Weihnachtszeit ist Kindertheaterzeit. In Zürich gibt es an der Oper statt «Orfeo ed Euridice» «Hänsel und Gretel», am Theater Basel statt «Hamlet» «Herr der Diebe» und am Zürcher Schauspielhaus statt Wallenstein den «Wunschpunsch» von Michael Ende. Sobald die Temperaturen sinken, schiessen Kindertheaterproduktionen wie Pilze aus dem Boden. «Einst entstand das sogenannte Weihnachtsmärchen in Deutschland aus ganz profanen Gründen», erklärt Petra Fischer, Leiterin des Jungen Schauspielhauses Zürich: «Dem Theater ging es um 1869 schlecht, man wollte die Zuschauerzahlen ankurbeln. Und eine Familie besteht eben meist aus mehreren Personen.»

Was einst aus der Not entstand, hat bis heute Tradition. Ob Gross, ob Klein, alle durften bei der Premiere von «Hänsel und Gretel» am Opernhaus Zürich grosse Augen machen: Denn Hänsel trägt hier Hoodie, Gretel ist im Grunge-Look unterwegs, die Mutter geht anschaffen und dem Vater eilt seine Alkoholfahne voraus. Nein, dieses Leben ist wahrlich kein Honigschlecken – dabei wäre das bei «Hänsel und Gretel» doch buchstäblich angesagt mit dem berüchtigten Honigkuchenhaus, an dem die Kinder knuspern.

Grimm im Urban Jungle

Doch das diesjährige Weihnachtsstück spielt statt im Märchenwald im Urban Jungle – mit Graffiti an der Wand und Müll am Boden, so weit das Auge reicht. Schuld daran ist der kanadische Regisseur Robert Carsen, der Engelbert Humperdincks Märchenoper einen Reality-Check verpasst. Und auch wenn bei ihm der Nostalgiequotient ziemlich gegen null sinkt: Der Mann hat recht. Schliesslich wäre die Geschichte zweier hungernder Kinder, die Besen binden und Socken stopfen, heute schlicht nicht mehr glaubwürdig.

Es sei im Theater wichtig, dass man abgeholt werde «mit Dingen, die man kennt», meint auch die Jugendtheater- expertin Petra Fischer. «Aber man soll einen Blick auf diese werfen können, den man im Alltag vielleicht nicht wirft.»

Und was diesen anderen Blick angeht, schafft Carsens Inszenierung tatsächlich die Quadratur des Kreises: Sie gibt dem alten Grimm-Märchen Street Credibility, ohne das Stück zu verleugnen. Denn in seiner Inszenierung geraten Hänsel und Gretel in eine Art Rauschzustand, ge- speist aus ihrem Wunsch nach Konsum, ihren kindlichen Fantasien – und Schnipseln amerikanischer Horror-Komödien von «The Grinch» bis «Chucky». Kein Wunder, breakdancen da die Schutzengel, der Sandmann (Hamida Kristoffersen) macht ein Selfie und die Hexe wird zum Horror-Santa mit blutverschmiertem Hackebeil als Zauberstab.

Harter Plot, süsse Musik

Für sich genommen, wäre diese Perspektive vielleicht zu düster. Doch da ist ja auch noch Humperdincks Musik, die mit ihrem fast unzeitgemässen Wohlklang, ihren Kinderliedern («Eia popeia, was raschelt im Stroh» oder «Brüderchen, komm tanz mit mir») sowie mit Anklängen an Mahler oder Primadonnenarien (ein Bravo an Olga Kulchynska als Gretel!) eine Verbindung schafft zur Märchenwelt. Die Philharmonia Zürich spielt unter Dirigent Markus Poschner mit grossem Atem und Freude am Effekt – den hat auch Marina Prudenskaya als Hexe beziehungsweise als Horror-Santa, der aufs Schönste demonstriert, dass böse Rollen oft am meisten Spass machen.

Ernster erscheinen dagegen Hänsel (Anna Stéphany) und Gretel (Olga Kurchynska). Dank ihren unterschiedlichen Timbres – sie: glockenheller Sopran, «er»: voluminöser Mezzosopran, beider Ausstrahlung – sie: kindlich-begeistert, er: mit präpubertärem Anspruch auf Coolness, und vor allem mit dem sängerischen Strahlen der Ukrainerin Olga Kulchynska, geben die beiden ein authentisches Geschwisterpaar ab. Und wenn die Kommunikation zwischen Sängern und Orchester ab und zu noch nicht ganz so läuft wie in anderen Produktionen, hey, für Hänsel und Gretel ist es noch nicht aller Tage Abend.

Schliesslich haben die beiden soeben den Horror-Santa in den Ofen geschoben und sind frei. Auch als Zuschauer verlässt man das Opernhaus mit einem Gefühl von Beschwingtheit: Die Kinder mit neuen Breakdance-Moves, die Erwachsenen mit neuen Gedanken zum alten Märchen – und Gross und Klein gleichermassen liebgekost von Humperdincks Melodien.

«Eine Bühne soll nie das Leben eins zu eins abbilden, das kennen wir ja schon», meint auch Petra Fischer vom Jungen Schauspielhaus Zürich. «Man soll ein wenig anders aus dem Theater raus- gehen, als man reingegangen ist. Mit einem Gedanken, den man noch nie gedacht hat. Oder mit einem Gefühl, das man noch nie erlebt hat.» Bis Weihnachten hat man für ein solches Erlebnis von Basel bis St. Gallen vielfach Gelegenheit.