«Sehr geehrter Herr Willis,
geht es Ihnen gut?
Mit freundlichen Grüssen
Tilman Rammstedt»

Mit dieser Email an den amerikanischen Action-Darsteller Bruce Willis beginnt Tilman Rammstedts neues Buch «Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters». In der Folge wird der Autor auf alle erdenklichen Arten versuchen, Willis aus der Reserve zu locken und zum Zurückschreiben zu bewegen. Mal schmeichelnd - «Ich kenne mich mit ihren momentanen Sorgen (Körper, Beruf, Haustiere) recht gut aus» -, mal drängend - «Darüber schlafen macht alles immer nur komplizierter, das muss ich Ihnen nicht erzählen» - mal Eindruck schindend - «In Amerika bin ich noch nicht sehr bekannt (kulturelle Unterschiede, Terminschwierigkeiten, fehlende Übersetzung), doch ich kann Ihnen versichern, dass ich ein seriöser Schriftsteller bin, mit ausreichend Berufserfahrung, besonders was Figuren angeht, denen es gerade nicht sehr gut geht (Liebe, Körper, Leben).

Der Kerl verweigert sich. Doch ob er einwilligt oder nicht, der Autor hat die Macht, ihn schreibend in ein Abenteuer reinzuziehen, in dem Willis bald angeschossen in einem Sumpf landet - übermüdet, hungrig und von der Polizei verfolgt. Rammstedt fährt in seinem Metaroman mit zunehmend schwererem Geschütz auf. Dennoch stellen die dazwischen geschobenen Miniaturen über den ehemaligen Bankberater jedes Actionspektakel in den Schatten. In wenigen Sätzen skizziert Rammstedt liebevoll eine melancholische, skurrille, verlorene Figur.


Wie sind Sie auf die Idee gekommen, den Actionhelden Willis einem traurigen Bankberater gegenüberzustellen?

Tilman Rammstedt: Ich wollte einen Roman über diesen Bankberater schreiben. Und ich wollte eine zweite Ebene, eine zweite Hauptfigur haben. Dann suchte ich nach dem perfekten Gegenteil, was diese Figur angeht und auch die Erzählform: Kleine, sagen wir mal pseudo-poetische Miniaturen gegenüber verzweifelten E-Mails.

Weiss Bruce Willis überhaupt, dass er in Ihrem Buch vorkommt?

Ich fürchte nicht. Er war kürzlich in Berlin, das wäre meine Chance gewesen, mich auf ihn zu werfen und ihn zu nötigen, seine Existenz in meinem Buch endlich wahrzunehmen. Aber diese Chance habe ich verpasst.

Warum gerade Bruce Willis und nicht James Bond oder Rambo?

Willis' Klischeerollen passen gut zu dem, was dem Tilman Rammstedt im Roman als Erlöserfigur vorschwebt. Einer, der kein Held sein möchte, aber gezwungenermassen immer einer wird, und das verdammt gut macht - ohne viel Worte, mit mürrischem Blick.

Nur verhält sich der Actionheld bei Ihnen gar nicht wie einer.

Vielleicht um zu zeigen, dass der Tilman Rammstedt im Buch mit seiner Melancholie alle ansteckt. Deswegen ist der Plan, dass jemand von aussen kommen könnte und nicht nur ein Buch rettet, sondern ein ganzes Leben, von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Bruce Willis Abenteuer verblassen neben den schrägen Alltagsbegegnungen mit dem Bankberater.

Das war die dankbarste Figur. Auch wenn diese durch die literarische Form nicht viel Raum einnimmt, ist sie eigentlich die Hauptfigur.

Der Willis-Figur muten Sie einiges zu: Schusswunden, Schlafentzug, Sümpfe. Was haben Sie für einen Zugang zu von Ihnen erfundenen Figuren, gibt es Hemmschwellen, denken Sie manchmal: «Nein, das kann ich der nicht antun»?

Ich finde es schon richtig, eine gewisse Grundsympathie für seine Figuren zu haben, ein bisschen auf sie aufzupassen, sie nicht vorzuführen. Anderseits würde es mich reizen, mal etwas zu schreiben, wo etwas wirklich, wirklich schief geht. Auch in diesem Roman hol ich meine Figuren durch literarische Tricks aus jeder unangenehmen Situation wieder raus.

Und geben Bruce Willis ein Rosinenbrötchen.

Genau, wenn er das braucht, bekommt er das halt. Ich habe das Gefühl, ich behandle meine Figuren immer noch viel zu nett. Aber ich weiss nicht, ob ich es anders könnte.

Wegen des Titels hat man zunächst den Eindruck, das Buch handle von der Finanzkrise. Interessiert diese Sie überhaupt?

Ja, brennend. Ich habe aber immer vehement abgestritten, dass das Buch etwas damit zu tun hat und bis zum Schluss überlegt, ob ich den Titel ändern sollte, damit es nicht in dieses Fahrwasser gerät. Nun habe ich aber immer mehr den Eindruck, dass es doch etwas damit zu tun hat. Immerhin geht es um drei Männer in einer Krise. Und es geht gerade beim Bankberater um ein völliges Zusammenbrechen seiner Gewissheiten. Man merkt, dass das alles vorne und hinten nicht funktioniert, aber ihm fällt partout nicht ein, was man irgendwie anders machen könnte. Deswegen macht er immer weiter. Das sind ja Mechanismen, die ich auch in der Finanzkrise zu beobachten meine.

Ist dieses Buch vielleicht typisch für unsere Generation und unsere Zeit. Wir schauen doch alle etwas ratlos dem Geschehen zu und sind zu wenig idealistisch, um eine grosse Gegenbewegung zu gründen.

Ich glaube, die Ratlosigkeit ist schon ein Zeitphänomen. Aber ich habe den Eindruck, dass wir uns in einer überaus idealistischen Zeit befinden. Der ausgeprägte Wunsch, Gutes zu tun, ist da, aber es ist unklar, was das Gute ist. Für jede Idee gibt es hundert Gegenargumente.

Tilman Rammstedt liest am Montag um 19 Uhr im Literaturhaus Basel, und am 26. Februar um 20 Uhr im Kaufleuten in Zürich; www.literaturhaus-basel.ch