Poetry Slam
«Ein Mensch, ein Text. Das ist schon geil»

Der Dichterwettstreit in der Schweiz wird 20 Jahre alt. Lara Stoll, die erste Schweizer Meisterin und Mitorganisatorin der diesjährigen Poetry-Slam-Meisterschaften, hat diesem Format sehr viel zu verdanken.

Céline Graf
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Früher musste Lara Stoll allen erklären, was Poetry Slam ist. Heute gehört es zum Standardprogramm von Kulturlokalen und Fernsehshows.

Früher musste Lara Stoll allen erklären, was Poetry Slam ist. Heute gehört es zum Standardprogramm von Kulturlokalen und Fernsehshows.

Keystone

Lara Stoll tigert im grellen Licht der Garderobe herum, die Soundchecks aus einem Lautsprecher neben der Tür ignorierend. Sie setzt sich, flucht leise. «Vor einem Auftritt mag ich meistens mit niemandem reden. Ich sammle meine Energie und versuche, möglichst ruhig zu werden.» Endlich kann sie auf die Bühne. Alles, was nun zählt, ist, ob sie die Leute mit ihrem Text und ihrer Performance in der Hand hat. Wieder unten, ist die Anspannung verflogen.

Schuld daran, dass die 30-jährige Autorin, Filmkünstlerin und Musikerin Lara Stoll in den vergangenen Jahren immer wieder mit Zetteln in der Hand auf die Bühne gestiegen ist, ist der Poetry Slam. Der Literaturwettstreit, bei dem innerhalb von sechs Minuten ein selbst geschriebener Text auf unterhaltsame Weise vorgetragen wird, packte die Thurgauerin im Gymnasium.

Deutschsprachige und Schweizer Meisterschaften

Die besten Slampoetinnen und Slampoeten der Schweiz treffen sich seit 2010 einmal jährlich an den Poetry-Slam-Meisterschaften. Die 9. Ausgabe findet vom 22. bis zum 24. März im Casinotheater Winterthur statt. Tickets gibt es noch für alle Vorrunden der Kategorie Einzel sowie für den Teamfinal, laut den Veranstaltern die Königsdisziplin. Die Finals Einzel und U20 sind ausverkauft. Zudem ist Zürich vom 6. bis zum 20. November Gastgeberin der deutschsprachigen Meisterschaften.

Kunst ohne Dünkel

Im Gegensatz zum Theater konnte sie beim Poetry Slam zuschauen, ohne sich zu langweilen. «Ein Mensch, ein Text. Dass etwas so Einfaches, ja fast Brachiales die Leute einen Abend lang unterhalten kann, ist schon geil», sagt sie.

Als Erfinder dieses Formats gilt ein Bauarbeiter und Dichter, der Literatur für die breite Bevölkerung abseits der Wasserglas-Lesung zugänglich machen wollte: Marc Kelly Smith eröffnete 1986 in Chicago eine Lesebühne in einem Jazzclub. Jeder durfte seinen Text präsentieren und vom Publikum bewerten lassen. Poetry Slams, bei denen es auch heute noch meist nur eine Flasche Schnaps zu gewinnen gibt, finden traditionell in Bars statt. Doch inzwischen füllen sie locker Stadttheater und Eventhallen. Es gibt kleine und grosse, thematisch freie und spezialisierte, solche mit offener Einschreibeliste und solche mit ausgewähltem Line-up.

Höhepunkte sind die nationalen und internationalen Meisterschaften. Die 9. Ausgabe der Schweizer Meisterschaft, die vom 22. bis 24. März stattfindet, organisiert das Poetry-Slam-Team des Casinotheaters Winterthur. Lara Stoll kuratiert dort seit 2009 das Programm der Reihe «Casino Slam».

Die Schlagfertige und der Poetry Slam, das ist eine 13-jährige Liebesgeschichte, die mit einer Enttäuschung begann. «Ich war vor meinem ersten Auftritt nur einen Slam schauen gegangen», erzählt Lara Stoll. «Beim zweiten machte ich bereits mit. Ich hatte einen klischierten Text über den Montagmorgen geschrieben und fühlte mich auf der Bühne sehr unsicher.» Es gab schlechte Noten. «Vielleicht wäre es gut gewesen, zuerst noch ein wenig mehr zuzuschauen», findet sie heute. «Mit der Erfahrung wurde ich besser und fand heraus, welche Schreibstile und Themen mir liegen.» Nach nicht allzu langer Zeit wurde sie erst U20-Schweizer- und -Europameisterin, danach dasselbe in der Hauptkategorie. Im Siegertext legte sie in rotzigem Ton dar, weshalb sie «gerne ein John-Deere-Traktor» wäre.

Die Schweizer Szene feiert dieses Jahr ihr 20-Jahr-Jubiläum, weil 1998 im Berner Liebefeldquartier ein Kunststudent den ersten Poetry Slam veranstaltete. Bald darauf tourte der soeben gegründete Spoken-Word-Verlag «Der Gesunde Menschenversand» mit kämpfenden Literaten, etwa Constantin Seibt und Melinda Nadj Abonji, durch die Schweiz.

Kein Nischenformat mehr

Dass sich mit performten Worten einmal eine junge Künstlerin das Leben in einer teuren Stadt wie Zürich finanzieren können würde, hätte damals niemand geglaubt. «Als ich anfing, musste ich ständig erklären, was Poetry Slam ist», sagt Lara Stoll. Heute gehört es zum Standardprogramm von Kulturlokalen und Fernsehshows. Erfolgreiche Exponenten werden für Moderationen, Workshops und Firmenfeiern gebucht - oder wechseln wie Hazel Brugger ganz zu Kabarett und Comedy.

«Ich habe dem Format sehr viel zu verdanken. Sonst hätte ich weder mit Musik angefangen noch Film studiert», sagt Lara Stoll. Um sich mehr auf ihre künstlerischen Projekte und ihr Soloprogramm «Krisengebiete» zu konzentrieren, beschloss sie vor zwei Jahren, im Poetry Slam kürzerzutreten. An den Meisterschaften in Winterthur wird sie herumwuseln und den Nachwuchs betreuen. «Zu schauen, dass es hinter der Bühne allen gut geht, ist jetzt der perfekte Job für mich.»*

*Dieser Text wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert