Kunst
«Fürst der Finsternis»: Basel Art Center zeigt Werke des «Alien»-Schöpfers H.R. Giger

Bis auf das Bündner Kunstmuseum hat bisher keine offizielle Schweizer Institution eine Einzelausstellung von H.R. Gigers Werk ausgerichtet. Jetzt werden rund 100 Werke des Künstlers in Basel gezeigt.

Mathias Balzer
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Sowohl die psychedelische Werkphase...
10 Bilder
... wie auch die Entstehungsgeschichte von «Alien» werden im Basler Art Center beleuchtet.
H.R. Giger im Basel Art Center

Sowohl die psychedelische Werkphase...

Kenneth Nars

Aufgepasst beim Erfinden von Monstern, sie könnten ewig leben. «Alien» ist ein solches Monster. Und sein Schöpfer H.R. Giger, war sich sicher bewusst, was es heisst, Dämonen in die Welt zu rufen. Schliesslich war er ein Experte in dieser Sache. Keiner seiner Zeitgenossen hat die Vorstellung von Biomechanik, der Mischung von Mensch und Maschine, so vielgestaltig ausformuliert wie er.

Hollywood hat ihn dafür geehrt und sein Szenenbild für «Alien» 1980 mit einem Oscar ausgezeichnet. Die Kunstwelt dagegen ging auf Distanz. Ausser das Bündner Kunstmuseum hat ihm bisher keine offizielle Schweizer Institution eine Einzelausstellung ausgerichtet. Auch nach seinem Tod im Mai 2014 nicht.

100 Werke von H.R. Giger präsentiert das Art Center Basel. Die Institution an der Riehentorstrasse 31 wurde vor fünf Jahren vom Galeristen Matthias Rüthmüller gegründet.

Wie die Art Center in anderen Städten definiert es seine Aufgaben breit. Vier Ausstellungen im Jahr initiiert Rüthmüller selbst. In der verbleibenden Zeit können die 680 Quadratmeter, aufgeteilt auf zwei Stockwerke, von anderen Institutionen oder Galerien gemietet werden. Das Art Center betreut diese Kunden mit Ausstellungs-Knowhow, Logistic und Marketing. Zudem können ab der nächsten Art Basel auch gesicherte Kunstlagerräume angemietet werden. (bal)

Von der Kunstwelt geschnitten

Im Kunsthaus Zürich hat man damals darüber diskutiert, ob es nicht an der Zeit wäre, Giger, der seit den 1960ern in Zürich lebte, endlich umfassend zu zeigen. «Aber man fand, er sei zu wenig mehrheitsfähig», sagt Matthias Rüthmüller. Der Galerist und Kunstvermittler hat dem «Fürsten der Finsternis» die Tore zu seinem Art Center Basel nun geöffnet, in Kooperation mit dem H.R.-Giger-Museum in Gruyères bei Fribourg. Dieses hat der Künstler selbst vor 20 Jahren ins Leben gerufen. Zum 20-Jahr-Jubiläum werden nun rund 100 Werke in Basel gezeigt.

Dass es durchaus Gesellschaftsgruppen gibt, bei welchen Giger immer noch ein schweres Standing habe, bestätigt Björn Quellenberg, Medienverantwortlicher des Kunsthauses Zürich. Für das Kunsthaus habe Giger sich vor allem als Film- und Kunstdesigner einen Namen gemacht. Erst in zweiter Linie sei er ein Künstler im traditionellen Sinn. «Das Kunsthaus hat Gigers Werke 1977 und 2008 in Gruppen-Ausstellungen gezeigt», so Quellenberg. «Im Kunstrat wurde mehrfach über eine Einzelausstellung nachgedacht, die Mehrheit der Kuratoren hat die Idee aber verworfen, weil Giger in vielen seiner Werke offen sexistisch ist.»

Immerhin hat die Stadt Zürich nun einen Weg in Zürich-Seebach nach dem vermeintlichen Sexisten und Oscarpreisträger benannt. In seiner Geburtsstadt Chur bekam er sogar einen kleinen Platz, ganz in der Nähe des Hauses, wo er als Sohn eines Apothekers aufgewachsen ist. Dass Giger vom Heimatkanton Graubünden bloss einen Anerkennungspreis und nie den grossen Kulturpreis erhalten hat, gehört zur Kränkungsgeschichte dieses Künstlers. Die viel beachtete Ausstellung «H.R. Giger vor Alien» 2007 im Bündner Kunstmuseum war ein spätes Zeichen der Versöhnung.

Sein vollkommen schwarz gestrichenes Zimmer und die Geisterbahn im Keller des Elternhauses gehören zu den Legenden Churs. Auch dass er als Fünfjähriger einen menschlichen Totenkopf an einer Schnur übers Pflaster der Altstadt gezogen habe. Verbrieft ist jedoch seine schicksalhafte Begegnung mit einer Mumie im Rhätischen Museum. Die getrocknete ägyptische Dame hinterliess beim kleinen Hans-Ruedi einen bleibenden Eindruck.

Weltweit verehrt

Dass Giger immer noch eine grosse Fangemeinde anspricht, merkt das Art Center Basel in diesen Tagen. «In der ersten Woche hatten wir bereits 870 Eintritte», erzählt Rüthmüller. Da kämen auch Leute mit nacktem Oberkörper rein, volltätowiert mit Giger-Motiven. Einer sei sogar vor einem Bild niedergekniet.

Da liegt vielleicht ein weiterer Grund, warum Giger in der auf Diskretion und vor allem auf Warenknappheit bedachten Kunstwelt nie richtig Fuss gefasst hat. Seit den frühen Siebzigerjahren brachte er seine Werke in relativ hohen Druckauflagen oder gar als Poster unter die Leute. Dass er legendäre Plattencover für Blondie, Emerson, Lake & Palmer und andere entwarf, gehörte für ihn zur Strategie einer Populärkunst, die mehr mit Volkskunst denn mit gehobener Pop-Art am Hut hat. Dass er Szenenbilder für Horrorfilme wie den «Alien»-Zyklus, «Poltergeist 2», «Species» oder «Prometheus» entwarf, liess so manchen Schöngeist ebenfalls die Nase rümpfen.

Düster, schön, verstörend

So viel voraus: Die Ausstellung im Art Center Basel eignet sich nicht unbedingt für den Sonntagsausflug mit Kleinkindern. Bilder von Monstern leben nicht nur lange. Sie können sich auch dauerhaft in der Erinnerung einnisten. In diesem Sinne stimmt es, dass Giger nicht mehrheitsfähig ist. Und ja: Seine Kunst ist immer sexuell aufgeladen. Seine Monster seien eben gleichzeitig schön und verstörend, sagte Ridley Scott, der Regisseur von Alien.

Die Ausstellung wurde von Kurator Marco Witzig mit Beständen aus dem Giger-Museum umsichtig zusammengestellt. Originale sind zwar nur drei vertreten, was bei einem Künstler, der so viele Drucke und Editionen herausgab, jedoch wenig ins Gewicht fällt. Die Schau bietet einen interessanten Überblick über Gigers Schaffen von den frühen Sechziger- bis Ende der Neunzigerjahre. Bilder, Grafiken, Designobjekte, Skulpturen und ein Modell der Giger-Bar in Gruyères sind ebenso vertreten wie ein Nachbau des düsteren «Harkonnen-Environment», das an einen Tempel für satanische Messen erinnert.

Die Biomechanoiden aus den Sechzigerjahren, in denen sich Körper durch Maschinen zwängen, dokumentieren das Geburtstrauma des Künstlers, sein düsterer New-York-Zyklus seine Ängste vor unserer Zivilisation. Und natürlich ist da «Alien». Wir sehen die Ur-Skulptur samt der Pläne und Zeichnungen, die zur Kreation des Monsters geführt haben.

Biomechanik und LSD

Überraschend ist der Zyklus «The Mystery of San Gottardo». An diesem Drehbuchentwurf hat Giger von den Sechziger- bis in die Neunzigerjahre hinein gearbeitet. Es zeigt ihn als zutiefst politischen Künstler, der vor einer kommenden Gewaltherrschaft durch Biomechanik warnt. In seinem durch Stacheldraht abgeschirmten Gotthard züchten Ciba-Geigy und Sandoz Wesen, die nur aus Armen und Beinen bestehen und als Sklaven der Oberschicht dienen.

Einen weiteren, etwas heitereren Bezug zu Basel bietet die Kammer mit psychedelischer Kunst. Giger hat Albert Hoffmann, den Erfinder des LSD, mehrmals persönlich getroffen und den Stoff auch von ihm bezogen. Den Einfluss der Substanz auf die gesamte Kunst Gigers zu untersuchen, wäre ein Kapitel für sich. Neben Gigers psychedelischen Arbeiten zeigt die Schau im Art Center auch ein interessantes Gemeinschaftswerk. Giger hat es gemeinsam mit Claude Sandoz und Walter Wegmüller während eines Trips gemalt.

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