Aus heutiger Sicht müsste man ausrufen: Geschieht ihm recht, ein Sklavenhändler hat es nicht besser verdient, als auf einer einsamen Insel ein Leben lang seine Untaten zu büssen. Am besten noch bevor er auf der Rückfahrt von Afrika nach Südamerika einen Drittel seiner menschlichen Fracht verrecken lässt.

Über wen redet man sich hier in Rage? Etwa über unseren Jugendbuchhelden, der abgesehen von trotziger Abenteuerlust unverschuldet Schiffbruch erleidet, dann tapfer seine Einsamkeit erträgt und zum Idealtypus eines Selfmademan und Vorbild von zeitgeistigen Survival-Abenteurern wird? Von Robinson Crusoe, der uns in sentimentalen Robinsonade-Filmen mit Tom Hanks oder Pierce Brosnan gerührt hat? Ja, genau.

Nur haben die meisten Ausgaben des Buches und vor allem die zahlreichen Verfilmungen jene Passagen weggelassen oder umgeschrieben, in denen Robinson, noch vor seinem Schiffbruch, mit Sklavenhandel den Reichtum auf seiner brasilianischen Plantage mehren will und sich später auf seiner Insel unreflektiert wie ein Kolonisator aufspielt. Robinson glaubt ja auch, ausserhalb Europas würden überall Kannibalen auf Beute lauern. Und ein Wilder kann vom Kannibalen höchstens zum devoten Diener aufsteigen, so das Fazit des Romans in Bezug auf Robinsons Gefährten Freitag. Beim Wiederlesen des Originaltextes prallen also unser aufgeklärter Moralismus sowie unsere kitschige Südseeinsel- und Aussteigerromantik auf den kolonialistischen und frühbürgerlichen Zeitgeist um 1700.

Verharmlost und verkitscht

Man muss «Robinson Crusoe» trotz seiner rassistischen Grundzüge nun nicht gleich aus dem Kinderzimmer entfernen. Auch wenn das etwa die Literaturwissenschafterin Susan Arndt fordert. Der Roman und seine Wirkungsgeschichte zeigen vielmehr auf, wie unser kollektives Gedächtnis blinde Flecken produziert und manchmal zur Verharmlosung und Verkitschung neigt.

Kein Wunder, denn die Sklaverei-Episoden sind nachfolgenden Generationen peinlich. Robinson ist so zum Trivialmythos geworden, dem man willkürlich allerlei Lebensunglücke anheften kann: Flugzeugabstürze oder Ehrenmord aus Notwehr in Kinofilmen. Ganz zu schweigen von den Liedlein über einsame Inseln, auf denen man die Alltagshektik vergessen und die Seele entdecken könne.

Mit Daniel Defoes Robinson Crusoe hat das alles nur noch wenig zu tun. Wer weiss schon, dass sein Robinson zwei Jahre als Sklave leben musste oder nach seiner Rückkehr nach Europa in den Pyrenäen Dutzende von ausgehungerten Wölfen erledigt?

Besser wieder einmal das Original lesen, das am 25. April 1719 in London erschienen ist. Jenes Buch, das Generationen von Jugendlichen träumen liess: von mit Abenteuern und Selbstbehauptung belohntem Aufstand gegen elterliche Vernunft und bürgerliche Bescheidenheit. Defoes belehrender Anspruch, mit dem Beispiel des selbst verschuldeten Unglücks ein Vorbild zu geben und so zu bürgerlicher Mässigung anzuleiten, ist dabei bloss ein Alibi für das Lesevergnügen der Abenteuergeschichte.

Matrosenberichte als Vorlage

Sofort ein Grosserfolg, erlebt «Robinson Crusoe» eine Flut von Raubdrucken, gekürzten Fassungen, Übersetzungen, Imitationen und Ausgaben für Kinder und Jugendliche, und er prägt ein ganzes Genre der Robinsonaden. Sein Autor Daniel Defoe, ein scharfzüngiger und selbst viel gereister Journalist, war da bereits 59 Jahre alt. Reich wurde er zwar nicht. Seine literaturgeschichtliche Bedeutung aber liegt in der Kombination von Faktenbericht, Abenteuerroman und Mentalitätsanalyse. «Robinson Crusoe» gilt deshalb als Meilenstein auf dem Weg zum modernen Roman. Deshalb ist er im Grunde auch gar kein Jugendroman.

Dabei stützte sich Defoe in der Beschreibung von Robinsons Inselleben auf den Bericht des Matrosen Alexander Silkirk. Silkirk war im Streit mit seinem Kapitän über den schlechten Zustand des Schiffs 1704 auf einer 48 Quadratkilometer grossen, unbewohnten Insel 670 Kilometer vor der chilenischen Küste im Pazifik auf eigenen Wunsch ausgesetzt worden. Ausgestattet mit einer Kiste mit Lebensmitteln und Kleidern, Gewehr, Schiesspulver, Beil und Messer. Nach vier Jahren wurde Silkirk gerettet.

Aus seinem in London veröffentlichten Bericht bediente sich Daniel Defoe bis in Details: Vom Hausbau bis zur Ziegenzucht. Nicht genug der Aneignung: Ironischerweise wurde die Isla Más a Tierra, auf der Silkirk überlebt hatte, 1966 in Isla Robinson Crusoe umbenannt – ein touristisch erfolgreicher Kniff.

Wieso es sich lohnt, den Roman in der vollständigen Ausgabe zu lesen? Er liest sich trotz einiger Längen immer noch als spannender Abenteuerroman, dem man voller Bewunderung auch bei den akribisch beschriebenen Details des Überlebens auf der Insel folgt. Vor allem aber liegt hier ein hoch interessanter mentalitätsgeschichtlicher Text vor. Man mag sich wundern, dass Defoe seinen Helden trotz täglicher Bibellektüre vor seinem Schiffbruch Sklaven ausbeuten und mit ihnen Handel treiben lässt. Allerdings verbot das britische Parlament erst 1807, hundert Jahre nach «Robinson Crusoe», den Sklavenhandel und 1834 auch die Sklaverei. Defoe war mit seiner Ignoranz im Zeitgeist aufgehoben.

Interessanter ist Defoes Blick auf die Standesordnung. Kein Autor hat so früh und so genau, bereits um 1700, die Mentalität der bürgerlichen Mittelschicht beschrieben. Es sei «der beste Stand und dem Glück des Menschen am dienlichsten», beschwört Robinsons Vater vergeblich seinen Sohn. Dieser Stand sei befreit «vom Kampf um das tägliche Brot versklavt zu werden» und nicht anfällig für den «Hochmut, das Schwelgen, den Ehrgeiz und den Missmut» der Oberschicht. Der Mittelstand lebe ohne die materielle Not der Unterschicht, ohne die moralische Dekadenz der Oberschicht.

Ironie der Geschichte: Erst nach mehreren Unglücken und Warnungen findet Robinson auf der einsamen Insel zu den bürgerlichen Tugenden – Arbeitsethos, fixer Stundenplan, pedantische Buchhaltung, pragmatisches Abwägen von Soll und Haben, Bescheidenheit und Fantasielosigkeit. Alles zielt auf Beherrschung und praktischen Nutzen. James Joyce bezeichnete Robinson in einer Vorlesung im Jahr 1912 dennoch treffend als Symbol der britischen Eroberungen und sagte mit spöttischem Unterton: «Der gesamte angelsächsische Geist steckt in Crusoe: seine männliche Unabhängigkeit, die unbewusste Grausamkeit, die Ausdauer, das behäbige, aber effiziente Denken, das sexuelle Desinteresse, die praktische, wohltemperierte Religiosität, die berechnende Einsilbigkeit.»

Kämpfer für Toleranz

Man tut dem Autor Daniel Defoe aber Unrecht, wenn man ihn als tumben Kolonialisten hinstellen würde. Denn sein Roman ist von subtiler Mehrschichtigkeit: Robinsons Selbstbehauptung wird sowohl im praktischen Erfolg als kreativer Selbstversorger wie in seiner psychischen Not und im Spiegel zeitgenössischer gesellschaftlicher Normen geschildert. Robinsons Überleben gelingt mit handwerklichem Geschick, Fleiss und Organisationstalent, ist aber begleitet von plötzlichen Depressionen, die lediglich mittels Gottvertrauen vertrieben werden können.

Vergessen sollte man nicht, dass Defoe als Journalist ein Kämpfer für Toleranz und Religionsfreiheit war und scharf gegen fremdenfeindliche Tendenzen und die Fantasie einer «reinen Rasse» anschrieb. Er meinte, wir alle seien Migranten. Ein moderner Standpunkt und zumindest darin kein Widerspruch zu «Robinson Crusoe».