht. Aber der Schock für meine Eltern war riesig. Sie glaubten nicht, dass ich je studieren könnte. Mein Vater hat für mich bereits einen Lehrstellen-Vertrag unterschrieben. Aber meine Mutter hat gesagt: Solange er nicht fliegt, passiert nichts.

Wenn Sie heute durch das Gebäude gehen, schwingt da Stolz mit?

Schon etwas, ja. Was in den letzten Jahren daraus geworden ist, das ist fantastisch. In Bern gibt es nichts Besseres. Stellen Sie sich die Alternative vor: ein Gesundheitszentrum, das Freitagabend um 17 Uhr schliesst, mit langweiligen Ärztepraxen.

Die Progr-Finanzierung folgt einem amerikanischen Modell: Der Staat hält sich raus, Private unterstützen. Welches Modell der Kulturfinanzierung finden Sie besser, das amerikanische oder das europäische?

Das muss man differenzierter sehen. Eigentlich gibt es drei Modelle: Der Staat zahlt alles, die Privaten zahlen alles oder der Staat zahlt einen gewissen Betrag und hofft, dass die Privaten mitziehen. Ich glaube, alle drei Modelle sind gut. Es kommt auf den Kontext an. Und man kann Amerika und Europa nicht direkt vergleichen.

Weshalb?

Die Steuergesetze sind anders. Wenn ich in Amerika einem «Progr» eine Million gebe mit Geld, das ich schon versteuert habe, dann erhalte ich gewisse Vorteile. Die gibt es hier nicht. Und ohne steuerliche Vorteile ist halt die Motivation kleiner.

Sie sagten: «Die reichen Leute sollten vermehrt in die Kultur investieren.» Wird schlecht gesammelt oder sind die Reichen zu knausrig?

Ich weiss es nicht. Ich weiss nur: Die grosse Chance hat Bern verpasst, als es um den Anbau beim Kunstmuseum ging.

Sie versprachen 20 Millionen für die Abteilung Gegenwart. Aber das Siegerprojekt – ihre bevorzugte Anbau-Variante – scheiterte an Einwänden des Denkmalschützers.

Die Denkmalpflege wurde extra gefragt: Können Sie dieses Projekt befürworten? Erst hiess es: ja. Eine Woche später: nein. Völlig absurd. In der ganzen Welt baut man direkt an alte Gebäude an und holt dafür Toparchitekten. Denken Sie etwa an die Morgan Library in New York oder die neuen Harvard Museen: fantastisch. Das hat man in Bern verpasst.

Ärgert Sie das bis heute?

Nein, aber enttäuscht bin ich schon.

Nun verfolgt das Museum ein Inhouse-Projekt für Gegenwartskunst.

Finanziell sicher eine vernünftige Lösung.

Sind Sie involviert?

Nein, gar nicht.

Die Museumsleitung hat gesagt, Sie würden laufend informiert.

Na ja, mehr oder weniger (schmunzelt).

Erhofft sich das Museum Mittel von Ihrer Seite?

Bestimmt.

Sind die Hoffnungen begründet?

(langes Schweigen) Im Moment befasse ich mich nicht damit.

Aber ausgeschlossen ist es nicht?

Sehen Sie, für mich ist es psychologisch schwierig. Nachdem es beim Siegerprojekt damals Probleme gab, setzte man einfach auf das zweitplatzierte Projekt. Das war ein grober Fehler. Bei der Museumsleitung regierten die Emotionen, nicht der gesunde Menschenverstand. Es wurden Planungsmillionen in den Sand gesetzt. Das waren meine Millionen.

Nun gibt es Kritik, dass das Kunstmuseum das Inhouse-Projekt ohne Seitenblick auf den Partner Zentrum Paul Klee durchzieht. Was sagen Sie dazu?

Ich habe die Diskussion nicht verfolgt.

Sie konnten sich nie für das Klee-Zentrum erwärmen . . .

Vor allem architektonisch nicht. Ich bleibe dabei: Es ist eines der schlechteren Gebäude von Renzo Piano.

Liegt es an den Wellen?

Die gehen ja noch. Aber der Ausstellungssaal ist für die kleinformatigen Klee-Werke völlig ungeeignet. Ich sammle Klees und kenne sein Werk recht gut, deshalb masse ich mir ein Urteil an.

Mit dem Klee-Zentrum hat sich Maurice E. Müller ein Denkmal gesetzt. Liegt Ihre Abneigung nicht eher darin begründet?

Ich kannte Professor Müller sehr gut. In den Zeitungen ist viel Unwahres über unsere Beziehung geschrieben worden. Mit Ausnahme einer ganz kurzen Periode 1981 sind wir immer gut ausgekommen.

Nun hat man das Klee-Zentrum und das Kunstmuseum zusammengeführt, ab Juli gibt es eine Dachstiftung.

Ich habe die Diskussionen zu wenig verfolgt, sehe die Vorteile nicht auf Anhieb.

Man kann zusammen auf dem Leihmarkt auftreten.

Das ist sehr gut. Und man kann vielleicht gewisse Ausstellungen umsetzen, die man alleine nicht stemmen könnte.

Für Museen wird es immer schwieriger, gute Ausstellungen zu machen, wegen der Auktions-Exzesse . . .

Ja, das ist eine ganz schlechte Entwicklung. Das bekommen wir auch bei der Fondation Beyeler zu spüren, die ich präsidiere. Es kommen jetzt Sammler, die haben irgendwann ein gutes Bild gekauft, vielleicht für 1 Million. Plötzlich sagen sie: Das Bild ist 5 Millionen wert. Dann müssen wir es für 5 Millionen versichern. Jeder Sammler hat das Gefühl, sein Bild sei mehr und mehr wert, wenn er die Auktionspreise sieht. Die Transportkosten, die Versicherungskosten – das wird alles zunehmend irrsinnig teuer .

Also kommt auch das Beyeler Museum an seine Grenzen?

Wir verlieren inzwischen mit jeder Ausstellung Geld. Dank den Subventionen, den Mitteln von mir und ein paar anderen ist das Museum stets knapp defizitär oder gerade bei null.

Und wenn das so weitergeht?

Es wird sich wieder einpendeln, irgendwann. Viele Werke, die jetzt hochgeschaukelt werden, sind in dreissig Jahren noch halb so viel wert. Aber heute ist es für Museen praktisch unmöglich, erstklassige Kunstwerke zu erwerben. Beim Beyeler Museum haben wir ein Ankaufsbudget von fünf bis sechs Millionen Franken pro Jahr. Aber auch damit kommt man nicht weit. Die Auktionsexzesse machen die Museumslandschaft kaputt.

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